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Frank Baumann: "Als ich herkam, war man kurz vor der dritten Liga"

„Die Zeit der One-Man-Show ist vorbei“

Frank Baumann spricht im SPORT1-Podcast Leadertalk über seine Erfahrungen und benötigten Führungsqualitäten in der Fußballwelt. Sowohl als Spieler als auch als Funktionär verzeichnete er große Erfolge.
Schalke 04 hat das neue Auswärtstrikot für die Saison 2026/27 vorgestellt und die Reaktionen der Fans sind eindeutig. Der Retro-Look kommt bei den Anhängern bestens an, das Jersey ist bereits ausverkauft.
Frank Baumann spricht im SPORT1-Podcast Leadertalk über seine Erfahrungen und benötigten Führungsqualitäten in der Fußballwelt. Sowohl als Spieler als auch als Funktionär verzeichnete er große Erfolge.

Frank Baumann gehört zu den prägenden Führungspersönlichkeiten des deutschen Profifußballs. Als Spieler war er Kapitän, Nationalspieler und Double-Sieger mit Werder Bremen, später über viele Jahre einer der wichtigsten sportlichen Entscheider des Vereins. Heute ist er Sportvorstand des FC Schalke 04 und hat mit dem Traditionsklub den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Im Leadertalk geht es um einen Mann, der nie über Lautstärke geführt hat, sondern über Klarheit, Vertrauen, Verlässlichkeit und die Fähigkeit, Verantwortung zu teilen.

Baumann spricht über seinen ungewöhnlichen Weg, über Treue in einer Branche, die ständig nach Veränderung sucht, über die Bedeutung von Identifikation und darüber, warum gute Führung nicht von einer einzelnen starken Person abhängt. Thema ist auch seine Entwicklung vom Spieler zur Führungskraft, über die Frage, was man über sich selbst wissen muss, um andere gut führen zu können, und warum es manchmal wichtiger ist, die eigenen Grenzen zu kennen als nur die eigenen Stärken.

Natürlich geht es auch ausführlich um Schalke 04: Um die schwierige Ausgangslage bei seinem Amtsantritt, um den Aufbau einer neuen Kultur, um Höchstleistung und Zuversicht, um die Rolle von Trainer Miron Muslić und um die Frage, wie man einem Verein mit dieser Geschichte, dieser Wucht und diesen Erwartungen wieder Stabilität gibt. Ein Gespräch über Führung ohne Ego, über Vertrauen und Verantwortung, über die Entwicklung von Menschen – und darüber, warum nachhaltiger Erfolg oft dort beginnt, wo nicht einer alles entscheidet.

Im SPORT1-Podcast Leadertalk mit Host und Business-Coach Mounir Zitouni spricht Frank Baumann offen über seinen außergewöhnlichen Führungsstil und seine Erfahrungen im Fußball, sowohl als Spieler als auch als Funktionär.

Treue und Bodenständigkeit

Bodenständigkeit ist ein Begriff, der im Profifußball schnell bemüht wird. Bei Frank Baumann wirkt er nicht wie eine Zuschreibung, sondern wie ein Prinzip, das sich durch seinen gesamten Weg zieht. „Stolz bin ich vielleicht darauf, dass ich, glaube ich, relativ normal geblieben bin und mir eben auf die Erfolge als Spieler, aber auch die Zeit danach jetzt nichts einbilde, sondern da sehr dankbar bin für das, was ich im Fußball auch erleben konnte.“

Dass Baumann dabei nicht mit Titeln, Länderspielen oder großen Fußballabenden beginnt, ist bezeichnend. Er spricht über Glück, über Menschen, die ihm Chancen gegeben haben, über Treue, Entwicklung und darüber, dass Erfolg nie nur das Werk eines Einzelnen ist. „Es gab mit Sicherheit viele Spieler, die mehr Talent hatten, auch im Jugendbereich, auch in Nürnberg. Ich hatte in vielen Bereichen einfach auch Glück, das muss man so sagen.“

Diese Haltung prägt auch seine Entscheidungen. Baumann war nie derjenige, der möglichst schnell zum nächsten größeren Klub wollte. Selbst nach dem Abstieg des 1. FC Nürnberg in die dritte Liga lehnte er Angebote aus der Bundesliga ab. „Ich habe ja eigentlich bei jeder Station immer auch höher dotierte Verträge abgelehnt, weil mir dieses Umfeld einfach wichtig war, weil ich aber auch eine Möglichkeit auf Entwicklung gesehen habe.“

Was heute im Profifußball fast anachronistisch wirken kann, benennt Baumann ohne großes Pathos: Treue. „Ich glaube, dass ich nicht nur beruflich, sondern auch im Privaten auch das Thema Treue, glaube ich, für sehr, sehr wichtig halte.“

Baumanns eigener Weg verlief ohnehin anders als der vieler heutiger Profis. Er stand mit 15 oder 16 nicht im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, machte parallel eine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten und bestritt sein erstes Bundesligaspiel erst mit 23 Jahren. Vielleicht erklärt auch das jene Unaufgeregtheit, die ihn bis heute prägt.

Frank Baumann – eine eher leise Führungskraft

Frank Baumann war schon als Spieler Führungskraft. Laut war er deshalb nie. Und auch später im Management hat er nicht versucht, sich einen Führungsstil anzueignen, der nicht zu ihm passt. „Man sagt ja häufig, wenn es um Führung geht, dass man authentisch, glaubhaft führen sollte. Und ich glaube, es wäre nicht glaubhaft, wenn ich jetzt den extrovertierten Macher von Zampano darstellen würde. Das bin ich nicht.“ Sein Verständnis von Führung beruht vielmehr darauf, Verantwortung zu verteilen. „Da habe ich aber auch schon gelernt, dass Führung nicht alleine geht, sondern dass man ein Führungsteam braucht.“ Daraus leitet Baumann eine klare Überzeugung ab: „Die Zeit der One-Man-Show im Fußball ist, glaube ich, schon lange vorbei.“

Für ihn besteht die zentrale Aufgabe einer Führungskraft deshalb nicht darin, möglichst vieles selbst zu entscheiden oder selbst zu erledigen. Es geht darum, Strukturen zu schaffen, Schlüsselpositionen richtig zu besetzen und Menschen Verantwortung zu übertragen. Eine Erkenntnis, die auch bei ihm gewachsen ist. „Was ich ja schon auch ein Stück weit lernen musste, dass man einfach auch noch mehr delegieren sollte und kann und muss vielleicht auch sogar.“

Genau dieses Entwickeln von Menschen ist für ihn inzwischen ein wesentlicher Teil seiner Arbeit geworden. Seine eigene Laufbahn hat ihn dabei geprägt. Baumann nennt Klaus Allofs und Klaus Filbry als Menschen, von denen er viel lernen konnte, und berichtet von Führungskräfte- und systemischen Coachings während seiner Bremer Zeit. „Ich finde es aber wichtig, dass man einen Handwerkskoffer letztendlich auch mitbekommt.“

Wissen, was man nicht kann

Eine bemerkenswerte Haltung zieht sich von Baumanns Spielerkarriere bis in seine heutige Führungsrolle. „Ich konnte vieles nicht.“

Ein erstaunlicher Satz für einen ehemaligen Nationalspieler und Double-Sieger. Doch Baumann verbindet damit eine zentrale Erkenntnis über Führung: „Ich glaube, das ist grundsätzlich auch wichtig, auch für Führungskräfte zu erkennen, was man kann, aber was man auch nicht kann.“

Schon auf dem Platz war Baumann der Spieler für die Balance. Einer, der Räume erkannte, Lücken schloss und das Mannschaftsgefüge im Blick behielt. Nicht der persönliche Erfolg stand im Vordergrund. „Ich habe immer eine relativ zentrale Rolle gespielt, viel im zentralen Defensivmittelfeld, auch mal in Verteidigung und dort letztendlich versucht, eine gute Balance zwischen Offensiv und Defensiv auch hinzubekommen und auch dort den Teamerfolg immer in den Vordergrund zu stellen.“

Diese Fähigkeit, ein Gesamtsystem wahrzunehmen, sieht er heute als wesentlichen Bestandteil von Führung. Eine Führungskraft müsse ein Gefühl dafür entwickeln, was eine Situation und was die Menschen gerade brauchen. Baumann beschreibt sich dabei als jemanden, der durchaus antizyklisch führt. Wenn rundherum Euphorie herrscht, erinnert er an das, was noch fehlt. Wenn Unsicherheit und Pessimismus dominieren, versucht er Zuversicht zu geben.

Genau das war auf Schalke zunächst notwendig. „Als ich herkam, war man kurz vor der dritten Liga. Ja, die Enttäuschung, der Frust der letzten Jahre war schon greifbar. Egal ob im Stadion oder hier auf der Geschäftsstelle.“

In dieser Situation sei etwas anderes gefragt gewesen als zusätzliche Kritik. „Da war es eben wichtig, ja, auch das Licht am Ende des Tunnels zu sehen und eine Überzeugung, eine Zuversicht auch auszustrahlen.“

Vertrauen als Grundlage

Vertrauen ist für ihn keine weiche Kategorie erfolgreicher Zusammenarbeit, sondern Voraussetzung dafür, dass überhaupt offen miteinander gearbeitet werden kann. „Ich glaube, Vertrauen ist die Basis für erfolgreiche Teams, weil nur mit Vertrauen kann ich auch offen meine Meinung sagen, kann auch mal unterschiedliche Meinungen sagen, kann kontrovers diskutieren, kann eine Konflikt- und Fehlerkultur letztendlich auch mitentwickeln.“

Und dort, wo dieses gemeinsame Verständnis fehlt, wird der ansonsten zurückhaltend auftretende Baumann konsequent. „Wenn dort etwas nicht passt, wenn wir dort eben nicht das Wir in den Mittelpunkt setzen, wenn wir dort nicht bereit sind, Höchstleistungen zu gehen, dann muss man auch konsequent handeln.“

Gleichzeitig bedeutet Team für ihn gerade nicht, dass alle gleich sein müssen.

„Wir sollen ja nicht alle gleich sein. Es ist ja sogar wichtig, dass man diverse Teams zusammenstellt, dass man unterschiedliche Charaktere hat.“

Baumann unterscheidet beispielsweise zwischen dominanten Führungstypen, disziplinierten Mannschaftsspielern, kreativen Individualisten und integrativen Charakteren. Was für eine Fußballmannschaft gilt, überträgt er auch auf Führungsteams.

Schalke: Nicht einfach Bremen in Blau

Mit Schalke stellt sich Baumann einer völlig neuen Aufgabe. Und gerade hier zeigt sich ein weiteres Element seines Führungsverständnisses: Eine erfolgreiche Kultur lässt sich nicht kopieren.

„Da war es eben wichtig zu betonen, dass ich jetzt nicht hierhin mit einer Frank-Baumann-Philosophie oder mit einer Werder-Bremen-Philosophie ankomme und die versuche, hier auf Schalke überzustülpen.“ Schalke müsse aus seiner eigenen Identität heraus gedacht werden. „Schalke bringt so viel mit als Traditionsverein, mit dem Standort hier in Gelsenkirchen, im Ruhrgebiet, mit dieser Arena, die ja auch einen Einfluss auf Spiele nehmen kann. Und das muss ich eben in der Spielidee widerspiegeln.“

Ein Schlüsselbegriff ist dabei Identifikation. Baumann sucht Spieler, die nicht nur sportlich in ein Positionsprofil passen. „Mir ist einfach immer wichtig gewesen, dass wir Spieler finden, die Bock haben auf die Aufgabe, für den Verein zu spielen, die sich damit wirklich identifizieren.“

Vor der Aufstiegssaison habe man den Spielern deshalb bewusst vermittelt, was es bedeutet, für diesen Verein und diese Region zu spielen – durch Mitarbeiter, Fans und Begegnungen mit der Stadt. Das Ergebnis beschreibt Baumann als eine wiedergewonnene Verbindung: „Ich glaube, das hat uns definitiv geholfen, dass wir dieses Band zwischen Schalke-Fans und Mannschaft auch wieder zusammenbekommen haben.“

Höchstleistung und Zuversicht

Als Baumann nach Gelsenkirchen kam, traf er einen Verein, der sportlich und emotional schwierige Jahre hinter sich hatte. Er sah darin nicht nur Belastung. „Deswegen war die Krise, die Schalke letztendlich auch in den letzten Jahren hatte, eine große Chance, gerade für jemanden für mich, der von außen kam.“

Die Botschaft an die Organisation war dennoch anspruchsvoll. „Wir haben immer gesagt, wir müssen zwei Gänge höher schalten, wir müssen eine Höchstleistungskultur hier jeden Tag leben, wir müssen den Anspruch haben, jeden Tag besser zu werden.“

Nach dem Aufstieg soll Schalke aber nicht plötzlich von vergangenen Größen träumen. Baumann bleibt bei seiner Linie. „Es geht jetzt erstmal darum, sich in der Bundesliga zu etablieren und das wird auch in den nächsten, ja, zwei, drei Jahren wahrscheinlich der Fall sein.“

Die wichtigste Position – aber nicht die mächtigste

Ein entscheidendes Element beim neuen Schalke ist Trainer Miron Muslić. Baumann ist überzeugt, dass der Cheftrainer „die wichtigste Position im Verein“ besetzt – ergänzt aber: „Er darf nicht der Mächtigste sein.“

Bei der Auswahl eines Trainers verlässt sich Baumann deshalb bewusst nicht nur auf sein eigenes Gefühl. Schalke definiert eine Spielidee, erstellt Kompetenzprofile, analysiert Kommunikation und Persönlichkeit und zieht mehrere Personen in den Entscheidungsprozess ein.

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Bemerkenswert ist seine Offenheit darüber, dass Miron Muslić zu Beginn des Prozesses für ihn persönlich keineswegs der eindeutige Favorit war. „Als wir zusammengesessen haben, die ersten Namen dann auf dem Zettel waren und so weiter, war bei mir persönlich Miron nicht ganz, ganz oben.“

Erst die intensive Beschäftigung und die unterschiedlichen Perspektiven veränderten sein Bild. „Und ich glaube, wenn man sich dort nicht die Zeit nimmt, die Muße nimmt, aber auch nicht andere Meinungen mit dazu holt, dann ist vielleicht die Gefahr dabei, dass man sich dann vielleicht zu schnell auf einen Kandidaten festlegt und der dann vielleicht am Ende des Tages nicht der bestmögliche Kandidat ist.“

Baumann selbst hat erlebt, was es bedeutet, wenn andere Menschen Potenzial erkennen, Vertrauen schenken und Entwicklung ermöglichen. Heute möchte er genau das weitergeben. „Es ist mir wirklich auch eine Freude, dort junge Menschen vielleicht auch eine Chance zu geben, sie zu begleiten.“

Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Aussagen dieses Gesprächs über Frank Baumann: Erfolg bedeutet für ihn längst nicht nur, Spiele zu gewinnen, aufzusteigen oder den richtigen Spieler zu verpflichten. Es geht auch darum, Bedingungen zu schaffen, in denen andere erfolgreich werden können. Sein Wunsch für Schalke am Ende der kommenden Saison klingt deshalb ebenso unspektakulär wie konsequent: „Schalke ist auf einem sehr guten Weg, sich nachhaltig in der Bundesliga zu etablieren.“ Kein Pathos. Keine großen Versprechen. Sehr Frank Baumann.

Mounir Zitouni (55) war von 2005 bis 2018 Redakteur beim kicker und arbeitet seitdem als Businesscoach, betreut Führungskräfte in Bundesligaklubs und Unternehmen in punkto Leadership, Kommunikation und Teamentwicklung. Der ehemalige Profifußballer hat zudem die Autobiographie von Dieter Müller geschrieben und im Buch „Teams erfolgreich führen“ (Metropolitan-Verlag, 2024) die Erkenntnisse aus den Gesprächen im Podcast LEADERTALK zum Thema Leadership zusammengefasst.