Die zwei Gesichter der Bayern-Familie

"Jetzt haben die Bayern die Gelegenheit, das zu beweisen"
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"Jetzt haben die Bayern die Gelegenheit, das zu beweisen"

Rund um den krankheitsbedingten Ausfall von Trainer Vincent Kompany beschwört man beim Rekordmeister immer wieder den Begriff „Bayern-Familie“. Doch was heißt das eigentlich und wo hat die Loyalität ihre Grenzen?

Es ist quasi ein Klassiker: Immer wenn Jan-Christian Dreesen nach Auswärtsspielen in der Champions League beim traditionellen Bankett ans Mikrofon tritt, begrüßt er nicht einfach all die „Damen und Herren“. Der CEO spricht die „Bayern-Familie“ an. Jene Gemeinschaft aus Verantwortlichen, Spielern, Fans, Mitarbeitern und vielen anderen Weggefährten rund um diesen Verein.

Jetzt, da Vincent Kompany krankheitsbedingt fehlt, wird die „Bayern-Familie“ besonders beschworen. Die Botschaft: Wir stehen hinter unserem Trainer. Seine Gesundheit hat Vorrang – auch vor möglichen sportlichen Konsequenzen. Wichtig, so die bayerische Lesart, sind vor allem das Menschliche, die Gesundheit und der Zusammenhalt.

Max Eberl und Uli Hoeneß betonen stets die Bedeutung des Zusammenhalts beim FC Bayern
Max Eberl und Uli Hoeneß betonen stets die Bedeutung des Zusammenhalts beim FC BayernMax Eberl und Uli Hoeneß betonen stets die Bedeutung des Zusammenhalts beim FC Bayern© IMAGO/Eibner

„Es ist nicht nur Wortklauberei zu sagen, von Familie zu sprechen, sondern wir sind es tatsächlich. Und das stärkt uns jetzt gerade als Familie, da zusammenzustehen und da eben auch durchzugehen“, erklärte Sportvorstand Max Eberl bereits am Samstagvormittag, nur wenige Stunden nach Kompanys Zusammenbruch.

Der Bayern-Boss bezog sich dabei auch auf den Tod von Joshua Kimmichs Vater und die gesundheitlichen Probleme von Jamal Musiala. Unterschiedliche Schicksalsschläge, die den Verein innerhalb kurzer Zeit beschäftigen – auch wenn die drei Fälle in keinerlei Zusammenhang stehen.

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FC Bayern: Die Fürsorge von Uli Hoeneß ist legendär

Doch was steckt hinter dem Schlagwort „Bayern-Familie“? Klar ist, dass es den Münchnern immer wieder öffentlichkeitswirksam gelingt, den Zusammenhalt und die menschliche Haltung zu betonen und nach außen zu tragen. Legendär ist vor allem Uli Hoeneß’ Fürsorge für verdiente Spieler und Weggefährten. Wenn es einem von ihnen schlecht geht oder ging: Der langjährige Manager, spätere Präsident und jetzige Ehrenpräsident war und ist zur Stelle.

Aktuell schickte er Kompany via Welt am Sonntag besondere Genesungswünsche und brachte dem Trainer höchstpersönlich Leckereien von „Feinkost Käfer“ ins Krankenhaus. Es sind für den FC Bayern typische Gesten. Und genauso typisch ist es auch, dass solche Aktionen öffentlich werden. Tue Gutes und sprich darüber – so könnte die Marschroute lauten. Allerdings ist auch anderen Profi-Klubs zuzutrauen, dass sie sich aufopferungsvoll um ihre Mitarbeiter kümmern. Vielleicht findet es nur nicht so viel Beachtung.

Zur Wahrheit gehört zudem: Die Loyalität des Vereins ist nicht grenzenlos. Juan Bernat (schlechte Leistung in Sevilla), Didi Hamann (zu viel Kritik) oder Lothar Matthäus (ebenfalls zu viel Kritik) können ein Lied davon singen. Sie alle bekamen die ungemütliche Seite der Bayern-Familie zu spüren. Auch Joshua Kimmich erlebte 2021, dass die Fürsorge des Vereins Grenzen haben kann: Wegen seiner damaligen Entscheidung gegen eine Corona-Impfung soll ihm während der Quarantäne zeitweise das Gehalt gestrichen worden sein.

Wer sich mit der Familie anlegt, kann schnell ihre ungemütliche Seite kennenlernen. Denn an der Säbener Straße gilt neben dem familiären Zusammenhalt noch ein anderer Glaubenssatz: „Niemand ist größer als der Verein.“

So verstehen die Bayern den Familien-Begriff

Der FC Bayern kümmert sich um seine Menschen. Aber er erwartet auch, dass sie sich um den FC Bayern kümmern. Am Ende stehen die Interessen des Klubs über denen des Einzelnen.

Mit Blick auf den Familienbegriff ist auch die aktuelle Rüge von Hoeneß in Richtung Lennart Karl interessant. Der Ehrenpräsident verriet, dass zwischen ihm und dem Youngster ein „ernstes Gespräch“ stattfinden werde. Und auch der Bayern-Sportvorstand sprach nach dem Pokalspiel mit Blick auf dessen Auftreten abseits des Platzes vom „einen oder anderen Fehltritt“. Auch wenn Eberl betonte, dass er diese nicht für besonders schlimm halte, fällt auf: Wie in jeder guten Familie gehört es neben dem Zusammenhalt offenbar auch dazu, dass die Bayern-Bosse und Klub-Väter den Nachwuchs gelegentlich zur Ordnung rufen.

Bei all den Formeln, die der Verein vor sich herträgt, wird eine besonders gerne missverstanden: „Mia san mia“. Der Wahlspruch der Bayern lässt sich in viele Richtungen interpretieren. Selbst Lothar Matthäus beklagte im Frühjahr 2023, das familiäre, beschützende Selbstverständnis der Bayern sei nicht mehr vorhanden und das „Mia san mia“ werde sogar „teilweise mit Füßen getreten“.

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FC Bayern: Dafür steht das „Mia san mia“

Der Rekordnationalspieler vermischte damit allerdings zwei Begriffe, die nicht zwingend dasselbe bedeuten. „Mia san mia“ steht vor allem für das unbändige Selbstbewusstsein und die Abwesenheit von Angst an der Säbener Straße. Die „Bayern-Familie“ beschreibt dagegen den Anspruch, füreinander einzustehen – auch wenn es schwierig wird.

Jetzt haben die Münchner die Gelegenheit, diesem Anspruch gerecht zu werden. Der bisherige Umgang mit Kompany ist ein wichtiges Zeichen, die Siege in Freiburg und gegen Magdeburg waren ein Beleg für den sportlichen Zusammenhalt. Wie belastbar die viel beschworene Fürsorge tatsächlich ist, wird sich aber vor allem dann zeigen, wenn der sportliche Druck steigt und Kompany weiterhin Zeit zur Genesung braucht.

Und wenn Jan-Christian Dreesen beim nächsten Champions-League-Bankett wieder die „Bayern-Familie“ begrüßt, werden seine Worte vielleicht ein wenig mehr Gewicht haben. Denn ob dieser Begriff mehr ist als eine schöne Formel, entscheidet sich nicht am Rednerpult. Sondern daran, wie die Bayern miteinander umgehen, wenn es wirklich darauf ankommt.

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