Auf Deutsch oder doch lieber auf Spanisch?
Champions League: Er spielte mit Rüdiger - jetzt scoutet er Villarreal-Stars von morgen - Interview mit David Karg
Darum scoutet Villarreal nicht in Deutschland
„En español por favor“, sagt David Karg grinsend, als er SPORT1 am Tag nach dem überraschenden Hinspiel-Sieg des FC Villarreal im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Bayern auf dem Trainingsgelände des spanischen Erstligisten empfängt. „Da fühle ich mich einfach sicherer.“ (Champions League: FC Bayern - FC Villarreal heute ab 21 Uhr im LIVETICKER)
Karg, 29, wurde als Sohn einer Spanierin und eines Deutschen auf der iberischen Halbinsel groß. Er spielte in der Jugend unter anderem bei RCD Mallorca und Atlético Madrid, teilte beim DFB die Umkleide mit Julian Draxler, Antonio Rüdiger und Loris Karius und schnupperte bei UD Levante am Profiteam.
Karg glaubt ans Weiterkommen
Weil aus der Karriere als Fußballer nichts wurde, orientierte er sich frühzeitig um. Heute ist er Scoutingkoordinator im Nachwuchsbereich von Bayern-Schreck Villarreal. Seine Mission: Jahr für Jahr Top-Talente entdecken und entwickeln. Denn der Klub lebt von seiner Jugendarbeit.
Das SPORT1-Interview mit dem Villarreal-Insider.
SPORT1: Herr Karg, vorab die Frage, die sich viele stellen: Schafft Villarreal nach dem 1:0-Heimsieg gegen die Bayern die Sensation in der Allianz Arena und zieht ins Halbfinale ein? (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Champions League)
David Karg: Hoffentlich! Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie auch gegen große Mannschaften bestehen kann. Wenn die Jungs mit demselben Willen und demselben Mut ins Rückspiel gehen, ist das Weiterkommen möglich.
SPORT1: Was würde dem Verein ein Einzug ins Halbfinale bedeuten?
Karg: Es wäre sicherlich einer der größten Erfolge der Vereinsgeschichte. Nach dem Hinspiel stand Villarreal Kopf, die Menschen gingen mit einem Lächeln zur Arbeit. So soll es auch am Mittwoch sein.
SPORT1: In Villarreal leben rund 50.000 Menschen. Wie ist die Bindung zwischen Verein und Stadt?
Karg: Wir sind im Grunde ein Dorfverein! (lacht) Hier wimmelt es nicht vor Sicherheitskräften, die Fans den Zutritt zum Trainingsgelände verwehren. Vor Corona war das komplette Profitraining frei zugänglich. Wo gibt es das bei Erstligisten in Europa noch, die in der Champions League vertreten sind? Hier hast du nicht viel Kommerz. Villarreal zeichnet diese familiäre Atmosphäre aus. Die Philosophie ist zum Beispiel vergleichbar mit der von Hoffenheim oder Freiburg.
So tickt Villarreals Investor Roig
SPORT1: Ohne Investor geht es trotzdem nicht. Milliardär und Keramik-Guru Fernando Roig hat mitgeholfen, den Verein aufzubauen.
Karg: Trotzdem haben wir nicht die finanziellen und infrastrukturellen Mittel von Real, Barca, Atlético oder unserem Lokalrivalen Valencia. Abgesehen davon ist Fernando auch nicht der klischeehafte Investor, der nur die Kohle reinpumpt und schaut, was damit passiert. Die Leute hier lieben ihn, weil er die Philosophie des Vereins vorlebt. Wenn er tagsüber seine Büroarbeit erledigt hat, verbringt er den ganzen Nachmittag damit, sich Spiele von Jugendmannschaften anzusehen. Er ist ein richtiger Fan, ein Fußballverrückter im positiven Sinne – und sehr nahbar. Dafür steht Villarreal.
SPORT1: Die Nachwuchsteams haben kein separates Trainingsgelände. Welche Berührungspunkte gibt es zwischen Profis und Talenten?
Karg: Wir haben neun Plätze, von denen nur einer fest den Profis gehört. Auf einem anderen trainiert Villarreal B, die zweite Mannschaft, die aktuell in der dritten Liga spielt. Und die übrigen werden auf die 39 Jugendmannschaften, darunter sechs Frauenteams, aufgeteilt. Der Verein hat sich bewusst dazu entschieden, Profis und Talente nicht voneinander zu trennen. Es gibt auch nur eine Kantine, in der alle essen.
Talente mit den Stars an einem Tisch
SPORT1: Also sitzen die Stars von heute und morgen jeden Tag an einem Tisch?
Karg: So ist es. Unsere Talente sollen spüren, dass der Profibereich kein Paralleluniversum ist und sie es irgendwann einmal dorthin schaffen können, wenn sie hart an sich arbeiten. Wir erwarten auch von unseren Profis, dass sie mit Demut vorangehen und den Nachwuchs unterstützen. Wir haben auch ein kleines Hotel auf unserem Gelände, in dem die Profis vor jedem Heimspiel übernachten. Wir wollen keine Starallüren. Das ist auch die Denkweise von Unai Emery und alle anderen Trainern, die hier arbeiten. Wir leben von unserem Nachwuchs, ohne ihn können wir national und international nicht mithalten. Und deshalb wollen wir ihn nicht vergraulen, sondern fördern.
SPORT1: Als Scoutingkoordinator im Jugendbereich nehmen Sie de facto eine der wichtigsten Rollen im Verein ein. Wie groß ist Ihr Team und welche Philosophie verfolgen Sie?
Karg: Unser Scoutingteam besteht aus 25 Leuten. Wir legen wie die meisten spanischen Vereine großen Wert auf Technik. Wir wollen, dass die Kids bei uns zocken können, ein gutes Spielverständnis entwickeln – ganz egal auf welcher Position. Das ist die Basis. An Komponenten wie Taktik oder Physis arbeiten wir erst später. Das generelle Ziel lautet, die Spieler von klein auf und langfristig zu begleiten – und eines Tages idealerweise in den Profibereich zu bringen. Mit Abwehrspieler Pau Torres ist uns das zum Beispiel sehr gut gelungen.
Darum scoutet Villarreal nicht in Deutschland
SPORT1: Scouten Sie auch in Deutschland?
Karg: Nein, wir legen unseren Fokus auf Spanien. Wir haben nur neun Spieler im Nachwuchsbereich, die nicht aus Spanien kommen. Zwei Russen, einen Dänen, einen Senegalesen, drei Argentinier und einen aus Litauen sowie einen aus Andorra. Wir haben so viele Top-Talente bei uns in Spanien, warum sollten wir uns so intensiv im Ausland umschauen? Ein Vorteil aus unserer Sicht: Die Tage hier sind länger, die Mädels und Jungs verbringen mehr Zeit auf den Straßen und verfügen in den meisten Fällen über bessere technische Voraussetzungen als beispielsweise in Deutschland – was nicht heißt, dass die Ausbildung woanders schlecht ist. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Champions League)
SPORT1: Gut genug aber anscheinend auch nicht.
Karg: Es hat auch noch andere Gründe, warum wir uns auf Spanien fokussieren. Es ist ja auch für ausländische Familien schwierig, hierher zu kommen und sich auf die Sprache, die Kultur und generell das Leben hier einzulassen. Man muss sich auch mal in die Situation der Kids versetzen: Wenn deine Familie wegen dir ihr Leben aufgibt und ins Ausland zieht, stehst du bereits in jungen Jahren unter immensem Leistungsdruck. Das ist nicht der Sinn der Sache. Fußball soll Spaß machen, vor allem in der Kindheit. Deshalb legen wir auch einen großen Wert auf Schule. Jeder soll einen Plan B in der Tasche haben, wenn es mit dem Traum vom Profifußball nicht klappt.
Eintracht Norderstedt? „Im Nachhinein nicht die beste Entscheidung“
SPORT1: Sie sprechen aus eigener Erfahrung, Ihr Plan A war auch ein anderer. Sie wuchsen auf Mallorca auf, gingen als Jugendlicher nach Madrid zu Atlético, spielten in der Jugend bei Villarreal und Levante und waren auch für diverse DFB-Auswahlteams aktiv. Warum haben Sie nicht den Sprung in den Profibereich geschafft?
Karg: Um Profi zu werden, müssen viele Dinge zusammenkommen. Talent allein reicht nicht, du musst oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Bei Levante war ich nah dran, mein Profidebüt zu feiern, aber ein Trainerwechsel machte mir den Strich durch die Rechnung. Der neue Coach setzte auf ältere Spieler und mein Vertrag lief zum Saisonende aus.
SPORT1: Und dann ging es zu Eintracht Norderstedt nach Deutschland.
Karg: Im Nachhinein war das nicht die beste Entscheidung, auch wenn ich dort insgesamt zwei schöne und lehrreiche Jahre hatte. Ich habe mich dann früh umorientiert und arbeite jetzt seit fünf Jahren bei Villarreal. Es war die richtige Entscheidung, in den Scoutingbereich zu gehen.
SPORT1: Beim DFB spielten Sie mit Julian Draxler, Antonio Rüdiger, Loris Karius, Amin Younes und vielen anderen späteren Profis zusammen. Haben Sie noch Kontakt zu ein paar?
Karg: Aktuell nicht.
„Riesiges Privileg, bei Villarreal zu arbeiten“
SPORT1: Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Karg: Nur gute! Jede Einladung hat mich glücklich und stolz gemacht. Wir hatten damals auch eine richtig coole Truppe beisammen und es ist schön zu sehen, dass einige von den Jungs heute auf absolutem Top-Niveau spielen.
SPORT1: Welchen Bezug haben Sie heute zu Deutschland? Wäre es für Sie vorstellbar, eines Tages in Deutschland zu arbeiten?
Karg: Mein Vater ist Deutscher, ich bin Deutschland natürlich nach wie vor sehr verbunden. Aber ich bin keiner, der in die Zukunft schaut. Ich denke von Tag zu Tag und empfinde es als riesiges Privileg, bei Villarreal zu arbeiten. Ich will Talenten hier helfen, das zu schaffen, was ich nicht geschafft habe.