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"Ausnahmezustand" für Eintracht - so schlimm war die Hölle von Marseille

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"Ausnahmezustand" für Eintracht - so schlimm war die Hölle von Marseille

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So schlimm war die Marseille-Hölle

So schlimm war die Marseille-Hölle

Frankfurts Champions-League-Spiel wird wie befürchtet zur Hölle von Marseille. SPORT1-Reporter Christopher Michel war hautnah dabei und schildert die erschreckenden Erlebnisse.
Fanausschreitungen häufen sich in der letzten Zeit sehr. Auch der Frankfurter 1:0-Erfolg gegen Marseille wurde durch skandalöse Zuschauer überschattet.
Christopher Michel
Christopher Michel

Eine Reise nach Marseille ist auf den ersten Blick durchaus lohnenswert. Die zweitgrößte Stadt Frankreichs liegt an der Côte d‘Azur und bietet mit Hafen und Meer ein tolles Panorama.

Eine Genussfahrt ist der Auswärtstrip in die Metropole für Fans von Eintracht Frankfurt trotz des Sieges und hochsommerlichen Temperaturen bei rund 29 Grad jedoch nicht. (NEWS: Erster CL-Sieg: Frankfurt schlägt Marseille)

Das erste Auswärtsspiel in der Champions-League-Historie? Ein heißes Pflaster. Ab Montag schon ist die Stimmung in den gefährdeten Bereichen der Stadt extrem angespannt, es gibt rasch Scharmützel und einige Festnahmen.

Von Beginn an ein mulmiges Gefühl

Eintracht-Anhänger dürfen sich bis in die Nacht von Dienstag auf Mittwoch nicht frei bewegen. Die Polizei zeigt dabei vor allem in der Kneipenregion am Hafen und in bestimmten Bezirken Präsenz.

Das Gefühl dabei? Auch für mich äußerst mulmig. Sobald mir Supporter im Trikot von Olympique Marseille über den Weg laufen, ist Schweigen angesagt. Weder Blickkontakte und schon gar keine Gespräche suchen, lautete mein Motto. Normalerweise ist gerade dieser Austausch auf internationaler Ebene sehr erfrischend. Doch Sicherheit und Gesundheit gehen vor. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Champions League)

Wenige Stunden nach Ankunft verstehe ich rasch, weshalb die Verordnungen rigider sind und ein angedachter Fanmarsch durch die Innenstadt in Richtung Velodrome verboten ist. Stattdessen begleitet ein Heerschar an Polizisten die hessischen Anhänger zum offiziellen Treffpunkt.

Von dort aus geht es mit etlichen Bussen über Umwege ins Stadion. Eine eigenständige Anreise ist strikt untersagt. Begegnungen zwischen den beiden Fangruppen sollte es zum Schutz für alle Beteiligten nicht geben.

Reporter Christopher Michel für SPORT1 in Marseille - hier ist noch alles ruhig
Reporter Christopher Michel für SPORT1 in Marseille - hier ist noch alles ruhig

Olympique-Anhänger kennen keine Grenzen

Bei der Ankunft an der so schwungvollen, beinahe schon kunstvoll herausragenden Arena, gibt es Szenen, die ich so in Deutschland, wenn überhaupt, an besonderen Fußballspielen gesehen habe.

Der Mob von Marseille hat sich als Empfangskomitee frühzeitig auf den Stufen vor dem Stadion versammelt und sein Revier markiert. Mit Bengalos, Feuerwerk und ohrenbetäubend lauten Böllern zelebrieren die Fans vor allem sich selbst. „Sie geben alles für ihre Stadt und ihren Verein. Sie verteidigen ihren Bereich mit allen Mitteln“, erklärt mir eine Ligue-1-Insiderin. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Champions League)

Sport1-Moderatorin legt sich erst mit Iron Maik an - und der geht dann komplett aus dem Sattel beim 1:0 für Eintracht Frankfurt.
01:59
Wegen Eintracht Frankfurt! Maik Franz legt sich mit SPORT1 Moderatorin an

Grenzen gibt es dabei offenbar keine. Es ist wahrlich die Hölle von Marseille! Als die Stadion-Tore rund zweieinhalb Stunden vor Beginn des Spiels öffnen, fliegen schon beim Einlass Bengalos durch die Gegend.

Polizei oder Ordner? Aus der Vogelperspektive kann ich bestens erkennen, wie sie sich zurückziehen. Der Respekt vor dem heißblütigen Publikum ist groß. Auch im Stadion lassen sich die hochemotionalen, wilden und hasserfüllten Fans nicht bändigen.

Für Marseille der ganz normale Wahnsinn

Zur Einordnung: Die Anhänger von Marseille teilen sich auf die Nord- und Südkurve auf. Insgesamt sechs verschiedene Ultra-Gruppen sorgen für die Stimmung in der 67.000 Zuschauer fassenden Arena. Der Lärm ist schon weit vor Anpfiff ohrenbetäubend, die Choreographie über die beiden Tribünen eine der wenigen positiven Erscheinungen des Abends.

Als die Eintracht-Fans in ihren Block, der sich direkt neben der Heimtribüne Nord befindet, ankommen, steigt das Aggressionslevel innerhalb weniger Sekunden.

Bengalos fliegen wild umher, die gesamte Partie über knallen im Minutentakt die Böller. Der Begriff Idioten, die es auf beiden Seiten gibt, muss in diesem Kontext erlaubt sein. Frappierend: Regelmäßige Olympique-Beobachter zucken nicht einmal mit der Schulter.

Sie konzentrierten sich voll und ganz auf die Partie und nehmen die Kulisse überhaupt nicht als Bedrohung wahr. Ein französischer Journalist warnt mich frühzeitig vor: „Es kann laut werden.“ Der ganz normale Wahnsinn also.

SGE-Vorstand Reschke: „Es war der befürchtete Ausnahmezustand“

Das sportliche Geschehen rückt für mich spätestens nach der Meldung über einen sich zwischenzeitlich in Lebensgefahr befindenden Eintracht-Fan (inzwischen gab es Entwarnung) mehr und mehr in den Hintergrund. Immer wieder wandert mein Blick besorgt und – angesichts des Lärms - erschreckt in Richtung Fankurven.

Und wieder knallt es laut! Zum x-ten Mal schon. Der Abpfiff des Schiedsrichters gleicht einer Erlösung, rasch eile ich in die Katakomben. Ein Fußballfest, wie es sich die beiden Trainer Oliver Glasner und Igor Tudor erhofft hatten, war das wahrlich nicht. Niemand weiß wenige Minuten nach Spielende, wie diese Nacht noch verlaufen könnte.

Für uns Berichterstatter rund um die Eintracht gab es zuletzt etliche Highlights mit tollen Reisen nach Sevilla oder Barcelona. Stimmgewaltig, farbenfroh, aber zu jedem Zeitpunkt friedlich. Doch Marseille? Ein völlig neues Level. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Champions League)

„Es war der befürchtete Ausnahmezustand – und vielleicht sogar noch etwas mehr“, sagt auch ein sichtlich angeschlagener SGE-Vorstand Philipp Reschke: „Das war ein Tag, den wir alle in dieser Form noch nicht erlebt und bislang nicht für möglich gehalten haben.“

Polizei verhindert Attacken von Marseille-Fans auf Eintracht-Busse

In der Tat gleicht die Pressezone einer kleinen Oase. Der Heimweg zurück in das rund drei Kilometer entfernt liegende Hotel trete ich in größerer Kollegen-Gruppe per Taxi an. Kein Risiko eingehen und durch die dunklen Gassen schleichen. Etwa zwei Stunden nach Abpfiff hat sich die kochende Fan-Seele aus Marseille nämlich noch lange nicht beruhigt.

Das Smartphone klingelt pausenlos, die Nachrichten überschlagen sich förmlich. Die Anhänger aus Frankfurt zittern auch bei ihrer Heimfahrt, hinterhältige Attacken auf die Busse verhindert die Polizei phasenweise nur mit allergrößter Mühe. Teile der Fans werden in den Nachtstunden von den Sicherheitskräften bis an ihre Hotels gebracht. Selbst neutralgekleidete Zuschauer fürchten sich. Andere Busse haben weniger Glück, werden von Steinen getroffen.

Bei einem Fußballspiel steht eigentlich der Faktor Spaß über allem. In Marseille ist allerdings urplötzlich die Gesundheit der Besucher akut gefährdet. Erlebnisse wie diese dürfen nicht auf der Tagesordnung stehen, ansonsten läuft im Fußball etwas gewaltig schief. Die UEFA wird die Vorfälle genauestens prüfen. So präsent die Polizei außerhalb des Stadions auch ist, so unsichtbar ist sie in der Arena.

Dieser Fan-Auftritt muss Konsequenzen haben

Wo bitte war der dringend benötigte Schutz in den Auswärtsblöcken? Wer kommt auf die hirnrissige Idee, diese Kurve direkt neben dem Heimbereich zu platzieren? Wie können diese Massen an Feuerwerkskörper, Bengalos und Raketen in die Bereiche geschmuggelt werden? Welche Konsequenzen gibt es? Kann in Marseille tatsächlich Fußball auf internationaler Bühne ausgetragen werden, wenn die Sicherheit aller Menschen stark gefährdet ist?

Es gilt sich den Spiegel vorzuhalten. Dieser Fan-Auftritt, an dem vor allem die Anhänger aus Marseille, aber eben auch die aus Frankfurt, beteiligt waren, muss Konsequenzen haben. Wenn ein sportlich so wichtiger und historischer Sieg für die Eintracht komplett in den Hintergrund gerät, dann ist an vielen Stellen vieles schief gelaufen. Die Reise nach Marseille – sie wird sich tief in mein Gedächtnis einbrennen.

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