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"Der Moment des Lebens": Pokal-Held spricht über Sensation

„Der Moment des Lebens“

Dem SSV Jeddeloh II gelingt im Pokal ein historischer Coup. Bei SPORT1 spricht einer der Helden über das kleine Dorf, den kuriosen Namen und die Party.
Dass Regionalligist Jeddeloh II den Bundesliga-Absteiger Heidenheim in der ersten Pokalrunde rauswerfen würde, war im Vorfeld schon klar. Denn der sportliche Leiter hatte es bereits bei der Auslosung angekündigt.
Dem SSV Jeddeloh II gelingt im Pokal ein historischer Coup. Bei SPORT1 spricht einer der Helden über das kleine Dorf, den kuriosen Namen und die Party.

Jeddeloh II hat gerade einmal rund 1600 Einwohner. Seit dem Wochenende kennt man das kleine Dorf aus Niedersachsen aber in ganz Deutschland. Immerhin warf der Regionalligist den Bundesliga-Absteiger aus Heidenheim mit 5:2 aus dem DFB-Pokal. Zuletzt schoss ein Regionalligist vor 26 Jahren so viele Treffer in einer Partie in dem Wettbewerb.

Einer der Helden ist Tom Kanowski. Der 23-Jährige Offensivmann legte den 1:1-Ausgleich vor, musste am Montag nach einer langen Party wieder zur Arbeit und spricht bei SPORT1 über das historische Spiel der Amateure, den Dorfverein und ein Video seines sportlichen Leiters.

SPORT1: Herr Kanowski, es gab nach der Sensation am Sonntag sicher noch eine Party. Sind Sie also mit einem dicken Schädel aufgewacht?

Tom Kanowski: Tatsächlich eher mit einem recht krassen Schlafmangel. Ich mag keinen Alkohol, aber die meisten haben bis 2 Uhr noch gefeiert. Ich war kurz vorher weg, immerhin musste ich heute wieder ganz normal zur Arbeit. Da sieht man, dass einen der Alltag auch nach solchen Momenten wieder ganz schnell einholt. Aber das ist auch gut so. Es soll und muss ganz normal weitergehen.

SPORT1: Über Amateurteams wird gesagt, sie können gut feiern. Da werden Sie sicher nicht enttäuscht haben.

Kanowski: Es war schon total toll. Wobei man sagen muss, dass die Feier nur langsam in Fahrt kam direkt nach Abpfiff. Wir haben in der Kabine gesessen und konnten mit der Situation gar nicht so viel anfangen. Es war total komisch. Wir haben alle gewartet, dass wir gekniffen werden. Das ist einfach ein wahnsinniger Moment für uns gewesen. Uns war es dann aber ganz wichtig, die Fans bei der Feier mitzunehmen. Wir waren dann in Jeddeloh noch mit denen in der Kneipe „Zum goldnen Anker“. Da trifft sich normalerweise eine Hand voll Fans. Dieses Mal waren es mehr.

Jeddeloh-Held: “Der Moment des Lebens“

SPORT1: Wie sind denn am Tag danach die Reaktionen ausgefallen?

Kanowski: Mein Handy ist explodiert. Es haben sich so viele Leute gemeldet wie lange nicht. Unglaublich! Eigentlich ist das gar nicht mein Ding, wenn man so gefeiert wird. Aber in diesem Fall war es schön. Dieses Spiel war ohnehin schon besonders für uns. Aus meiner Familie sind auch extra aus Berlin Leute gekommen. Es gab auch kuriose Dinge. Wir konnten bei Kickbase aufgestellt werden und Leute haben sich bei mir bedankt, dass ich das Vertrauen in mich mit vielen Punkten zurückgezahlt habe (lacht). Normalerweise spielen wir das selbst. Letztes Jahr hatte ich Budu Zivzivadze im Team, von dem habe ich mir das Trikot auch geholt.

SPORT1: Haben Sie eigentlich mitbekommen, dass ihr Sportlicher Leiter Olaf Blancke im Internet zum Star geworden ist? Er hatte nach der Auslosung gesagt, Jeddeloh werde gegen Heidenheim „locker gewinnen“ und man würde sich dann bei der nächsten Auslosung wiedersehen.

Kanowski: Ganz ehrlich hatten wir das gar nicht mehr auf dem Schirm. Das war ja schon etwas her. Aber ich saß nachts noch lange mit meiner Freundin auf dem Sofa und habe auf dem Handy alle Videos angeschaut. Da war er natürlich auch recht häufig bei. Es sind ja einige Memes entstanden (lacht). Ich habe mir die natürlich alle direkt abgespeichert. Wenn man in 20 Jahren seine Familie gegründet hat, dann kann man als Papa den Moment seines Lebens noch mit vielen Bildern und Videos zeigen.

„Wann wird es sowas nochmal geben? Vielleicht nie“

SPORT1: Zuletzt schoss ein Regionalligist vor 26 Jahren fünf Tore in einem Pokalspiel. Was bedeutet das für Sie?

Kanowski: Wenn man sowas hört, dann weiß man einfach, dass man für den Verein Geschichte geschrieben hat. Wann wird es sowas nochmal geben? Vielleicht nie. Uns freut es aber auch extrem für alle die ehrenamtlichen Helfer, die für uns alles geben. Ohne die würde hier bei uns gar nichts gehen.

SPORT1: Wie ist denn überhaupt Ihre Erinnerung an die Partie? Sie mussten ja ab der 66. Minute von der Bank aus zusehen.

Kanowski: Das stimmt gar nicht. Der Schiedsrichter hat es nur im Spielbericht falsch eingetragen und mich wohl mit einem Mitspieler verwechselt (lacht). Man kennt uns eben noch nicht so gut. Ich habe nur meine Position gewechselt. Aber allgemein habe ich mich zwei Mal während des Spiels ein wenig unwohl gefühlt: Nach dem 0:1 hatte man natürlich kein gutes Gefühl. Da war es super, dass wir direkt auch getroffen haben. Und als es den Elfmeter für Heidenheim gab beim Stand von 3:1 für uns – das hätte alles verändern können. Sonst lief auch wirklich alles für uns. Wir haben Traumtore gemacht, bei denen durfte der Trainer nicht auf die Bank. Das haben wir natürlich auch immer mehr gespürt.

Jeddeloh II? „Wo spielt unsere erste Mannschaft?“

SPORT1: Jeddeloh II hat als Ort gerade einmal 1600 Einwohner. Klingt nach kompletter Dorfidylle.

Kanowski: Ja, hier gibt es die Kneipe, unseren Verein und den Küstenkanal. Das war es auch schon. Wirklich etwas los ist hier also nicht.

SPORT1: Und wie häufig müssen Sie den Menschen erklären, weshalb es Jeddeloh II heißt?

Kanowski: Das ist schon ein Running Gag bei uns. Ich weiß nicht, wie oft ich gefragt wurde, ob ich bei der zweiten Mannschaft spiele und wo denn unsere erste Mannschaft spielt. Viele wundern sich darüber nämlich, dass wir als vermeintlich zweite Mannschaft in der Regionalliga spielen und niemand unser erstes Team in der 2. oder 3. Liga jemals gesehen hat. Das wird wohl auch nie aufhören.

SPORT1: In Norddeutschland kennen viele Ihren Verein bereits. In Deutschland fragen sich jetzt natürlich aber viele, wie professionell es beim SSV Jeddeloh zugeht.

Kanowski: Die allermeisten Spieler, so 90 Prozent, arbeiten bei uns. Spiele am Freitag sind deshalb gerne gesehen, weil dann alle ein freies Wochenende haben. Wir haben aktuell einen Platz, auf dem wir trainieren können. Wir weichen deshalb oft nach auswärts aus. Wir haben einige Helfer, die zwei bis drei Stunden nach Spielen noch unsere Wäsche waschen und Ehrenamtler stellen sich an die Wurstbude. Allgemein muss man aber sagen, dass es 2024 bei uns gebrannt hat und noch Dinge wieder aufgebaut werden mussten. Das Geld aus dem Pokal hilft gerade für die Infrastruktur also schon.

SPORT1: Die zweite Pokalrunde wird am 27. und 28. Oktober gespielt. Wie schwierig ist es, bis dahin in den Alltag der Regionalliga zurückzufinden?

Kanowski: Gar nicht. Ich mag es sowieso nicht, wenn man so an die große Glocke gehängt wird. Ich genieße es viel mehr, wenn ich einer von vielen bin.

SPORT1: Und welchen Gegner wünschen Sie sich für die nächste Runde?

Kanowski: Ein Bundesligist wäre natürlich schön, aber das wünschen sich alle. Für mich als Bremer wäre natürlich Werder das Nonplusultra. Allgemein ist es aber wirklich egal, weil wir schon Großes geleistet haben und noch einmal diese große Bühne bekommen. Ich werde am Tag der Auslosung voller Vorfreude vor dem Fernseher sitzen.