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Diese Abrechnung von Philipp Lahm hat es in sich

Diese Abrechnung hat es in sich

Philipp Lahm war ein Musterbeispiel für die Talentförderung im deutschen Fußball. Über Jahre feierte er mit der Nationalmannschaft und dem FC Bayern München große Erfolge. Nun übt der Ex-Profi massive Kritik an der Nachwuchsentwicklung in Deutschland.
Philipp Lahm spricht im Interview bei Magenta über eine mögliche WM-Teilnahme von Lennart Karl. Der Ex-Bayern-Kapitän sieht den Youngster auf WM-Kurs.
Philipp Lahm war ein Musterbeispiel für die Talentförderung im deutschen Fußball. Über Jahre feierte er mit der Nationalmannschaft und dem FC Bayern München große Erfolge. Nun übt der Ex-Profi massive Kritik an der Nachwuchsentwicklung in Deutschland.

Seit Jahren steht die Nachwuchsentwicklung im deutschen Fußball immer wieder in der Kritik. Nun hat auch der langjährige DFB-Kapitän Philipp Lahm in seiner Kolumne für The Athletic mit der Talentförderung abgerechnet.

Während Lahm den Durchbruch von Lennart Karl in dieser Saison als positives Beispiel anführte und den Youngster als „Supertalent“ bezeichnete, stellte er sich die Frage: „Warum passiert das im deutschen Fußball angesichts der Vorteile, die das Land hat und bietet, nicht häufiger?“

Zwar verfüge Deutschland „über eine beneidenswerte Infrastruktur, Vereine in jeder Region, viele Trainer, zahlreiche Jugendligen und viele Trainingszentren, die gut ausgestattet sind“ sowie über „eine der stärksten Ligen der Welt“, dennoch bleibe der Durchbruch besonderer Spieler häufig aus.

Lahm: „Eine entscheidende Frage“ bleibt unbeantwortet

„Viel geht verloren, besonders im Übergang vom Jugend- in den Profifußball“, meinte Lahm und kritisierte: „Klubs investieren Millionen in ihre Akademien und trainieren sieben Tage die Woche, geben ihren Talenten jedoch kaum bis gar keine Spielzeit. Der Weg an die Spitze wird nicht professionell begleitet.“ Zudem fehle es häufig an einem „klaren Ansatz“, weshalb „viel Potenzial ungenutzt“ bleibe.

Ein zentrales Problem der Akademien sei laut Lahm, dass sie es nicht schaffen, „eine entscheidende Frage zu beantworten: Wofür bilden wir aus? Was ist unser Ansatz?“

Während in Spanien Talente jahrelang im gleichen System ausgebildet werden, bemängelte Lahm in Deutschland das Springen von „Trend zu Trend“. Ohne einen klaren Ansatz führe dies dazu, dass Talente am Ende ein bisschen von allem können, aber „nur wenige beherrschen etwas wirklich gut“.

Lahm befindet in diesem Zusammenhang: „Ein Fußballer muss nicht alles können. Er muss etwas sehr gut können.“ Als Beispiel führte er anschließend die Kunst des Verteidigens an, die „kaum noch im Detail vermittelt“ werde.

Lahms Lösungsvorschläge: So entstehen wieder deutsche Spezialisten

Allerdings lieferte der Weltmeister von 2014 auch einige Lösungsvorschläge, um die Talentförderung künftig voranzutreiben. „Wenn ich etwas im deutschen Fußball ändern könnte, würde ich ein verbindliches Ausbildungskonzept einführen, das unabhängig von Trainerwechseln Bestand hat“, erklärte Lahm: „Es würde die Regeln festlegen, nach denen Nachwuchsteams spielen, die Rollen definieren und die technischen sowie taktischen Anforderungen bestimmen.“

Die Grundlage dafür könne eine „gemeinsame Spielphilosophie“ sein, die auf Verbandsebene entwickelt wird. „Ballorientiert, organisiert, klar, mit einem Gleichgewicht zwischen Angriff und Verteidigung. Wenn er eine solche Philosophie von oben bis unten umsetzt, werden wieder Spezialisten entstehen“, behauptete Lahm.

Weiter erklärte er: „Dann bekommt Deutschland wieder seinen Sechser, der genau weiß, was er im Zentrum zu tun hat. Einen Innenverteidiger, der kaum zu überwinden ist. Einen Stürmer, der im Strafraum viele Tore erzielt.“ Das Talentpotenzial werde also insgesamt wieder besser genutzt.

„Talent entwickelt sich im Wettbewerb“

Allerdings machte Lahm auch noch weitere Faktoren aus, die entscheidend für eine erfolgreiche Jugendförderung seien. Dazu zähle zum Beispiel das Problem, dass Bundesligisten den Juwelen „kaum bis gar keine Spielzeit“ verschaffen würden und der Weg an die Spitze nicht „professionell begleitet“ werde.

„Grundlegende Regeln und einheitliche Trainingsmethoden“ sowie eine „pädagogische Betreuung“ seien von entscheidender Bedeutung. Zudem müssten Jugendspieler vor allem spielen, denn „Talent entwickelt sich im Wettbewerb“.

„Ich würde mir wünschen, dass jeder Bundesligist Zielvorgaben für die Einsatzzeit junger Eigengewächse festlegt“, forderte Lahm und führte aus: „Ein Profikader sollte nicht größer als 23 Spieler sein, und mindestens drei Plätze sollten für Eigengewächse reserviert sein. Das gibt allen das Gefühl, gebraucht zu werden.“ Sollten sich dabei keine Talente im Profibereich durchsetzen, sei eine Nachwuchsakademie „sinnlos“.

Lahm führte zudem an, während seiner Zeit in der Jugend des FC Bayern München die entscheidende Kontinuität erfahren zu haben. Nach acht Jahren am Campus des Rekordmeisters und einer Leihe zum VfB Stuttgart entwickelte sich Lahm zu einem der weltbesten Defensivspieler und feierte mit Klub und DFB-Team große Erfolge.