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Die zwei Gesichter des Paul Pogba

Die zwei Gesichter des Paul Pogba

In der EM-Gruppenphase glänzte bei Frankreich vor allem Paul Pogba. Während der ManUnited-Star im Nationaltrikot regelmäßig überzeugt, bleibt er im Verein hinter den Erwartungen zurück.
Italien und Belgien beeindruckten in der Vorrunde, Frankreich und Deutschland eher nicht. Welche Teams sind denn nun die Topfavoriten auf den EM-Titel?
Felix Kunkel
von Felix Kunkel
28.06.2021 | 18:36 Uhr

Frankreich kann sich bei der EM besonders auf die Leistungen von Paul Pogba verlassen.

Schon bei der Weltmeisterschaft 2018, die für die "Équipe Tricolore" mit dem Titel endete, stach der Mittefeldspieler hervor – komplett gegensätzlich zu seinen Leistungen im Verein.

Denn bei Manchester United sind die Auftritte von Pogba meist nur durchwachsen und stellen die Engländer vor Rätsel. Wenn der 28-Jährige jedoch das Trikot der Nationalmannschaft überzieht, scheint er sich in einen ganz anderen Spieler zu verwandeln: Unbekümmert marschiert Pogba über das Spielfeld und zaubert befreit drauflos.

So vor allem beim 1:0-Sieg der Franzosen über Deutschland im ersten EM-Spiel. Als "Star of the Match" gelang Pogba der geniale Außenrist-Querpass, welcher zum entscheidenden Eigentor von Mats Hummels führte. (EM: Spielplan & Ergebnisse)

Kramer: Als würde Pogba gegen Kinder spielen

"Ich frage mich wirklich, was Paul Pogba bei Manchester United macht", erklärte Gladbach-Profi Christoph Kramer nach der Partie beim ZDF. "Denn wie der heute spielt, das sieht so aus, als würde er gegen Kinder spielen. Wenn er seinen Körper drin hat, das ist unfassbar, was er für eine Qualität hat offensiv und defensiv."

Auch gegen Portugal (2:2) zog Pogba als zentraler Taktgeber mit einer perfekten Vorlage für Karim Benzema die Aufmerksamkeit auf sich. Doch es sind nicht nur die Assists des Franzosen, die nachhaltigen Eindruck hinterlassen. In der Nationalmannschaft ist Pogba eine absolute Führungspersönlichkeit, Beobachtern zufolge ist er sogar der heimliche Chef, obwohl Torwart Hugo Lloris die Kapitänsbinde trägt.

Warum also klappt es für ManUniteds 105-Millionen-Euro-Mann nicht auch im Verein? "Wo ist er das ganze Jahr bei ManUnited?", wunderte sich auch Kramer.

An unterschiedlichen taktischen Aufstellungen kann es offenbar nicht liegen. Frankreichs Trainer Didier Deschamps setzte gegen Portugal auf ein 4-2-3-1, die gleiche Formation, welche ManUnited-Coach Ole Gunnar Solskjaer bevorzugt spielen lässt.

Pogba und Kante - Ein unschlagbares Duo

Der ehemalige United-Profi Roy Keane erklärte bei ITV Pogbas zwei Gesichter so: "Ich denke, wenn er bei United ist, übernimmt er vielleicht nicht die Verantwortung, vielleicht gibt es zu viel Verantwortung oder vielleicht gibt es nicht genug Spieler um ihn herum, die Verantwortung übernehmen können."

Mit N'Golo Kante hat Pogba in der französischen Nationalmannschaft tatsächlich einen Spieler an seiner Seite, der stets durch unermüdlichen Einsatz glänzt und die Verantwortung in allen Teilen des Mittelfelds übernimmt. Der ManUnited-Star kann sich auf seinen Kollegen aus Chelsea verlassen. 30-mal standen sie gemeinsam für ihr Land auf dem Platz - ein Spiel haben sie dabei noch nie verloren.

So kann sich Pogba, im Gegensatz zum Verein, vermehrt in die Offensive einschalten, weil er weiß, dass Kante ihm den Rücken freihält und die "Drecksarbeit" erledigt. Diese Sicherheit ist bei Manchester United nicht in gleichem Maße gegeben. Bruno Fernandes übt dort die kreativere Rolle im Mittelfeld aus, während Pogba sich oftmals um defensive Aufgaben kümmern muss und so weniger Freiheiten genießt.

Deschamps vertraut Pogba in höchstem Maße

Ein weiterer Faktor, der Pogba in der Nationalmannschaft zu Gute kommt, ist Trainer Didier Deschamps. Pogba hat in seiner seit 2013 andauernden Länderspielkarriere noch unter keinem anderen Coach das Trikot der A-Nationalmannschaft getragen. Deschamps hat Pogba in allen großen Turnieren eine wichtige Rolle anvertraut. Bei der EM 2016 stand er in allen sieben Spielen in der französischen Startelf, bei der WM 2018 in sechs von sieben.

In Manchester hingegen verlief die Zusammenarbeit zwischen Ex-Trainer José Mourinho und Pogba nie wirklich reibungslos. Schließlich setzte der Portugiese den Franzosen gegen Ende seiner Amtszeit auf die Ersatzbank. Zwar gibt es mit dem aktuellen Coach Ole Gunnar Solskjaer keine offensichtlichen Differenzen, allerdings scheint auch der Norweger nicht recht zu wissen, wie er Pogba anpacken soll.

Dafür wirkt der Schützling von Berater Mino Raiola beim Verein zu oft distanziert und liefert nur selten überdurchschnittliche Leistungen ab. Trotz aller Fan-Kritik bleibt aber festzuhalten, dass Pogba im Vergleich zu früheren Spielzeiten eine recht ordentliche Saison 2020/21 für ManUnited absolviert hat. Sechs Tore und neun Vorlagen sind keine herausragenden Werte, allerdings wurde der beidfüßige Profi durch eine Oberschenkelverletzung ausgebremst.

Pogba mit Zukunft bei ManUnited?

Nun geht der 28-Jährige in sein letztes Vertragsjahr in Manchester. Und die Klub-Verantwortlichen sehen sich zu einer Entscheidung gezwungen, ob sie dem Franzosen einen neuen Vertrag anbieten oder einen Verkauf anstreben. An potenziellen Interessenten mangelte es in der Vergangenheit meist nicht.

Doch zuvor will Pogba mit Frankreich den EM-Titel perfekt machen. Auf dem Weg dorthin bekommt es der amtierende Weltmeister heute mit der Schweiz zu tun (EM 2021: Frankreich - Schweiz, ab 21 Uhr im LIVETICKER). Auch in dieser Partie werden sich die französischen Spieler und Fans auf Pogba als wichtige Stütze verlassen.

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