Neuer: UEFA-Verfahren ungeheuerlich

Neuer: UEFA-Verfahren ungeheuerlich

Die UEFA überlegt, den DFB für die Regenbogen-Binde von Manuel Neuer zu bestrafen. Trotz des eingestellten Verfahrens ein Skandal. Ein Kommentar von Chefredakteur Pit Gottschalk.
SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk hat eine klare Meinung zum UEFA-Verfahren
SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk hat eine klare Meinung zum UEFA-Verfahren
© SPORT1-Grafik: Imago/Imago
von P. Gottschalk
am 21. Juni

Es hat nicht viel gefehlt, dass sich die UEFA erneut bis auf die Knochen blamiert hätte.

Das mit dem Blamieren gehört zwar zur unausgeschriebenen Jobbeschreibung eines jeden UEFA-Funktionärs. Im Fall von Manuel Neuer wäre eine Bestrafung aufgrund einer Spielführerbinde in Regenbogenfarben eine besondere Form der Pervertierung eigener UEFA-Werte gewesen.

Die UEFA, das muss man ihr zugute halten, verweist auf eine lange Reihe von Bemühungen, um Appelle gegen Diskriminierung unters Volks zu bringen. Niemand soll wegen seiner Hautfarbe oder sexueller Vorlieben, aus religiösen oder sonstigen Gründen benachteiligt werden; die Verbände und ihre Stars erinnern mit Aufrufen und Slogans immer wieder daran.

Neuer weist auf Toleranz hin

Mit der Spielführerbinde in Regenbogenfarben wollte DFB-Kapitän Manuel Neuer im Frankreich-Spiel ein harmloses und doch wirkungsvolles Signal für mehr Toleranz setzen. Er sollte nicht alleine sein: Die Stadt München möchte die Allianz-Arena, wo am Mittwoch das abschließende Gruppenspiel gegen Ungarn stattfindet, ebenfalls in Regenbogenfarben erleuchtet sehen. (EM 2021: Deutschland - Ungarn, Mittwoch ab 21 Uhr im LIVETICKER)

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. "Das ungarische Parlament hatte am Dienstag ein Gesetz gebilligt, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität einschränkt", wie man zum Beispiel auf T-Online lesen konnte. (Ergebnisse und Spielplan der EM)

Das Gesetz soll Ministerpräsident Viktor Orban ein besonderes Anliegen sein. Eine menschenverachtende Grundhaltung im eigenen europäischen Raum darf eine liberale Gesellschaft nicht unkommentiert stehen lassen. 

Manuel Neuer wusste die Mannschaft hinter sich. Die UEFA aber ermittelte, weil sie eine politische Botschaft vermutete, gegen den DFB. Das ist ungeheuerlich. Wie kann es in so einer Frage eine Gegenmeinung zu mehr Toleranz geben? 

Vielleicht deshalb, weil Viktor Orban ein guter Freund der UEFA ist. Im Frühjahr hat er, anders als bei Flüchtlingen, sehr gerne seine Grenzen nach Ungarn geöffnet, damit die UEFA einen neutralen Spielort für etliche Spiele in der Champions League anbieten konnte: in Ungarns Hauptstadt Budapest. Zum Beispiel spielten RB Leipzig und Mönchengladbach dort. (Alle EM-Spiele im Konferenzticker auf SPORT1.de)

Die gute Verbindung zwischen UEFA-Präsident Ceferin und Viktor Orban führte zu maximaler Flexibilität bei der Stadionbelegung und angeblich, wie man aus der Bundesliga hörte, zu erheblichen Zugeständnissen bei der Stadionmiete. Sowas vergisst man nicht.

EM: Mbappé muss wohl Affenlaute aushalten

Womöglich findet in Budapest sogar das EM-Finale statt, wenn London aufgrund der Pandemie dichtmacht.

Da passt nicht ins Bild, wenn mündige Spieler auf die Intoleranz in Ungarn aufmerksam machen. Dabei sollte man einen genauen Blick auf die Ungarn richten. Beim Frankreich-Spiel am Samstag soll es nicht nur Affenlaute gegen Superstar Mbappé gegeben haben. 

Einige ungarische Fangruppierungen sind mit Neonazis durchsetzt. Und diese Leute will die UEFA ignorieren?

Inzwischen hat sie zwar ihre Ermittlungen gegen die Spielführerbinde eingestellt, aber wohl auch gezwungenermaßen: Eine Strafe, weil sich ein Spieler für Toleranz und gegen Diskriminierung einsetzt, wäre ein Skandal gewesen, sogar für UEFA-Verhältnisse.

Doch wird man sehen müssen, in welchen Farben am Mittwoch die Münchner Allianz-Arena leuchten darf.

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