Die Sucht des Luis Suarez

Was treibt einen Fußballer dazu, seine Gegenspieler immer wieder zu beißen? Luis Suarez scheint an einem Problem zu leiden.
Was treibt einen Fußballer dazu, seine Gegenspieler immer wieder zu beißen? Luis Suarez scheint an einem Problem zu leiden.

Natürlich, Oliver Kahn hat Recht, was diese Sache mit Luis Suarez angeht.

"Vielleicht ist so ein Verhalten für ihn die letzte Chance, diesen gewaltigen Druck abzubauen und sich aus seiner Anspannung zu befreien", bestimmt sogar.

"Für mich ist das eine falsche Kanalisation innerer Anspannung", für mich auch.

"Das ist ein Verhalten, das man sonst nur von Tieren kennt", definitiv.

Was er sagt, gilt, zu hundert Prozent. Und jede Berichterstattung in dieser Angelegenheit, die über Oliver Kahns offizielle Statements zum Thema Druck hinausgeht, ist journalistisch unseriös und obendrein auch ethisch problematisch.

Einerseits.

Andererseits: Man kann irgendwie nicht anders, als sich zu fragen, ob da nicht doch mehr dahintersteckt.

Warum baut ein Luis Suarez diesen gewaltigen Druck nicht mal anders ab? Warum beißt er zu, einmal, zweimal, dreimal, immer wieder?

Man kommt nicht umhin, bei Luis Suarez ein pathologisches Verhaltensmuster festzustellen.

Ich weiß, es ist grenzwertig so etwas zu behaupten ohne gerichtsfeste Beweise, aber es ist in diesem Fall doch offensichtlich: Luis Suarez ist süchtig. Süchtig nach Beißwitzen.

Luis Suarez ist süchtig nach geschmackvollen Gags. Nach bissigen Pointen. Nach zahnreichen Wortspielen. Nach Scherzen, die stets al dente und vollmundig bleiben und niemals durchgekaut und abgeschmackt sind.

Danach, dass Leute ihr abgebissenes Essen fotografieren, es bei Twitter hochladen und darunter schreiben: Luis Suarez war hier.

Danach, dass Kollegen in der Kantine verständnisvoll festhalten, dass sie in diesem Moment auch lieber bei ihrem Lieblingsitaliener essen würden.

Wer kann es ihm verdenken? Und wer außer ihm gibt sich nicht damit zufrieden, zu Schabernack zu verarbeiten, was andere ihm servieren, anstatt die Zubereitung geistiger Nahrung selbst in die Hand und damit im nächsten logischen Schritt auch in den Mund zu nehmen?

Ich weiß, die Leute kommen im Fall Suarez jetzt inzwischen mit anderen Erklärungsansätzen aus der Wissenschaft.

Mit Freud und seiner oral-sadistischen Phase, mit Konrad Lorenz und seiner Beißhemmung, die Hunde angeblich haben, Suarez aber offenbar nicht.

Als ob uns irgendein Denkansatz weiterhelfen würde aus der Zeit, bevor die digitale Verzahnung der Welt es möglich gemacht hat, dass wir rund um die Uhr mit Beißwitzen aus dem Internet versorgt werden.

Allenfalls ein Denkansatz aus dieser Zeit ist hier zum Schluss noch des Zitierens wert, ein Satz des berühmten schwedischen Men- und Dentaltheoretikers August Strindberg:

"Ich verabscheue Leute, die Hunde halten. Es sind Feiglinge, die nicht genug Schneid haben, selbst zu beißen."

In diesem Sinne: Biss nächste Woche.

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