Neuseeland hat in den vergangenen Tagen spürbar aufgeatmet. Der wichtige Prestige-Sieg gegen Südafrika lasse „nach drei Wintern der Verzweiflung endlich wieder die Sonne aufgehen“, schrieb die Zeitung Dominion Post erleichtert - es sehe jetzt wirklich wieder besser aus für die bald anstehende Weltmeisterschaft! Allerdings im Rugby. Die Begeisterung für die Fußball-WM hingegen ließ von Auckland bis Dunedin auch in den letzten Stunden vor Turnierstart noch zu wünschen übrig.
Kaum Tickets verkauft: Droht ein Fan-Fiasko bei der Frauen-WM?
Frauen-WM: Droht ein Fan-Fiasko?
Die Erwartungen waren im Vorfeld des Turniers in Australien und Neuseeland groß. Doch Fußball spielt auf dem Kontinent Down Under kaum eine Rolle. Rugby, Cricket und Australian Football stehen im Zentrum des Sport-Interesses.
Das bekommen auch die DFB-Frauen zu spüren. In ihrem Umfeld haben sie bislang kaum WM-Stimmung aufsaugen können. In Wyong, einem Vorort Sydneys, wo das deutsche Team sein Quartier aufgeschlagen hat, ist von Euphorie nichts zu sehen. Wie die Sportschau berichtet, staunten auch einen Tag vor WM-Start immer wieder Australierinnen und Australier in der Gegend: „Eine Fußball-WM? Bei uns? Wirklich?“
Alexandra Popp: „Man kann mehr Werbung für die WM machen“
Die deutsche Kapitänin Alexandra Popp hoffte, „dass die Stimmung nach dem Eröffnungsspiel zum Selbstläufer wird“, heißt es in dem Bericht. Zudem kritisierte die 32-Jährige die Organisatoren: „Ich glaube schon, dass man mehr Werbung für die WM machen kann - gerade außerhalb der Spielorte.“
Auch die neuseeländische Nationaltrainerin Jitka Klimkova äußerte sich fast flehentlich: „Dies ist die Gelegenheit für Neuseeland, nicht nur eine Rugby-Nation zu sein, sondern auch eine tiefe Liebe zum Fußball zu entwickeln.“
Zumindest beim großen Nachbar Australien geht es aber vor einer Rekordkulisse los. In Sydney werden am Donnerstag mehr als 80.000 Fans erwartet, die die Australierinnen gegen Irland nach vorne schreien (ab 12 Uhr im SPORT1-LIVETICKER). Die beliebten „Matildas“ sind einer der Turnierfavoriten. Die Partie war wegen hoher Nachfrage vom Sydney Football Stadium ins größere Olympiastadion verlegt worden. Zuvor lag der Zuschauerrekord für die australischen Fußballerinnen bei 36.000 Fans. 2021 hatte das Spiel gegen die Amerikanerinnen ein solches Publikum erreicht.
Neuseeland: Erst ein Drittel der 900.000 Tickets verkauft
Ganz anders sieht es aber in Neuseeland aus. Wenn sie drei Stunden zuvor in Auckland das Turnier gegen Norwegen eröffnen (ab 9 Uhr im LIVETICKER) werden sie nur etwa vor der halben Kulisse spielen. Erklärtes Ziel in der Gruppenphase ist für die Neuseeländerinnen endlich den ersten Sieg bei der inzwischen schon sechsten WM-Teilnahme einzufahren.
Sorgen bereitet den Organisatoren, dass von 900.000 Eintrittskarten für die 29 Spiele in Neuseeland (Australien: 35) zuletzt nur 320.000 verkauft waren. Der Weltverband FIFA verschenkte daraufhin noch einmal 20.000, Präsident Gianni Infantino rief das Volk mit großen Worten in die Stadien: „Nehmt den Moment an, seid stolz auf das größte Sportevent, das hier je ausgerichtet wurde!“
Eine SID-Stichprobe im Ticketshop ergab am Mittwoch, dass selbst für die drei Spiele der neuseeländischen „Football Ferns“ noch problemlos Karten zu haben waren, ebenso wie für fast alle Matches inklusive des Halbfinals im Eden Park von Auckland. Es ist eben kein Rugby.
Frauen-WM: Hoffen auf viele Last-Minute-Käufer
Die FIFA verweist glücklich darauf, dass die Zahl der verkauften Eintrittskarten bereits jene der WM 2019 in Frankreich überstiegen habe - diese aber wurde noch mit 24 Teams ausgetragen, diesmal sind es 32 und entsprechend mehr Spiele. „Wir sind zufrieden, aber es gibt noch Tickets“, sagte FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura, „also wartet bitte nicht bis zur letzten Minute.“
Genau dies jedoch, sagt Sportminister Grant Robertson, liege durchaus in der Natur seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger. Neuseeland sei ein Land der „last minute buyers“, der kurzentschlossenen Kartenkäufer. Dies sei, wo sonst, besonders beim Nationalsport Rugby zu beobachten.
Jacinda Ardern würde den Kauf-Aufruf Samouras wohl mitzeichnen. „Dies ist eine Warnung“, schrieb die frühere Premierministerin zuletzt ihren 1,7 Millionen Instagram-Followern: „Es wird hier in den kommenden Wochen fast nur um Fußball gehen.“ Nicht, weil sie eine Expertin sei, nein: „Ich freue mich, dass Neuseeland Gastgeber für ein gigantisches Ereignis mit wunderbaren Teams und Spielerinnen aus aller Welt sein darf.“
Auch wenn es nicht im Rugby ist.
----
mit Sport-Informations-Dienst