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WM 2022: Deutschlands WM-Auftaktspiele - eine Reise in die Vergangenheit

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WM 2022: Deutschlands WM-Auftaktspiele - eine Reise in die Vergangenheit

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Die Historie deutscher WM-Auftaktspiele

Die Historie deutscher WM-Auftaktspiele

Deutschland startet gegen Japan in seine 20. WM-Endrunde. Udo Muras reist zurück in der Geschichte und wirft einen Blick auf die großen Siege, peinlichen Pleiten und kuriosen Ereignisse bei deutschen Auftaktspielen.
Am Mittwoch steigt Deutschland bei der WM in Katar ein. Im Vorfeld gab es noch einige ungeklärte Baustellen in der Startelf bei Hansi Flick.
Udo Muras
Udo Muras

Dreizehn Siege, vier Unentschieden und nur zwei Niederlagen. So lautet die deutsche Bilanz in den Auftaktspielen bei der WM. Eigentlich ein gutes Omen für das heutige Spiel gegen Japan, wäre die letzte Niederlage (0:1 gegen Mexiko) nicht noch in bester (und doch schlechter) Erinnerung. Es war der Anfang vom Ende des Weltmeisters, der in Russland erstmals die Vorrunde nicht überstand und ausschied. (DATEN: WM-Spielplan 2022)

Lange Zeit war ein gelungener Turnierstart jedoch Standard für das DFB-Team, das 1934 erstmals zu einer WM fuhr. (NEWS: Alles Wichtige zur WM)

Gegen Belgien erzielte der Düsseldorfer Stanislaus Kobierski nach 27 Minuten das erste deutsche WM-Tor. Zur Halbzeit aber stand es 1:2 und erst als Trainer Otto Nerz sein System aufgab und den Spielern sagte: „Macht doch, was ihr wollt!“, wurde es ein rauschender 5:2-Sieg. Der 19jährige Edmund Conen erzielte einen Hattrick, jünger war danach nur Pelé, 1958 als 17jähriger. Deutschland zog ins Viertelfinale ein.

1938: Hexenkessel von Paris

1938 in Paris gelang das nicht. Das Achtelfinale gegen die Schweiz hatte keinen Sieger (1:1) und musste wiederholt werden. Vielleicht lag es ja an der Vorbereitung: die Deutschen reisten erst am Vorabend aus Duisburg im Zug mit nur 15 von 22 Spielern an, gingen abends ins Theater und übernachteten in einem Bahnhofshotel.

Geschichte schrieb der Wiener Johann Pesser, der in der 113. Minute als erster DFB-Spieler einer WM vom Platz flog. Er wurde Opfer der giftigen Atmosphäre, die aus politischen Gründen maximal unbeliebten Deutschen wurden ausgepfiffen und schon beim Einlaufen mit Tomaten und Flaschen beworfen. Das Wiederholungsspiel wurde dann mit 2:4 verloren. Weniger Spiele machte Deutschland nie mehr bei einer WM.

Was auch daran lag, dass nach dem Krieg jedes Turnier mit Gruppenspielen begann.

Deutschland zeigt Moral - Argentiniens Trainer giftet

1954 deutete zum Auftakt in Bern zunächst wenig daraufhin dass die Herberger-Elf auch das Turnierende in Bern erleben würde. Denn schon der erste Ball auf der Kasten von Toni Turek war drin, nach 160 Sekunden brachte Suat die Türken in Führung.

Doch mit der gleichen Moral, mit der sie auch das Finale gegen die Ungarn gewannen, bog Deutschland die Partie um. Hans Schäfer. Berni Klodt, Ottmar Walter und Max Morlock schossen einen 4:1-Sieg heraus und Klodt versprach in der ersten Euphorie: „Wenn wir Weltmeister werden springe ich in den Thuner See.“ Sie nahmen ihn drei Wochen später beim Wort.

Als Titelverteidiger reisten die Deutschen mit Bahn und Schiff und sechsmaligem Umsteigen 1958 nach Schweden. Das Los hatte es nicht gutgemeint, Argentinien zählte zu den Geheimfavoriten und ging prompt in Führung. Nun lag Deutschland schon nach der zweiten Minute zurück, wieder glückte die Wende – durch zwei Treffer von Helmut Rahn und das erste WM-Tor von Uwe Seeler. Am Ende hieß es 3:1.

Kurios: Argentinien musste der TV-Zuschauer zuliebe im Trikot von Malmö FF spielen. Trainer Guillermo Stabile spendete den Siegern ein vergiftetes Lob über den verdienten Sieg: „Meine Spiele sind so einen gewalttätigen Fußball nicht gewohnt.“

1962 in Chile leitete Sepp Herberger letztmals eine WM-Auswahl. Gegen Italien fielen zum Auftakt gar keine Tore und noch verwunderlicher war, dass die Hymnen schon gespielt wurden als die Mannschaften noch in den Kabinen waren. Herberger stöhnte nach dem Kick ohne besondere Höhepunkte: „Es war unser schwerstes Spiel seit Jahren.“

Die Geburt des „fabelhaften Franz“ - Rekordhitze in Mexiko

Vier Jahre später hatte sein Nachfolger Helmut Schön in Sheffield mehr Grund zur Freude. Die Schweiz, die auf drei Nachtschwärmer verzichtete, kam 1966 mit 0:5 unter die Räder. Schon zur Pause stand es 3:0 und ARD-Kommentator Rudi Michel schwelgte: „Das sind Kombinationen aus der Fußballfibel!“

Ein WM-Debütant stach alle aus: „der fabelhafte Franz“ (Daily Mirror). Gemeint war Beckenbauer, der zwei Tore schoss und mit seinen Sololäufen das Publikum begeisterte. Die Deutschen liefen bis ins Endspiel.

1970 in Mexiko gewann Deutschland erstmals alle Vorrundenspiele, aber der Auftakt war zum Fürchten. Gegen Fußballzwerg Marokko mühten sie sich in der Gluthitze von Leon (39 Grad) vor halbleeren Rängen zu einem 2:1. Den schon traditionellen Rückstand machte die Doppelspitze Uwe Seeler (56.)/ Gerd Müller (80.) wett.

Für Italien-Legionär Helmut Haller endete an diesem Tag die ruhmreiche Länderspielkarriere, Trainer Schön nahm ihn zur Halbzeit raus. Dann wurde es besser. Lachnummer: Marokkos Keeper verpasste den Wiederanpfiff, die Deutschen merkten nicht dass das Tor eine Minute lang leer war. Schön gestand trotz des Sieges: „Die Spieler waren deprimiert.“ Sie steigerten sich und boten in Mexiko phantastischen Fußball.

„Premierenfieber“ 1974 - Kaputter Aufzug in Argentinien

Bei der WM im eigenen Land stimmte gegen Chile (1:0) auch nur das Ergebnis. Mit Pfiffen schickten die Zuschauer in Berlin den Europameister in die Kabinen, denn nach Paul Breitners herrlichem Distanzschuss (16.) kam nicht mehr viel. Dabei spielte der Favorit 1974 die letzten 25 Minuten nach Caszelys historischer Roter Karte (die erste der WM) in Überzahl.

Beckenbauer gestand: „Das Premierenfieber und die Last des Favoriten machten einigen schwer zu schaffen.“ Letztlich wurden sie ihrer Favoritenrolle gerecht und lernten: Nicht jeder Weltmeister erwischt eine Wolke, auf der er durchs Turnier schwebt.

Es war ein Team voller Hochbegabter, doch lange keine Einheit. Die Heim-WM 1974 beginnt mit dem großen Zoff in der deutschen Mannschaft und endet doch noch mit dem Titel.
05:07
SPORT1 History über den deutschen WM-Sieg im Jahr 1974

1978 in Argentinien musste Deutschland als Titelverteidiger das Eröffnungsspiel bestreiten und teilt sich seitdem mit Polen den zweifelhaften Ruhm dass es wohl nie ein schlechteres gab. 0:0 stand es nach 90 zähen Minuten in Buenos Aires und DFB-Präsident Hermann Neuberger ätzte: „Das war Fußball wie vor 20 Jahren: Stoppen, gucken, abspielen.“

An Ausreden mangelte es nicht. Der holprige Platz, der platte Ball, die knackende Heizung im Hotel und der Aufzug, in dem drei Spieler für fünf bange Minuten im 18. Stock hängenblieben. Diesmal trogen die Vorzeichen nicht, der Weltmeister scheiterte blamabel in der Zwischenrunde.

Arroganz-Anfall mündet in peinlicher Pleite

Schön übergab danach den Marschallstab an Jupp Derwall, der Deutschland als Europameister 1982 nach Spanien führte. Das Los schien es gut zu meinen, zum Auftakt wartete WM-Neuling Algerien, er galt den Experten als Kanonenfutter. Jupp Posipal, einer der Helden von Bern, etwa sagte: „Die beiden Gegner neben Österreich sind so harmlos, dass wir morgens gegen Chile und abends gegen Algerien spielen können.“

So dachten auch die Verantwortlichen. Sollte seine Elf gegen die Algerier verlieren, „fahre ich mit dem Zug nach Hause“, sagte Derwall und erläuterte: „Meine Spieler würden mich doch für doof erklären, wenn ich ihnen was über die algerische Mannschaft erzählen wollte.“ Torwart Harald „Toni“ Schumacher wurde so zitiert: „Wir schießen gegen Algerien zwischen vier und acht Toren. Um in Schwung zu kommen, müssen wir die nun mal wegputzen.“

Die Algerier stachelte das nur an und sorgten im Stadion „El Molijon“ für die Sensation. Deutscher Unmut machte sich schon zur Halbzeit (0:0) breit. Erst recht, als ein algerischer Konter erstmals zu einem Tor führte. Rabah Madjer staubte nach Schumachers Parade zum 0:1 ab (52.), eine Sensation lag in der Luft.

Als Karlheinz Rummenigge eine Magath-Flanke zum 1:1 über die Linie drückte (68.), hatte das mehr Nach- als Vorteile. Der Kapitän zerrte sich dabei den Oberschenkel, was ihn das ganze Turnier lähmte – und das 1:1 währte nur ein paar Sekunden. Nach Wiederanpfiff schlug Algerien zurück, Kapitän Belloumi traf freistehend (69.).

Fertig war die erste WM-Auftaktpleite einer DFB-Elf und zum Schaden kam der Spott: Der Kicker suchte Derwall eine günstige Zugverbindung nach Frankfurt raus – mit vier Mal Umsteigen. Er blieb doch bei seiner Mannschaft, die sich bis ins Endspiel quälte.

Dort brachte sie auch Franz Beckenbauer 1986 in Mexiko hin. Ebenfalls mit Mühen, von Beginn an. Der wohl größte Blackout in der Karriere des Lothar Matthäus sorgte in Queretaro für den obligatorischen frühen Rückstand gegen Uruguay, sein zu kurzer Rückpass nutzte Alzamendi zum 0:1. Kurz vor Schluss glich Klaus Allofs nach unermüdlichem Anrennen in drückender Hitze aus.

„Eine solche Kraft hätte ich den Deutschen nicht zugetraut. Ich dachte, das sind Europäer“, staunte Uru-Star Enzo Francescoli. „Nach dem Schlusspfiff wusste ich: das ist eine Mannschaft“, war auch der Kaiser beeindruckt.

Matthäus-Gala 1990

1990 glückte, was 1986 noch ausblieb: der Sieg im Finale gegen Argentinien. Mitentscheidend der Traumstart am 10. Juni gegen Jugoslawien (4:1). Die Aufführung in der Mailänder Scala des Fußballs, dem Stadion von San Siro, geriet zur Demonstration.

Lothar Matthäus machte sein 75. und wohl bestes Länderspiel und eröffnete nach 29 Minuten den deutschen Torreigen mit einem satten Linksschuss. Am Ende stand ein 4:1 (1:0), weil Matthäus noch ein sensationelles Tor nach einem unwiderstehlichen Solo erzielte – gerade als die Partie nach dem jugoslawischen Tor durch Jozic zu kippen drohte. Sein 3:1 wurde zum Tor des Jahres gewählt.

Auch die anderen Treffer gingen auf das Konto der „Italiener“: Klinsmann (Inter) köpfte das 2:0 und Völler (AS Rom) drückte Brehmes Schuss zum 4:1-Endstand über die Linie. Kurios: die FIFA hat das Tor Brehme gegeben, der DFB nach interner Zeugenbefragung Völler. „Rudi gab dem Ball den letzten Tick“, verkündete DFB-Pressechef Wolfgang Niersbach, „der Andy steht gerne zurück.“

Angeführt von Weltstar Lothar Matthäus dominierte das DFB-Team die WM 1990 in Italien. Es wurde ein magischer Sommer, dem Andreas Brehme im Finale das Sahnehäubchen aufsetzte.
06:16
SPORT1 History über den deutschen WM-Titel 1990 in Italien

Vogts sorgt für Bayern-Novum

1994 in den USA musste man wieder das Eröffnungsspiel bestreiten. Es war ein hartes Stück Arbeit, ehe Jürgen Klinsmann (61.) einen Abstimmungsfehler in Boliviens Hintermannschaft zum Tor des Tages in Chicago nutzte.

Bei 40 Grad Hitze kollabierten 70 Zuschauer und die Spieler schleppten sich über die Rasen. Nur Bundestrainer Berti Vogts sah „das beste Eröffnungsspiel seit Jahren“.

In Paris war Vogts immer noch Trainer und Deutschland nun Europameister. Alles andere als ein Sieg gegen die USA war 1998 ausgeschlossen und so wurde das 2:0 in die Kategorie „Pflichtsieg“ eingestuft. Endlich glückte mal ein frühes Tor, durch Andy Möller (6.), Klinsmann machte den Sack zu (66.).

Erstmals seit 36 Jahren stand kein Bayern-Spieler in der Startelf bei einer WM, obwohl sechs im Kader waren. Vogts: „Der Start ist gelungen, aber mit dem Spiel kann ich nicht zufrieden sein.“

Der Klose-Stern geht auf - Mexiko stoppt die Siegesserie

Das galt gewiss nicht für den Turnierstart 2002 in Japan. In Sapporo fegte das Team von Rudi Völler Außenseiter Saudi-Arabien mit 8:0 weg. Bis heute ist es der höchste WM-Sieg für Deutschland, das sich über einen neuen Mittelstürmer freute. An jenem 1. Juni 2002 ging der Stern des Miroslav Klose auf, der bei seinem WM-Debüt drei Kopfballtore erzielte und sie per Salto feierte. Erstmals spielte die DFB-Elf in einem überdachten Stadion.

2006 war das nicht nötig, in München schien die Sonne, als Deutschland das Turnier eröffnete. In Erinnerung blieb gegen Costa Rica vor allem das Traumtor von Linksverteidiger Philipp Lahm, das das erste des Turniers war. Trotz einiger Abwehrschwächen gab es einen 4:2-Sieg für die Klinsmann-Elf, denn auch Klose schlug wieder zu – diesmal doppelt.

Am 9. Juni 2006 eröffnete Philipp Lahm mit einem Traumtor die WM in Deutschland. Es wurde ein Sommermärchen, die Welt war zu Gast bei Freunden.
08:19
SPORT1 History über die WM 2006 in Deutschland und das Sommermärchen

2010 in Südafrika fielen wieder vier Tore, Australien wurde in Durban aber kein Ehrentor gestattet. Die Mannschaft von Joachim Löw verteilte die Treffer gleichmäßig auf die beiden Hälften.

Lukas Podolski und Klose vor, Thomas Müller und Cacau nach der Pause sorgten für einen entspannten Fußballabend. Cacau traf 110 Sekunden nach seiner Einwechslung, es war das schnellste Joker-Tor der WM-Historie. Die Euphorie in der jüngsten DFB-Elf seit 1934 trug sie bis ins Spiel um Platz 3.

2014 in Brasilien gab es den dritten Viererpack in Folge. Nun aber gegen den Mitfavoriten um den Gruppensieg, doch Portugal war chancenlos. Zum souveränen 4:0-Sieg in Salvador trug sicher auch der frühe Platzverweis für Portugals Abwehrrecke Pepe nach 37 Minuten bei.

Thomas Müller erwischte einen Sahnetag und schoss drei Tore. Augenzeuge Diego Maradona stellte fest: „Deutschland streifte die Perfektion.“ Im Campo Bahia feierten die Sieger die Nacht durch, unentwegt spielten sie Helene Fischers Ohrwurm „Atemlos“.

Vor vier Jahren blieb den deutschen Fans im Lushniki-Park und vor den Fernsehern die Luft weg. Der Weltmeister kassierte 2018 gegen Mexiko seine erst zweite Auftaktniederlage durch ein Tor von Lozano (35.), dem die Löw-Elf wenig entgegenzusetzen hatte. „Jogi, das war WM-Boykott!“, titelte die Bild. Im Gegensatz zu 1982 war es der Anfang vom frühen Ende.

Warnung genug, den Auftakt heute nicht zu vermasseln.