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Heute vor 20 Jahren schwante Fußball-Deutschland vor der WM Übles

Als der WM-Traum böse zu enden drohte

Jürgen Klinsmann muss vor der WM 2006 im eigenen Land sehr viel (berechtigte) Kritik aushalten. Am Ende will ihn dann doch keiner mehr gehen lassen.
Jürgen Klinsmann (r.) und sein damaliger Co-Trainer Joachim Löw bei Debakel in Florenz 2006
Jürgen Klinsmann (r.) und sein damaliger Co-Trainer Joachim Löw bei Debakel in Florenz 2006
© IMAGO/Avanti
Jürgen Klinsmann muss vor der WM 2006 im eigenen Land sehr viel (berechtigte) Kritik aushalten. Am Ende will ihn dann doch keiner mehr gehen lassen.

An das Gefühl der Enttäuschung nach Länderspielen gegen Italien hat sich die deutsche Fan-Seele längst gewöhnt. Gerade bei Turnieren waren die „Azzurri“ oft Endstation und immer ein harter Brocken. Heute vor 20 Jahren aber löste eine Testspielniederlage noch weit mehr aus – einen Tsunami der Entrüstung.

Für Bundestrainer Jürgen Klinsmann war es der Tiefpunkt seiner nur zweijährigen Dienstzeit und außer den Medien und dem „Kaiser“ hatte er in jenen Tagen auch die Politik gegen sich aufgebracht.

Klinsmann handelt sich Kritik ein - auch von Hoeneß

Vor der WM im eigenen Land musste Gastgeber Deutschland natürlich keine Qualifikationsspiele bestreiten, und der nach der verkorksten EM 2004 ins Amt gekommene Klinsmann nahm den Begriff Testspiel nur zu wörtlich.

Vier Monate vor dem Ereignis, das man später das „Sommermärchen“ nennen würde, hatte er immer noch „keine eingespielte Mannschaft“, wie nicht nur Bayern-Manager Uli Hoeneß monierte.

In den ersten Test des Jahres, am 1. März 2006 in Florenz, schickte er mit Per Mertesacker (Bremen) und Robert Huth (Chelsea) zwei Innenverteidiger, die weder ausreichende Spielpraxis noch Form hatten.

Dafür sortierte er den routinierten Dortmunder Christian Wörns erneut aus, der sich daraufhin in einem Interview Luft machte („Es geht nicht nach Leistung. Dann sollte man mir offen sagen, dass es weiterhin nicht nach Leistung geht, sondern dass jemandem meine Nase nicht passt“) und endgültig um seine WM-Chance brachte. Es mag ihn getröstet haben, dass Kapitän Michael Ballack dem kicker sagte: „Ich kann Wörns verstehen.“

Es gab noch mehr Brandherde: In der Torwartfrage hatte sich Klinsmann noch immer nicht festgelegt. In Florenz spielte Jens Lehmann und Erzrivale Oliver Kahn blieb zuhause.

Kurz vor dem Spiel sprach sich der Bundestrainer mit Sportdirektor Matthias Sammer aus, die Beseitigung der Differenzen soll die Länge eines Fußballspiels gehabt haben. Der Reformer scheute keine Konflikte oder Tabus und so spielte Deutschland an diesem Tag erneut im keineswegs traditionellen roten Dress.

Testspiel-Pleite als Auslöser großer Entrüstung

Danach sahen alle Rot, die es mit der deutschen Mannschaft hielten. Die lag schon nach sieben Minuten 0:2 zurück, sowohl beim 0:1 durch Alberto Gilardino (4. Minute) als auch beim 0:2 von Lokalmatador Luca Toni (7.) fand die überforderte Abwehr keinerlei Mittel, die Einschläge zu verhindern.

Danach zogen sich die vom eigenen Blitzstart überraschten Gastgeber, übrigens der kommende Weltmeister, etwas zurück, aber „die Deutschen wussten damit wenig anzufangen“, bemängelte der kicker. Das Spiel war schon vor der Pause entschieden, als ein langer Ball die Viererkette erneut aushebelte und De Rossi zum 3:0 einköpfte (39.).

Klinsmann erlöste in der Pause Mertesacker und brachte Christoph Metzelder, auch Lukas Podolski (kicker-Note: 6) blieb in der Kabine. Die Einwechslungen von Gerald Asamoah und später noch von Bastian Schweinsteiger und Tim Borowski bewirkten eine leichte Besserung, die zweite Hälfte wurde immerhin nicht verloren. Nach Del Pieros Kopfballtor (57.) waren die Gastgeber so freundlich, Robert Huth sein erstes Länderspieltor zu gönnen (82.), im Anschluss an eine Ecke. Wichtiger war, was im Anschluss an das Spiel geschah.

In Deutschland macht sich Panik breit

Klinsmann stellte sich pflichtschuldigst den Medien und gab zu: „Wir sind alle sehr enttäuscht. Das war eine Lektion für uns und das ist frustrierend. Wir haben richtig einen auf die Mütze bekommen.“ Grundsätzliche Zweifel befielen ihn deshalb nicht. „Das Team ist stark genug, etwas bei der WM zu bewegen. Wir glauben an die Mannschaft.“

Damit stand er in der ersten Erregung ziemlich allein. Sein Kapitän Ballack sagte: „Vier Stück sind richtig bitter. Da hat man keine Argumente. Die Mannschaft war nach dem frühen Rückstand verunsichert. Wir sind dann nur noch hinterhergelaufen.“

Das drohte ihnen in dieser Form auch bei der WM. 94 Tage vor dem Eröffnungsspiel geriet die deutsche Öffentlichkeit in Panik. „Es wird jetzt Kritik hageln - und die ist auch berechtigt“, prognostizierte ARD-Kommentator Reinhold Beckmann unmittelbar nach Abpfiff. Keine gewagte Prognose - die Schlagzeilen am Tag danach waren deutlich.

„Mamma mia sind wir schlecht“ hieß es in der Bild, „Totalschaden in Florenz“ in der Süddeutschen Zeitung, „Die Schande von Florenz“ im Stern, „Desaster“ im Kicker. Im Focus kommentierte Chefredakteur Helmut Markwort: „Die besten Fußballspieler des Landes werden einem Träumer überlassen, der mehr Guru ist als Stratege, der erfahrene Spieler wegmobbt und junge verunsichert. Ein Anfänger und Besserwisser – eine gefährliche Mischung.“

Der kicker entwarf in seiner nächsten Ausgabe mit Hilfe von Experten auf einer Doppelseite einen „Notplan WM“ und druckte auch eine Umfrage unter seinen Lesern ab. Auf die Frage „Wer wird Weltmeister?“ hatten im Mai 2005 noch rund 50 Prozent der Teilnehmer auf Deutschland gesetzt, am Tag vor dem Italien-Spiel waren es 30,5 Prozent und am Tag danach nur noch 20,4 Prozent. Klinsmanns Arbeit wurde mit der durchschnittlichen Schulnote 3,21 bewertet, ein Jahr zuvor stand er noch auf einer glatten Zwei.

Klinsmann verärgerte auch Deutschlands Politiker

Auch an Klinsmann hatte die Öffentlichkeit Fragen, doch der war zusammen mit seiner Mutter schon am nächsten Tag wieder mal in seine Wahlheimat Kalifornien geflogen, was ihm sein Arbeitsvertrag erlaubte, und antwortete erst Tage später per E-Mail zumindest der Bild. Denn nun gab es weitere Themen.

Am 4. März hatte das Blatt mit der Schlagzeile aufgemacht „Klinsi vor den Bundestag?“ und Politiker aus CDU, SPD und FDP (alle Hinterbänkler) zitiert, die Erklärungen wünschten. So sagte CDU-Sportexperte Norbert Barthle: „Es wäre schön, wenn Herr Klinsmann mal dem Sportausschuss erklären würde, was seine Konzeption ist und wie er Weltmeister werden will. Das Spiel gegen Italien war grausam und man fragt sich, wie er das bis zum Sommer aufholen will.“

Außerdem tobte der Kaiser, denn Klinsmann erschien nicht zum FIFA-Workshop in Düsseldorf fünf Tage nach dem Desaster von Florenz, auf dem alle anderen 31 Trainer der Teilnehmerteams gesehen wurden. WM-OK-Chef Franz Beckenbauer: „Der Bundestrainer des Gastgeberlandes hätte da sein müssen, das ist überhaupt keine Frage … Er macht es so, wie er erzogen ist … Wenn das die Auffassung von seinem Beruf ist, dann muss er auch mit der Kritik leben.“

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Es sah in „den Iden des März“ 2006 wahrlich nicht nach einem Sommermärchen aus. Doch bekanntlich kam es anders.

Deutschland erreichte Platz drei und scheiterte erst in den letzten Minuten der Verlängerung des Halbfinales – wieder mal an Italien. Mit elf eingesetzten Spielern, die schon in Florenz dabei gewesen waren.

Danach lag das Land Klinsmann zu Füßen und alle wollten, dass er bleibt, doch er sah seine Bundestrainerzeit nur als WM-Projekt und verschwand wieder nach Kalifornien. Vor dem Bundestag erschien er übrigens nie.

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