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WM 206: Jetzt droht ein undenkbares Szenario - was wird aus Irans Team?

Ein undenkbares WM-Szenario droht

100 Tage vor dem Beginn der Fußball-WM spricht kaum jemand über den Sport. Die Vorbereitungen sind massiv belastet, der Iran-Konflikt sorgt für das nächste große Fragezeichen.
Nach dem Tod von Irans Staatsoberhaupt Ali Khamenei durch US-israelische Luftangriffe steht das Frauen-Nationalteam beim Asien-Cup im Fokus. Trainerin Marziyeh Jafari wollte sich jedoch nicht äußern.
100 Tage vor dem Beginn der Fußball-WM spricht kaum jemand über den Sport. Die Vorbereitungen sind massiv belastet, der Iran-Konflikt sorgt für das nächste große Fragezeichen.

Vor nicht allzu langer Zeit dachten die meisten Fans noch, dass 48 Teilnehmer, 104 Partien und fast sechs Wochen Dauer die größten Aufreger rund um die erste XXL-WM der Geschichte sein werden. Doch 100 Tage vor dem Beginn der Endrunde (11. Juni bis 19. Juli) weiß auch der Bundestrainer, dass Trump, Grönland, ICE, Mexiko und nun auch Iran die (Fußball-)Welt verändert haben.

Wir sollten „das Bewusstsein haben, dass politische Themen vorherrschen, die der Sport nicht lösen wird“, sagte Julian Nagelsmann im kicker bei seinem Blick auf das bevorstehende Turnier in den USA, Mexiko und Kanada.

Dass Nagelsmann mit dieser Einschätzung richtig liegt, zeigt die jüngste Entwicklung durch den Iran-Konflikt. Schließlich scheint eine Teilnahme der qualifizierten Mannschaft aus dem Kriegsgebiet derzeit kaum vorstellbar. Es droht ein undenkbares Szenario.

Was passiert, wenn Iran nicht an WM teilnimmt?

Der Ligabetrieb ist ausgesetzt, anstehende WM-Vorbereitungsspiele wurden abgesagt. „Sicher ist, dass nach diesem Angriff nicht zu erwarten ist, dass wir hoffnungsvoll auf die WM blicken“, sagte Irans Verbandsboss Mehdi Taj dem Sportnachrichten-Anbieter Varzesh3: „Die US-Regierung hat unser Heimatland angegriffen. Das wird nicht unbeantwortet bleiben.“

Die Iraner sollen ihre drei WM-Vorrundenspiele in Los Angeles und Seattle austragen. „Es ist zu früh, um dies im Detail zu kommentieren, aber wir werden die Entwicklungen in allen Fragen weltweit weiter beobachten“, antwortete FIFA-Generalsekretär Mattias Grafström auf die Frage nach der Reaktion des Weltverbands, der nach wie vor alle qualifizierten Teams an den Start bringen möchte.

Doch was passiert, wenn der Iran sich zu einem Boykott entscheidet? Wenn andere Länder oder Institutionen eine Teilnahme der in einen Krieg verwickelten Nation als nicht sicher einstufen? Wenn die USA die iranische Mannschaft schlicht nicht einreisen lassen?

Schon jetzt ist es Iranern nicht gestattet, die USA zu betreten. Eine Ausnahme gilt nur für Sportmannschaften wie das WM-Team, zumindest Stand jetzt. Doch schon bei der WM-Auslosung wurden einige iranische Delegierte nicht ins Land gelassen, die FIFA schien damals machtlos.

FIFA könnte vor historischer Aufgabe stehen

Ein erst im letzten Jahr veröffentlichter Artikel im Reglement des Weltverbandes adressiert derweil, was geschieht, wenn ein WM-Teilnehmer wegfällt. Tenor: Dann entscheidet die FIFA, wie es weitergeht.

„Wenn ein teilnehmender Mitgliedsverband von der FIFA-Weltmeisterschaft 26 zurücktritt und/oder ausgeschlossen wird, entscheidet die FIFA nach eigenem Ermessen über die Angelegenheit und ergreift die als notwendig erachteten Maßnahmen. Die FIFA kann beschließen, den betreffenden teilnehmenden Mitgliedsverband durch einen anderen Verband zu ersetzen.“

Möglich dürften zwei Optionen sein: Iran wird durch eine andere Nation ersetzt oder die Vorrundengruppe wird auf drei Teams reduziert. Als potenzielle Ersatzkandidaten gelten unter anderem der Irak und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Einen Rückzug gab es bei einer WM seit 1950 nicht mehr, der ersten Austragung nach dem zweiten Weltkrieg. Damals stiegen Schottland, die Türkei, Indien und Frankreich aus.

Offiziell alle WM-Spiele ausverkauft

Geplant sind die 104 Partien der diesjährigen WM an 16 Spielorten in vier Zeitzonen. Der Großteil der Begegnungen (78) soll in den USA stattfinden. Beginnen soll alles mit dem Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika im Azteken-Stadion von Mexiko-City, das Finale ist in New York geplant.

Ausscheiden dürften zunächst wohl nur die großen Außenseiter um die Neulinge aus Curacao und Kap Verde. Schließlich erreichen 32 Mannschaften die erste K.o.-Runde.

FIFA-Boss Gianni Infantino hat „104 Super Bowls“ versprochen, die dem Weltverband eine Rekordeinnahme in Höhe von elf Milliarden Dollar in die Kasse spülen sollen - sieben Milliarden waren es vor vier Jahren in Katar. Trotz der massiven Kritik an den hohen Eintrittspreisen gab es laut FIFA 508 Millionen Nachfragen für die rund sieben Millionen Tickets. „Alle Spiele sind ausverkauft“, jubilierte Infantino.

Kann bei der WM überall gespielt werden?

Ob die Ränge tatsächlich überall gefüllt sein werden, erscheint allerdings ähnlich offen wie die Frage, ob wirklich an jedem geplanten Standort gespielt werden kann. Der Drogenkrieg in Mexiko lässt vor allem auf Guadalajara mit Sorge blicken. Boston will aussteigen, wenn bis Mitte März nicht die derzeit eingefrorenen Bundesgelder für die Sicherheit fließen.

Zudem verschreckt die Politik der US-Regierung unter Präsident Donald Trump mögliche Besucher. Die Todesschüsse von ICE-Beamten, die aggressive Außenpolitik und verschärfte Einreisebeschränkungen für Gäste aus einer Vielzahl von qualifizierten Ländern wirken nicht unbedingt einladend.

Die Vorbereitungen auf die Endrunde sind derart belastet, dass kaum jemand über die Hoffnung auf ein friedliches Fest der Kulturen oder gar den Sport spricht. Und auch wenn Nagelsmann sich gemäß seiner Jobbeschreibung auf den Fußball konzentrieren möchte, ist er sich dessen bewusst. „Unsere eigene Leistung auf dem Fußballplatz“, gab der Bundestrainer zu Protokoll, hat „für die weltpolitische Lage leider gar keine Relevanz“.

----- mit Sport-Informations-Dienst