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Deutschland im WM-Quartier: Zwischen Mythos und Desaster

Das WM-Quartier: Immer ein Streitpunkt

Schon bevor die Nationalmannschaft ihr Quartier in Winston-Salem bezogen hat, gibt es Diskussionen. Zu abgeschottet, zu ländlich, zu langweilig – so lautet das Urteil einiger Beobachter. SPORT1 blickt gemeinsam mit ehemaligen WM-Fahrern auf die Unterkünfte der Vergangenheit zurück.
SPORT1-Reporter Manfred Sedlbauer liefert aus Chicago seine Eindrücke zur Abschottung des DFB-Teams in den USA.
Schon bevor die Nationalmannschaft ihr Quartier in Winston-Salem bezogen hat, gibt es Diskussionen. Zu abgeschottet, zu ländlich, zu langweilig – so lautet das Urteil einiger Beobachter. SPORT1 blickt gemeinsam mit ehemaligen WM-Fahrern auf die Unterkünfte der Vergangenheit zurück.

Julian Nagelsmann und sein Team haben sich für die anstehende Weltmeisterschaft für ein Quartier in Winston-Salem (North Carolina) entschieden. Ob es eine gute Wahl ist, zeigt sich vermutlich erst nach dem Turnier.

Fakt ist: Schon immer entschied das Quartier mit über Erfolg und Misserfolg. Während so mancher Ort zum Mythos deutscher Fußballgeschichte wurde, griff der DFB auch mehrmals komplett daneben. Bei SPORT1 erinnern sich ehemalige WM-Fahrer. Nur über das Quartier 2018 (Stichwort: Watutinki) wollte keiner der angefragten Spieler von damals sprechen…

Sepp Maier über Malente (1974)

„Legendär ist noch untertrieben! Malente war wie ein Klassentreffen mit Fußballschuhen. Da war Leben drin, da war Gaudi! Eine Geschichte: Wir haben abends Karten gespielt – aber nicht um Geld, sondern um Dienste.

Und irgendwann ging’s darum, wer am nächsten Tag beim Training die Bälle trägt. Klingt harmlos, oder? Ja, denkste! Da sind gestandene Nationalspieler nervös geworden wie Schulbuben! Einer hat so gezittert beim Mischen, da habe ich gesagt: „Sag mal, spielst du hier Karten oder operierst du am offenen Herzen?“

Und am nächsten Tag siehst du dann einen Weltklassespieler mit fünf Bällen unterm Arm über den Platz laufen – und alle anderen lachen sich schlapp. Sowas schweißt zusammen! Heute? Da hat jeder seinen eigenen Physio, seinen eigenen Plan und wahrscheinlich noch einen eigenen Kaffeeberater.“

Rainer Bonhof über das Quartier 1978 in Ascochinga (Argentinien)

„Der Ort heißt auf Deutsch übersetzt „Toter Hund“. Als Erstes fällt mir passenderweise Emil ein. Er war ein allerdings quicklebendiger streuender Hund vor Ort und wir haben ihm kurzerhand einen deutschen Namen verpasst.

Tatsächlich gab es wenig Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Aber neben dem täglichen Training haben wir Tischtennis und Crocket gespielt. Hoch im Kurs standen damals auch Kartenspiele wie zum Beispiel Skat.

Unser schlechtes Abschneiden als Titelverteidiger aber mit dem WM-Quartier zu begründen wäre zu billig. Wir haben es leider einfach in keinem der Spiele geschafft, eine überzeugende Leistung zu zeigen.“

Uli Stielike über Gijón 1982 (Spanien)

„Die Wahl einer Unterkunft hat immer etwas mit den Ansichten und Charakteren der entsprechenden Trainer zu tun. Jupp Derwall war ein gutmütiger und offener Mensch, der sich und die Mannschaft nicht völlig abschotten wollte. Das brachte es mit sich, dass es für Fans nicht schwierig war, in die Nähe des Teams zu gelangen.

Die Zusammenkunft am Schluchsee [schon damals sprachen Medien vom „Schlucksee“ – Anm. d. Red.] war in erster Linie zur Regeneration gedacht. Tatsache ist aber, dass einige Spieler über die Stränge schlugen und die Gutmütigkeit sowie das Vertrauen des Trainers missbrauchten.

Alle Dinge, die um eine Mannschaft herum passieren, nehmen Einfluss auf ihre Leistungsbereitschaft – insbesondere die Auswahl des Hotels und die eingeforderten Verhaltensregeln. Du bist über einen relativ langen Zeitraum zusammen, und es gilt hier, einen Rahmen zu schaffen, der absolute Konzentration und eine entspannte Atmosphäre vereint.“

Dieter Hoeneß über das Quartier 1986 in Galindo (Mexiko)

„Das war schon heftig, aber wir haben es hinter uns gebracht. Ich denke, dass der DFB damals viel gelernt hat, wie man es nicht machen sollte. Man ist zweimal quer über den Platz gelaufen und aufgrund der Höhe war man sofort platt – schließlich waren wir auf 2000 Metern. Es war eine riesige Umstellung, die Anpassung war dringend notwendig.

Das große Problem war, dass sämtliche Journalisten im gleichen Resort untergebracht waren wie wir Spieler und der ganze DFB-Stab. Morgens hat man die Vorhänge aufgezogen, sich noch die Augen gerieben und schon hatte man vier Kameras vor der Nase – das war schlecht organisiert.

Natürlich gab es auch mal Reibereien. Es gab den Münchner, den Kölner und den Hamburger Block. Dass es da etwas dauert, bis man eine Mannschaft wird, ist völlig klar. Wir haben uns aber zusammengerissen und ich halte den Finaleinzug unter den damaligen Verhältnissen rückblickend für ein sehr gutes Ergebnis.“

Stefan Reuter über das Quartier 1990 am Comer See (Italien)

„Wir waren immer sehr gut auf die Gegner vorbereitet – wirklich im Detail. Trotzdem war eine gewisse Lockerheit während des Turniers vorhanden. Es gab immer wieder nach den Spielen die Möglichkeit für uns, Freiraum zu haben. Teamchef Franz Beckenbauer hat uns sehr viel Vertrauen entgegengebracht und wir wollten das zurückzahlen. Wenn man sieben Wochen zusammen ist und man sich jeden Tag nur unter Druck fühlt, ist das nicht gut.

Es ist eine Kunst, zu wissen, wann man Gas geben muss und wann man locker sein kann. Es war häufig so, dass wir auch mal Freiheiten hatten. Jeder konnte abends essen gehen, wo er Lust und Laune hatte. Lothar Matthäus hat uns mal zu sich nach Hause eingeladen und wir konnten auch mal ein bisschen später kommen. Man muss gut vorbereitet sein und sich trotzdem Lockerheit, Zuversicht und Selbstbewusstsein bewahren.

Ich glaube, dass das auch noch heute möglich ist. Es ist sicher schwieriger als zu unserer Zeit, schließlich konnten wir auch mal ganz locker am Comer See sitzen und ein schönes Essen genießen. Das ist heute nicht so leicht, aber ich traue es Julian Nagelsmann und Rudi Völler zu, dass sie das hinbekommen.“

Thomas Strunz über das Quartier 1994 bei Chicago

„Wir lebten damals in einem riesigen Hotel inmitten eines Golf-Resorts. Auch viele normale Gäste waren dort zu Gast. Die Golf-Anlage wurde natürlich von vielen Spielern und Verantwortlichen ausgiebig genutzt.

Gerüchten zufolge haben einige dort auch ihre Platzreife erreicht… So lief das damals, das Ende ist ja bekannt. Die Stimmung im Quartier und das spätere Abschneiden passten ganz gut zusammen. Es war eine lustige Reisegruppe.

Ich weiß noch, dass es eine Spielhalle gab. Da konnte man Flippern oder an Automaten spielen, aber eigentlich waren wir eher auf dem Zimmer und haben einen Tag nach dem anderen rumgebracht.“

In WM-Stimmung waren wir jedenfalls nicht. Wir hatten einige Weltmeister von 1990 dabei, für die es normal gewesen wäre, den Titel nochmal zu holen. Wir Jüngeren und Neulinge wie Matthias Sammer, Stefan Effenberg und ich sind da eher mitgelaufen. Lothar Matthäus, Rudi Völler, Andy Brehme, Bodo Illgner – das waren auch für uns Helden. Dementsprechend mussten wir uns anpassen.“

Markus Babbel über das Quartier 1998 nahe Nizza

„Es war einfach traumhaft. Wir waren zwar nicht direkt am Meer, hatten aber ein wunderschönes Hotel. Die Zimmer, die Balkone – alles war großartig. An so einem Ort macht man normalerweise Urlaub. Es war ganz großes Kino! Es war schon etwas abgelegen, aber dafür hatte man dann ja ein Auto – Lothar Matthäus hat dafür gesorgt. Ein Anruf bei Regine Sixt und schon kam ein Lkw voller Autos vorgefahren.

Wenn wir konnten, haben wir uns natürlich auch um unser Gemüt gekümmert – vielleicht mehr als für einen Sportler gesund ist. Weißwein bei strahlend blauem Himmel, gemeinsam mit den Jungs auf dem Balkon – es gibt Schlimmeres.

Bundestrainer Berti Vogts hätte das vermutlich nicht gut gefunden, wenn er uns erwischt hätte, aber er war keiner, der Zimmerkontrollen durchgeführt hat. Wir haben viel Karten gespielt, wobei ich der „Springer“ war. Wenn jemand auf die Toilette musste, habe ich für ihn weitergespielt – das entsprach auch ein bisschen meiner Rolle auf dem Platz. (lacht)

Später habe ich mir sogar überlegt, mal privat dort Urlaub zu machen. Angesichts der wahnsinnigen Preise habe ich es aber dann doch gelassen.“

Torsten Frings über Miyazaki 2002 (Japan)

„Das war nicht gut. Wir waren in einem großen Hotel, in dem der DFB ein paar Etagen gemietet hatte. Der Golfplatz in der Nähe war die einzige Möglichkeit für uns, sich auch mal außerhalb ein wenig zu bewegen – ansonsten war alles abriegelt. Der DFB hat zwar versucht, das Beste daraus zu machen, aber eine Art „Players Lounge“ gab es nicht. Das war nicht so prickelnd.

Die Trainingsbedingungen waren aber gut. Die Busfahrt zum Platz war eher kurz, also nicht störend. Dort waren die Voraussetzungen gut.

Teamchef Rudi Völler hat der Mannschaft komplett vertraut und war keiner, der abends auf die Uhr geschaut. Allerdings waren wir auch eine Mannschaft, in der es niemand übertrieben hat. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und saßen sicherlich auch mal an der Bar, aber das ist nie ausgeufert. Rudi hatte das mit seiner natürlichen Autorität im Griff – das war ein Erfolgsrezept, weil vor dem Turnier ja niemand etwas von uns erwartet hatte.“

Sebastian Kehl über das Quartier 2006 im Berliner Grunewald

„Es war sehr familiär, ein Ort der Ruhe und Konzentration. Gleichzeitig hatten wir die Möglichkeit, auch mal rauszugehen und die Stimmung in der Stadt mitzuerleben und aufzusaugen. Das Quartier war hervorragend organisiert – für mich ein extrem wichtiger Faktor für den Erfolg.

Die Abläufe, die Atmosphäre, die Möglichkeiten zur Regeneration – all das war Gold wert. Man lebt lange Zeit sehr eng zusammen, da muss einfach alles passen.

Wir haben viel gemeinsam gemacht – abends haben wir häufig Spiele geguckt. Dann haben wir vor allem so richtig mitbekommen, wie groß die Euphorie im Land war. Im Quartier waren wir schon auch ein Stück weit in unserer eigenen Blase. Sonst haben wir gerne Billard oder PlayStation gespielt oder Filme geguckt. Wir hatten in Berlin aber auch die Möglichkeit, mal auswärts essen oder ins Kino zu gehen.“

Stefan Kießling über das Quartier 2010 nahe Johannesburg

„Wenn ich so zurückdenke an das WM-Quartier in Südafrika, dann sind die ersten und auch schönsten Erinnerungen die herzlichen Menschen dort vor Ort. Wie sie uns in allem unterstützt haben, war außergewöhnlich. Es war wirklich schön zu sehen, wie viel Freude die Einheimischen, die Hotel-Angestellten daran hatten. Es wurde viel gelacht, getanzt und gesungen.

Soweit ich mich erinnere, wurden damals Teile des Hotels extra für die WM neu erbaut. Es wurde wohl auf den letzten Drücker fertig, wir haben auf jeden Fall das Beste daraus gemacht. Wir hatten einen großen Spielraum, wo wir uns alle immer getroffen haben. Da haben wir Tischtennis gespielt, Billard gespielt, Karten auch. Die üblichen Dinge, wenn man so lange zusammen ist.

Ein Quartier gehört natürlich zu einer WM dazu und hat sicher auch einen gewissen Einfluss. Aber daran lag es selbstverständlich nicht, dass wir damals im Halbfinale ausgeschieden sind. Wir sind am Ende des Turniers Dritter geworden mit einer jungen Mannschaft, der man so viel vielleicht gar nicht zugetraut hatte. Wir haben tollen Fußball gespielt.

So betrachtet hat unser WM-Quartier die Erwartungen mehr als erfüllt. Wir haben in der Zeit damals vieles gemeinsam unternommen, eine Menge Ausflüge gemacht. Das war wirklich eine tolle Zeit, die wir damals in Südafrika verbracht haben.“

Benedikt Höwedes über das „Campo Bahia“ 2014

„Campo Bahia war ein cooles Camp und lag wunderschön am Meer. Ich denke zuerst an die Gemütlichkeit, die entspannte Atmosphäre und die wunderschöne Überfahrt mit dem kleinen Transportschiff dorthin – das sind meine ersten Assoziationen.

Wenn man in einem klassischen Hotel ist, bleibt man eher auf dem Zimmer. Die Idee hinter den Häusern im Campo Bahia war, dass sich die Bewohner der einzelnen Häuser vermischen. Im Erdgeschoss gab es jeweils ein Wohnzimmer und jedes bot unterschiedliche Möglichkeiten. In einem stand eine PlayStation, in einem anderen ein Pokertisch, im nächsten ein Billardtisch – und so weiter. Das Ziel war es, dass die Häuser nicht unter sich bleiben, sondern vermischen – das ist ziemlich gut aufgegangen.

Ich kann nicht leugnen, dass es in anderen Trainingslagern zuvor manchmal schwierig war, die verschiedenen Spieler aus unterschiedlichen Vereinen zusammenzubringen. 2014 war das aber überhaupt kein Thema. Es war bunt gemischt. Es herrschte ein Wir-Gefühl, unterschiedliche Blöcke gab es nicht.

Ich würde schon sagen, dass das Camp eine ganz große Rolle für unseren Mannschaftserfolg gespielt hat. Es hatte einen guten Anteil am Titelgewinn.“

Kevin Trapp über das Quartier 2022 in Madinat asch-Schamal (Katar)

„Das Zulal Wellness Resort war wirklich schön. Wir hatten alles, was wir brauchten, um uns aufs Turnier einzustimmen und es war auch ideal, um als Mannschaft zusammenzufinden. In der Mitte gab es einen riesigen Pool, der eine zentrale Anlaufstelle war. Dort haben wir uns oft in der Freizeit getroffen.

Die Anlage war weder zu weitläufig noch zu eng. Man ist sich begegnet, konnte aber auch mal für sich sein. Fürs Mannschaftsgefüge war es perfekt. Die Fahrt zum Trainingsgelände war nicht zu lang. Es war für alles gesorgt, um hart, fokussiert und leidenschaftlich zu arbeiten, aber auch wieder runterzukommen.

Am Ende sind wir aber viel zu früh ausgeschieden, haben viel weniger Zeit dort verbracht als angedacht. Aber es lag nicht an der Quartierauswahl, die vom DFB ziemlich gut war.“

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