Jean-Marie Pfaff weiß, wie sich magische WM-Momente anfühlen. 1986 schrieb die Torwart-Legende mit Belgien Geschichte, schaltete Spanien im Viertelfinale aus und führte die Roten Teufel bis ins Halbfinale. Vier Jahrzehnte später träumt sein Heimatland wieder vom großen Coup.
Torhüter-Legende: "Ich muss aufpassen, was ich sage - sonst ruft Kevin an"
„Muss aufpassen, sonst ruft Kevin an“
Nach Belgiens Achtelfinalsieg über die USA und vor dem erneuten WM-Duell mit Spanien (Freitag, 21 Uhr im LIVETICKER) spricht der 72 Jahre alte Ex-Bayern-Star im exklusiven SPORT1-Interview über den Glauben an eine neue belgische Sternstunde sowie Vergleiche zum FC Bayern – und er erklärt die Bedeutung von Romelu Lukaku und warum Belgien trotz der spanischen Favoritenrolle keine Angst haben darf.
SPORT1: Herr Pfaff, Belgien steht nach dem 4:1-Sieg gegen Co-Gastgeber USA im Viertelfinale. Haben die Roten Teufel Sie überrascht?
Jean-Marie Pfaff: Überrascht nicht – aber sie haben mich stolz gemacht. Ich habe wieder diese belgische Seele gesehen. Wir sind ein kleines Land, aber wenn Belgien zusammensteht, können wir jeden schlagen. Bei einer Weltmeisterschaft zählt nicht nur die individuelle Qualität. Da zählen Herz, Charakter und Zusammenhalt. Ein K.o.-Spiel gegen einen Gastgeber zu gewinnen, ist eine große mentale Prüfung. Das Stadion ist gegen dich, die Emotionen sind gegen dich – und trotzdem musst du ruhig bleiben. Genau das hat Belgien hervorragend gemacht.
SPORT1: Dass die FIFA die Sperre für US-Stürmer Folarin Balogun kurz vor dem Achtelfinale gegen Belgien aufgehoben hat, löst weltweit heftige Kritik aus. Wie sehen Sie diese Entscheidung?
Pfaff: Ich verstehe, dass darüber diskutiert wird. Bei einer Weltmeisterschaft schaut die ganze Welt hin – jede Entscheidung wird analysiert, jeder fragt: Ist das gerecht oder nicht?
Aber ich sage auch: Wir dürfen nicht vergessen, dass am Ende die Spieler auf dem Platz entscheiden müssen. Belgien durfte sich nicht damit beschäftigen, ob Balogun spielt oder nicht. Wenn du Weltmeister werden willst, musst du bereit sein, gegen die Besten anzutreten. Balogun ist ein sehr guter Spieler, schnell, gefährlich, jemand, der einer Abwehr Probleme machen kann. Aber genau solche Duelle machen eine WM aus. Du willst nicht später hören: Der Gegner war geschwächt. Du willst gewinnen, weil du besser warst. Über Regeln und Entscheidungen müssen andere sprechen. Ich war immer ein Mann des Sports: Respektiere den Gegner, respektiere die Entscheidung – und dann zeig deine Antwort auf dem Platz. Das hat Belgien gemacht.
Jean-Marie Pfaff: „Diesen Glauben braucht Belgien jetzt wieder“
SPORT1: Jetzt wartet Spanien. Was war Ihr erster Gedanke nach dem Abpfiff?
Pfaff: Natürlich musste ich sofort an 1986 denken. (lacht) Belgien gegen Spanien bei einer WM – das weckt besondere Erinnerungen. Damals haben viele gedacht: Spanien ist zu stark für Belgien. Aber wir hatten keine Angst. Wir hatten vielleicht nicht die größten Namen, aber wir hatten ein riesiges Herz. Am Ende haben wir es ins Halbfinale geschafft. Solche Spiele vergisst man nie. Genau diesen Glauben braucht Belgien jetzt wieder.
SPORT1: Beim FC Bayern heißt es immer „Mia san mia“. Braucht Belgien gegen Spanien genau diese Mentalität?
Pfaff: Ja! Das habe ich bei Bayern gelernt. Du gehst nicht auf den Platz und denkst: Der Gegner ist vielleicht besser. Nein. Diese Überzeugung brauchst du in einem Viertelfinale. Talent ist wichtig – aber am Ende entscheidet sehr oft der Kopf.
SPORT1: Viele sehen Spanien als klaren Favoriten.
Pfaff: Gegen Spanien darfst du nicht glauben, dass du den Ball 90 Minuten kontrollieren wirst. Spanien liebt den Ball, sie lieben ihren Rhythmus, sie wollen dich müde machen. Belgien muss intelligent leiden können. Das klingt vielleicht komisch, aber große Mannschaften können genau das. Du musst verteidigen, ohne Angst zu haben – und wenn du den Ball bekommst, musst du mutig sein.
SPORT1: Was wäre der größte Fehler gegen Spanien?
Pfaff: Nur hinterherzulaufen. Dann bist du irgendwann tot. Spanien ist technisch zu stark. Du musst ihnen zeigen: Wir respektieren euch, aber wir fürchten euch nicht. Das ist ein großer Unterschied.
Belgien-Legende Pfaff sieht einen „Killer“ in Lukaku
SPORT1: Romelu Lukaku ist Belgiens Rekordjäger und Führungsspieler. Sie trauen ihm offenbar eine entscheidende Rolle zu.
Pfaff: Wer grundsätzlich an Lukaku zweifelt, versteht Fußball nicht. Natürlich schauen alle auf seine Tore – aber er gibt Belgien viel mehr. Er arbeitet, er kämpft, er bindet Verteidiger.
Gegen Spanien brauchst du genau so einen Spieler. In einem Viertelfinale bekommst du vielleicht nur zwei oder drei große Chancen. Dann brauchst du vorne einen Killer.
Romelu weiß, wo das Tor steht. Solche Spieler verstecken sich nicht auf der großen Bühne – sie warten auf ihren Moment.
SPORT1: Trotz vieler Weltstars hat Belgiens goldene Generation nie einen großen Titel gewonnen. Muss man trotz aller Qualität ehrlich sagen: Diese Mannschaft hätte mit Spielern wie Kevin De Bruyne, Eden Hazard, Romelu Lukaku und Thibaut Courtois eigentlich einen Titel gewinnen müssen?
Pfaff: Ich verstehe diese Diskussion. Wenn du Spieler wie De Bruyne, Hazard, Lukaku oder Courtois hast, erwarten die Menschen Titel. Das ist normal. Aber manchmal wird vergessen, wie schwer es ist, eine Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft zu gewinnen. Es gibt so viele große Nationen. Belgien ist ein kleines Land und war über Jahre ganz oben dabei. Darauf können wir stolz sein. Natürlich fehlt der letzte Schritt. Und genau deshalb sind solche Spiele gegen Spanien so wichtig: Hier kannst du Geschichte schreiben.
„Jeder muss ein bisschen Kevin sein“
SPORT1: Ist Belgien jetzt stärker ohne Kevin De Bruyne?
Pfaff: (lacht) Ich muss aufpassen, was ich sage – sonst ruft Kevin mich noch an. Nein, im Ernst: Belgien ohne De Bruyne stärker? Das klingt fast unmöglich, wenn man weiß, was dieser Junge alles geleistet hat. Aber eine Mannschaft lebt nicht nur von einem Namen. Früher haben vielleicht alle den Ball gesucht und gedacht: Kevin löst es. Jetzt muss jeder ein bisschen Kevin sein. Das kann eine neue Energie bringen.
SPORT1: Sie waren selbst Torwart. Wie wichtig ist Thibaut Courtois in solchen Spielen?
Pfaff: Ein Torwart kann ein Viertelfinale entscheiden. Nicht nur mit Paraden – auch mit Ausstrahlung und Ruhe. Die Verteidiger müssen spüren: Hinter uns steht jemand, der da ist, wenn wir einen Fehler machen. Das ist unbezahlbar. Große Torhüter gewinnen große Spiele nicht alleine – aber sie geben einer Mannschaft den Glauben, dass alles möglich ist.
SPORT1: Sie kennen diesen Druck: WM, K.o.-Spiel, die ganze Nation schaut zu. Was passiert im Kopf eines Spielers?
Pfaff: Du darfst nicht daran denken, dass Millionen Menschen zuschauen. Dann verlierst du dich. Du musst wieder ein Kind werden. Du spielst Fußball, weil du diesen Sport liebst. Die größten Spieler schaffen genau das: Sie genießen den Druck.
„Bei Bayern habe ich gelernt …“
SPORT1: Sie wurden beim FC Bayern zur Legende. Was hat Ihnen diese Zeit für solche Spiele gegeben?
Pfaff: Bei Bayern habe ich gelernt: Ein großes Spiel ist niemals verloren, bevor der Schiedsrichter abpfeift. Diese Mentalität – immer weitermachen, immer kämpfen – die bleibt in dir. Du gehst raus und sagst: Wir respektieren jeden Gegner. Aber heute müssen sie uns erst einmal schlagen. Talent bringt dich weit – Mentalität bringt dich über die Linie.
SPORT1: Glauben Sie wirklich, dass Belgien Spanien schlagen kann?
Pfaff: Ja. Spanien ist Favorit, das muss man ehrlich sagen. Aber Favoriten gewinnen nicht automatisch. Belgien hat wieder dieses Feuer – und genau das brauchst du bei einer Weltmeisterschaft. Ein Viertelfinale hat seine eigenen Gesetze. Ein Moment, eine Parade, ein Tor – alles kann sich ändern. Belgien muss daran glauben.
SPORT1: Ihr Tipp?
Pfaff: Mein Herz ist belgisch. (lacht) Ich sage: Es wird sehr eng. Aber warum soll Belgien nicht wieder einen magischen Abend gegen Spanien erleben? Wir haben es schon einmal gemacht. 1986 hat niemand mit uns gerechnet. Vielleicht ist genau das wieder die Chance für Belgien.