Das hat fast schon Tradition: Neben den sportlichen Leistungen hat das Auftreten der Nationalmannschaft bei der WM auch wieder reichlich Störgeräusche neben dem Platz mitgebracht. Ex-DFB-Manager Oliver Bierhoff hat im SPORT1-Interview Erklärungen für die Leistung und Wahrnehmung des DFB-Teams gefunden.
Bierhoff: Deshalb ist Deutschland gescheitert
„Es hat auch mit Charakter zu tun“
Gleich zweimal verlor Deutschland bei diesem Turnier gegen vermeintlich schlagbare Nationen. Für Bierhoff ist die Ursache klar: „Weil Deutschland heute keine furchterregende Mannschaft mehr ist. Früher hatten die Gegner großen Respekt vor uns. Sie wollten nicht gegen Deutschland spielen.“
DFB: Bierhoff fordert mehr Überzeugung
Dass man nach außen eben nicht mehr so wahrgenommen werde, wie etwa Anfang der 2010er, liegt für ihn vor allem an den Spielern: „Es hat auch mit Charakter zu tun. Nicht im Sinne eines schlechten Charakters, sondern eher mit der Frage, ob es gelingt, in den entscheidenden Momenten effizient und kaltschnäuzig zu sein“, sagte Bierhoff.
Die Brust muss also wieder breiter werden, findet Bierhoff: „Heute fehlt ein Stück weit dieses Selbstverständnis. Gegen Paraguay hatte ich nicht das Gefühl, dass die Mannschaft mit der Überzeugung auftritt: Wir sind Deutschland, wir haben Champions-League-Sieger in unseren Reihen und wir werden dieses Spiel gewinnen.“
Generell seien seit Jahren zu wenig Schritte nach vorne gemacht worden: „Es wurde zu wenig hinterfragt und zu wenig weiterentwickelt, viel zu lange von den Erfolgen der Vergangenheit gelebt und geglaubt, dass vieles von allein weiterläuft.“
„Vieles davon halte ich für überzogen“
Von den vielen Geschichten, die rund um das private Gebaren der Spieler aufgemacht werden, hält er aber wenig: „Solange die Mannschaft erfolgreich ist, wird vieles akzeptiert. Fehlt der Erfolg, werden plötzlich andere Themen wichtig.“
Der Außenwirkung ist sich Bierhoff zwar bewusst, mahnt aber dennoch zu mehr Ruhe: „Natürlich spielen auch Bilder eine Rolle. Wenn Spieler mit Designerkleidung oder sehr luxuriös auftreten, kann das Distanz erzeugen. Wenn dann über Familienbesuche, Teamquartiere oder irgendwelche Graugänse diskutiert wird, halte ich vieles davon für überzogen.“
Zuletzt hatte unter anderem Lothar Matthäus die häufigen Familienbesuche im DFB-Quartier bemängelt. „Es ist nie in den Medien erschienen, aber ich weiß, dass es ein Thema war“, behauptete der DFB-Rekordspieler.
Bierhoff hält das für übertrieben: „Ob Familien drei Tage früher anreisen oder Partnerinnen am Pool fotografiert werden, darf auf die Leistung von Nationalspielern eigentlich keinen Einfluss haben. Entscheidend ist immer, was auf dem Platz passiert.“
Bierhoff war 28 Jahre lang Teil der Nationalmannschaft
Der 58-Jährige hatte nach dem Ende seiner aktiven Karriere beim DFB zunächst als Teammanager der Männer-Nationalmannschaft angeheuert. Im Gespann mit Cheftrainer Jürgen Klinsmann und Co Jogi Löw baute er die Mannschaft nach den „Rumpelfußball“-Jahren im Hinblick auf die WM 2006 wieder neu auf.
Anschließend prägte er mit Löw und Hansi Flick eine glorreiche Ära, die im Weltmeister-Titel 2014 mündete.
Am stetigen Niedergang des DFB, angefangen mit dem Vorrunden-Aus 2018, war Bierhoff jedoch auch beteiligt – dann sogar in der Funktion eines DFB-Direktors. Nach dem abermaligen Gruppen-K.o. in Katar löste der Verband den Vertrag mit Bierhoff auf.