Der WM-Titel gilt gemeinhin als das Größte, was einem Fußballer in seiner Karriere widerfahren kann. Verständlich also, dass viele jener, die den begehrten Pokal einmal gewinnen konnten, diese Ehre ihr Leben lang fast wie einen Schild vor sich hertragen.
Ein Weltmeister, der keiner sein möchte
„Ich bin nicht Weltmeister“
Nicht so Helmut Kremers. Obwohl der frühere Profi des FC Schalke 04 zum Kader der deutschen Nationalmannschaft gehörte, die am 7. Juli 1974 den WM-Titel im eigenen Land gewann, will er mit dem Titel „Weltmeister“ nichts zu tun haben.
Kremers wurde Weltmeister ohne Einsatz
Im SPORT1-Podcast Deep Dive spricht der achtmalige Nationalspieler bemerkenswert ehrlich über den vermeintlich größten Erfolg seiner Karriere und erklärt, warum er das eben nicht ist. „Ich bin nicht Weltmeister von 1974. Ich sag allen Leuten, ich habe mit der Weltmeisterschaft nichts zu tun gehabt. Also in keinster Weise“, betont Kremers.
„Heute sagt mein Enkelkind: ‚Du bist ’ne Legende.‘ Dann sag ich: ‚Ruhe, Ruhe, Ruhe.‘ Das ist mir peinlich. Ich hab doch da nichts mit zu tun gehabt“, fügt er hinzu.
Der Verteidiger kam das gesamte Turnier nicht über die Rolle des Zuschauers hinaus. Unter Bundestrainer Helmut Schön war in der deutschen Abwehr kein Vorbeikommen an den Granden um Franz Beckenbauer, Paul Breitner und Co.
WM 1974: Whisky-Cola statt Auswechselbank
Doch damit nicht genug. „Wir Ersatzspieler haben noch nicht mal auf der Bank gesessen, wir haben auf der Tribüne gesessen. Dann ist noch Whisky-Cola getrunken worden, weil wir ja keine Chancen hatten. Teilweise ist das fürchterlich zur Sache gegangen“, erinnert sich der heute 77-Jährige.
Die WM im eigenen Land blieb für ihn das einzige Großturnier in seiner Laufbahn. So richtig angekommen fühlte er sich im DFB-Team nie so richtig. „Ich habe mich nie so richtig wohlgefühlt in der Nationalmannschaft“, gesteht der ehemalige Außenverteidiger.
Angespannte Sicherheitslage überschattet das Turnier
Exemplarisch dafür stand eben das Turnier, das Deutschland im Finale von München mit 2:1 gegen die Niederlande gewann. Aufgrund enormer sicherheitspolitischer Bedenken durch etwa das Geiseldrama bei den Olympischen Spielen in München 1972 glichen die Mannschaftsquartiere teils streng bewachten Festungen.
„Wenn du zur Toilette gegangen bist, stand da ein Soldat mit einem Maschinengewehr. Das war teilweise unheimlich schwierig zu ertragen. Und das war ja in der Zeit in Deutschland, da hatte man wirklich Angst”, berichtet Kremers.
Einen versöhnlichen Abschied von seiner Zeit in der Nationalmannschaft fand er dennoch: Nachdem die gesamte Mannschaft damals den Song „Fußball ist unser Leben“ aufgenommen hatte, hätte ihm das fast zu einer zweiten Karriere verholfen: „Ich hatte dann überlegt, sollst du weiterhin Fußballspieler bleiben oder möchtest du lieber Sänger werden?“