Renars Uscins war einer der Letzten. Deutschlands begnadeter Torjäger turnte mit einem breiten Grinsen durch die Mixed Zone, er hatte sichtlich Spaß am nicht enden wollenden Interviewmarathon.
"Kurz vorm Debakel" kommt eine erstaunliche Reaktion
Ein schmaler Grat
Am liebsten, das war Uscins nach dem 34:32 im „Endspiel“ gegen Spanien deutlich anzumerken, wäre er für die Knallerspiele der Hauptrunde direkt wieder aufs Feld gelaufen.
Olympiasieger Dänemark? Titelverteidiger Frankreich? Der WM-Vierte Portugal? Norwegen? „Das werden Riesenspiele“, sagte Uscins.
Deutschland bei Handball-WM „kurz vor Debakel”
Man werde „mit einem Lächeln“ die kommenden Aufgaben angehen, versprach der 23-Jährige. „Dafür trainiert jeder, dafür spielt jeder in der Nationalmannschaft, weil er sich mit den Besten der Welt messen will. Es wird eine Riesenchallenge.“
Deutschland hat - auch dank Uscins - nach dem Schock gegen Serbien die Kurve bekommen und dem Druck standgehalten. „Deswegen ein Riesen-Kompliment an die Mannschaft! So eine junge Mannschaft, mit zwar ein bisschen Erfahrung, die aber noch nie in so einer Situation stand, dass man kurz vorm Debakel ist - dass man das abwenden konnte und trotzdem jeder selbstsicher gespielt hat“, freute sich Uscins am Dienstag in einer Medienrunde.
„Wir haben verstanden, dass wir nur erfolgreich sein können, wenn jeder mit Mut zum Tor geht, das Tor angreift, wir füreinander arbeiten”, führte er aus: „Die Verantwortung war uns sehr bewusst, dass wir nicht in jedem Tempospiel eine Halbchance genommen haben, sondern ein wenig reifer die Chancen gesucht haben, bis wir uns die Sicherheit erspielen. So müssen wir alle anderen Spiele auch angehen. Die Erfahrung aus der Vorrunde ist für uns Gold wert, weil ich nicht glaube, dass wir nochmal in so einer Situation stecken wollen, dass wir auf irgendwen hoffen wollen.“
Uscins weckt Erinnerungen an das Olympia-Wunder
Dass für Deutschland plötzlich (wieder) alles möglich ist, liegt zu großen Teilen auch an Uscins. Acht seiner zehn Würfe versenkte der Linkshänder gegen Spanien - und ließ mit seiner frech-aufmüpfigen Spielweise Erinnerungen an die Sommerspiele von Paris wach werden.
„Renars hat wieder seine Olympia-Form gezeigt, war ein absoluter Unsicherheitsfaktor in der spanischen Abwehr“, lobte Torhüter Andreas Wolff: „Er hat wirklich einen fantastischen Job geleistet.“
Vor anderthalb Jahren, die Spiele haben sich ins kollektive deutsche Handball-Gedächtnis gebrannt, hatte Uscins entscheidenden Anteil am Silbercoup des DHB-Teams. Unvergessen sind seine Glanzleistungen im Viertelfinale vor 27.000 lärmenden Zuschauern gegen Frankreich (14 Tore) und im Halbfinale gegen Spanien (6). Leistungen, an denen Uscins seither gemessen wird.
Gislason will Hoffnungsträger nicht zu viel Druck machen
„Ich erwische mich auch dabei, ihm zu viel Druck zu machen. Es ist schwierig für ihn, immer daran gemessen zu werden, was er bei Olympia gemacht hat – denn das war außergewöhnlich gut“, hatte Bundestrainer Alfred Gislason schon vor der EM den schmalen Grat bei Uscins beschrieben. Nun erlebt Handball-Deutschland in den Tagen von Dänemark ein Déjà-vu.
Uscins könnte auf dem Weg zum angestrebten Halbfinale wieder zum deutschen X-Faktor werden. Der gebürtige Lette, Junioren-Weltmeister von 2023, verkörpert mit seiner Art, Handball zu spielen, eine enorme Unbekümmertheit. Eine Leichtigkeit, die dem Rückraumspieler der TSV Hannover-Burgdorf nach dem Höhenflug von Paris vorübergehend verloren gegangen war. Uscins fiel seinerzeit in ein Loch, war mental überfordert.
Schatten nach Olympia: „Das Coole ist ganz schnell vorbeigegangen“
„Am Anfang war es natürlich cool, dass man so eine Bilderbuchgeschichte schreiben konnte. Aber je öfter man das erzählt hat, umso müder wurde man davon. Da ist das Coole ganz schnell vorbeigegangen, weil das gibt mir nichts“, erzählte Uscins vor dem EM-Start in der ARD-Dokumentation „Generation Goldjungs“.
Das Fernsehteam begleitete ihn, der bewusst auf die ständige Beschallung durch Social Media verzichtet, auf den Hof seiner Oma in Lettland, wo er den Rasen mäht und das Holz ins Haus bringt.
In Herning freut er sich nun besonders auf das Duell mit EM-Gastgeber Dänemark. „13.000 Fans gegen sich zu haben, da habe ich schon in Frankreich ein geiles Spiel gehabt“, sagte Uscins. Er genieße „auch irgendwie diese Stimmung. Dieses Pfeifen, diesen Druck, den die Zuschauer machen. Irgendwie pusht das auch.“
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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)