Seit mittlerweile vier Monaten lebt Ralf Rangnick einen Lebenstraum - aber die harte Alltagsrealität hat den ersten deutschen Trainer des Weltklubs Manchester United längst eingeholt.
Legende Parker über Rangnick und Manchester United: "Gespaltene Kabine ist untertrieben"
Rangnick „zum Professor aufgeblasen“
Das bittere 1:4 gegen den von Pep Guardiola trainierten Lokalrivalen Manchester City hat dem englischen Rekordmeister schmerzhaft vor Augen geführt, dass er sich noch längst nicht auf Augenhöhe mit dem Titelverteidiger der Premier League befindet. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Premier League)
Rangnick ist beim aktuellen Tabellenfünften zunächst bis zum Sommer als Nachfolger für den entlassenen Ole Gunnar Solskjaer angestellt, danach übernimmt er einen hochrangigen Beraterjob bei dem von der US-Milliardärsfamilie Glazer geführten Traditionsverein - mit dem Ziel, Uniteds seit Jahren verlorenen Anschluss an die Topklubs Europas wiederherzustellen. (DATEN: Die Tabelle der Premier League)
Als Trainer stößt der 63 Jahre alte Rangnick bei seiner späten ersten Auslandsstation weiterhin auf Skepsis - wie sich auch im SPORT1-Interview mit einer Legende des Klubs zeigt.
Parker: Rangnick falscher Mann am falschen Ort
Paul Parker, zweimaliger Meister-Verteidiger bei den „Red Devils“ unter Sir Alex Ferguson und früherer Teamkollege von David Beckham, Ryan Giggs und Eric Cantona, beobachtet das Premier-League-Geschehen seit Jahren als Experte für internationale TV-Sender wie ESPN und Sky Sports.
Im von Wettbasis.com vermittelten Gespräch mit SPORT1 erklärt der 57 Jahre alte Ex-Nationalspieler, warum Rangnick für ihn der falsche Mann im falschen Job ist - und übt harte Kritik an den Stars seines früheren Klubs.
SPORT1: Mr. Parker, wie sehen Sie Ralf Rangnicks bisheriges Wirken beim englischen Rekordmeister?
Paul Parker: Nun, wenn man es sich auf dem Papier anschaut, sieht es erstmal okay aus. Zwei Niederlagen in 14 Ligaspielen, das ist ja nicht so schlecht. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Premier League)
SPORT1: Und wenn man nicht nur das Papier betrachtet?
Parker: Dann ist es furchtbar, ein so wegweisenden Spiel wie gegen City so hoch zu verlieren - und mit so einem Auftritt.
„Wäre überrascht, wenn Ralf Rangnick damit gerechnet hätte“
SPORT1: Wie sehr muss sich Rangnick das ankreiden lassen nach vier Monaten im Amt?
Parker: Da muss man zu seiner Verteidigung sagen, dass seine Möglichkeiten begrenzt sind. Ich wäre überrascht, wenn er damit gerechnet hätte, bei einem Klub wie Manchester United diese Voraussetzungen vorzufinden.
SPORT1: Wie meinen Sie das?
Parker: Nun, man könnte eigentlich meinen, dass er bei einem der größten Klubs der Welt auf eine gut organisierte Struktur abseits des Platzes trifft und auf Spieler, die alles dafür tun, für so einen Klub ihre beste Leistung zu bringen. Beides ist nicht der Fall. Was in der Umkleide bei United los ist: Ich glaube, von einer gespaltenen Kabine zu sprechen ist noch untertrieben. Dort herrscht so viel Egoismus, jeder spielt erstmal nur für sich selbst. Man hat den Eindruck, dass den Spielern ihre Followerzahl bei Twitter und Instagram wichtiger ist als das Punktekonto ihres Klubs.
SPORT1: Ein hartes Urteil …
Parker: Ich sehe das auch als ein generelles Problem des Fußballs: Mehr als zu meiner aktiven Zeit gibt es heute Ablenkungen von dem, was damals im Fokus stand und noch immer im Fokus stehen sollte - die Liebe zum Spiel, der Kampf um Titel. Heute ist viel mehr: Schau auf mich, schau, welches Shirt ich trage, welches Auto ich fahre, schau auf das Selfie, das ich in der Umkleidekabine mit Cristiano Ronaldo geschossen habe. Das sind Dinge, um die es eigentlich nicht gehen sollte und dieser Wandel produziert zu viele Primadonnen, was nicht gut für ein Mannschaftsspiel ist. Das sehe ich bei ManUnited leider in besonderem Maße - und das würde jeden Trainer vor Probleme stellen, egal ob er Ralf Rangnick oder Pep Guardiola heißt. Aber Rangnick hat in seiner Situation eine zusätzliche Schwierigkeit.
SPORT1: Nämlich?
Parker: Es schwächt seine Autorität, dass klar scheint, dass er nur bis zum Sommer im Amt ist. Es verstärkt die negativen Tendenzen, den Mangel an Fokus, dass die Spieler sich denken können: Naja, im Sommer ist der ja nicht mehr Trainer.
Paul Parker: „Rangnick wurde aufgeblasen zum Professor des Fußballs“
SPORT1: Rangnick hat trotz seiner langen Trainerkarriere noch keinen so großen Klub mit so großen Stars trainiert, der so im Fokus der Öffentlichkeit steht. Sehen Sie das auch als Problem?
Parker: Ja. Schauen Sie, bevor er hierhergekommen ist, ist ihm sein Ruf aus Deutschland vorausgeeilt. Er wurde in der medialen Wahrnehmung aufgeblasen zum Professor des Fußballs und überall waren lobende O-Töne zu sehen, was er früher alles gut gemacht hat und wie angetan frühere Weggefährten von seiner Arbeit waren. Da ist ein gewisses Narrativ entstanden, in dem aber zu kurz gekommen ist, dass seine Erfahrung im Umgang mit absoluten Topstars eher gering ist. Ohne jetzt kleinreden zu wollen, was er für den Aufbau von Hoffenheim und RB Leipzig geleistet hat und was er in Bereichen kann, von denen ich mit meiner Sicht als Ex-Fußballer weniger Ahnung habe: Es ist eine andere Welt als Hoffenheim, eine Umkleidekabine mit einem Cristiano Ronaldo zu führen oder mit Stars, die man für 80 Millionen Pfund eingekauft hat und die gerade keine 10 Millionen mehr wert sind (Harry Maguire, d. Red.).
SPORT1: Spielt das eine so große Rolle in den Köpfen der Spieler?
Parker: Auf jeden Fall hat ein Trainer, der da eine andere Vorgeschichte hat, einen anderen Vertrauensvorschuss. Wenn ein Spieler sieht, dass er da einen Coach vor sich hat, der noch nie einen richtig großen Verein trainiert hat, noch nie einen richtig großen Spieler dirigiert hat, wird das schon gegen ihn verwendet. Ich habe generell den Eindruck, dass Rangnick als Trainer nicht so arbeiten kann, wie er es eigentlich wollen würde - auch beim Thema Disziplinierung der Spieler. Und deswegen weiß ich nicht, ob es je eine kluge Idee gewesen ist, ihn auf den Trainerstuhl zu setzen und dort im schlimmsten Fall seine Autorität zu schwächen, statt ihn gleich in dem Bereich einzusetzen, wo er wohl besser aufgehoben ist: als Macher hinter den Kulissen, der die größeren Fäden zieht. Vielleicht hätte man das von Rangnick nicht verlangen sollen.
SPORT1: Der Trainerjob in der Premier League ist für Rangnick aber auch ein persönlicher Lebenstraum.
Parker: Und ich mache ihm natürlich keinen Vorwurf, dass er die Gelegenheit ergriffen hat, sich den zu erfüllen. Selbst wenn seine Einstellung nicht so wäre, musste er in der Situation Ja sagen, alles andere hätte Fragen aufgeworfen, ob ihm der Ehrgeiz fehlt oder die Bereitschaft anzupacken, wenn das Haus einstürzt.