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Opfer einer wahnwitzigen Transferposse

Opfer eines fragwürdigen Konstrukts

Aarón Anselmino ist zuletzt vom Fußballspieler zur Tauschware umfunktioniert worden. Der vormalige BVB-Verteidiger wurde Opfer einer wahnwitzigen Transferposse.
Der FC Chelsea beendet die Leihe von Aaron Anselmino zu Borussia Dortmund vorzeitig. Der Abschied des Argentiniers von seinen Teamkollegen verläuft emotional.
Aarón Anselmino ist zuletzt vom Fußballspieler zur Tauschware umfunktioniert worden. Der vormalige BVB-Verteidiger wurde Opfer einer wahnwitzigen Transferposse.

Während der BVB aufgrund der Personalsorgen in der Defensive zuletzt seine Dienste gut hätte gebrauchen können, hat Aarón Anselmino für seinen neuen Klub sage und schreibe zwei Einsatzminütchen in zwei Spielen als später Joker angehäuft.

Kein Wunder: Schließlich erfolgte sein Abgang aus Dortmund auf Geheiß seines Stammklubs FC Chelsea im Winter recht plötzlich. Und dies war nur der Anfang einer wahren Transferposse, die Anselmino schließlich nach Straßburg spülte. Doch der Reihe nach.

Im Januar rührten Anselminos Tränen bei seiner Verabschiedung von seinen BVB-Mannschaftskollegen nicht nur die eingefleischten Dortmund-Fans. Auch viele weitere Fußball-Enthusiasten dürfte das vom BVB veröffentlichte Video berührt haben.

Den BVB-Bossen waren die Hände gebunden

Kurz zuvor hatte der FC Chelsea die Dortmunder Verantwortlichen darüber informiert, dass sie den Argentinier, der im Sommer ursprünglich für ein Jahr vom Londoner Klub zum BVB ausgeliehen wurde, wieder zurück an die Stamford Bridge beordern.

Trotz der sichtlichen Verbundenheit des 20-Jährigen zu seinem kurzzeitigen Arbeitgeber im Westen Deutschlands waren den BVB-Bossen die Hände gebunden, wie Sportdirektor Sebastian Kehl erklärte: „Wir mussten diese Rückhol-Klausel akzeptieren. Es kommt immer darauf an, welche Verhandlungsposition man hat. Chelsea hat diese Entscheidung getroffen, die sie uns dann mitgeteilt haben.“

Wer jedoch dachte, der FC Chelsea würde diesen Transfer für die eigenen Kaderplanungen in Betracht ziehen, sah sich getäuscht.

Fußballer als Tauschware

Der Ursprung dieser Transferposse liegt jedoch bei einem ganz anderen Akteur und Verein. Eigentlich war Innenverteidiger Jérémy Jacquet von Stade Rennes das Ziel der Londoner Begierde. Laut Medienberichten entschieden sich die Blues, Anselmino zurückzuholen, um eine bessere Verhandlungsbasis in diesen Gesprächen zu haben.

Da sich Jacquet jedoch für einen Transfer zum FC Liverpool entschied, war das Druckmittel Anselmino für die Verantwortlichen der Blues nicht mehr von großer Bedeutung. Stattdessen holten die Londoner als Jacquet-Ersatz Innenverteidiger Mamadou Sarr zurück, der bereits an Racing Straßburg verliehen war.

Inmitten der wahnwitzigen Transfer-Saga stand ein junger Argentinier, der nach einigen Verletzungen in der Hinrunde eigentlich nun endgültig bei Borussia Dortmund ankommen wollte. Daraus wurde aber bekanntlich nichts. Anselmino, der zunächst als Druckmittel fungieren sollte, endete schließlich als Tauschware: Kurz vor Ende der Wintertransferperiode wurde er erneut verliehen. Wohin? Genau, zu Racing Straßburg.

„Moment mal, da war doch was“, dürften sich viele Fußballfans in Europa gedacht haben. Denn das ist genau jener französische Verein, bei dem sich die Blues im Januar auf der Trainerposition bedienten und den langjährigen Erfolgstrainer Liam Rosenior in die Premier League holten. Und dieser Trainerwechsel war bei weitem nicht der einzige Personalaustausch der beiden Klubs.

Multi-Club-Ownership im Zentrum der Kritik

Den FC Chelsea und Racing Straßburg verbinden nicht nur zahlreiche Transferbewegungen in den vergangenen Jahren, sondern vor allem ein zentraler Begriff: Multi-Club-Ownership (MCO). Dabei handelt es sich um ein Modell, das im Fußball mittlerweile bekannt ist und bei dem derselbe Besitzer Anteile oder die Kontrolle über mehrere Klubs besitzt.

Prominente Beispiele sind die City Football Group mit Manchester City an der Spitze oder Red Bull mit RB Leipzig als größtem Klub. Immer wieder geraten diese Konstrukte wegen möglicher Interessenkonflikte in die Kritik.

Im Jahr 2023 übernahm die von dem US-Investor Todd Boehly geführte BlueCo Group die Geschicke des französischen Vereins. Boehly hatte bereits 2022 mit einem Konsortium den Londoner Klub für knapp 2,9 Milliarden Euro gekauft und übernommen, nachdem der russische Milliardär und Besitzer Roman Abramowitsch ausgestiegen war.

Kritik an dem fragwürdigen Modell gibt es aber nicht nur von den diesmal betroffenen BVB-Fans angesichts der Posse um ihren jungen Verteidiger. Auch die Fans von Racing Straßburg sind mit der Symbolik als Spielball des großen FC Chelsea und dessen vornehmlich wirtschaftlich denkenden Besitzern mehr als unzufrieden.

Straßburg-Fans poltern

Ein Sprecher der wichtigsten Ultra-Gruppe des Klubs, die an der Spitze der Proteste steht, polterte nach dem Abgang von Trainer Rosenior auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP: „Wir erkennen, dass die Verantwortlichen von Straßburg keine Stimme mehr haben. Und generell fordern wir die Institutionen auf, dieses Modell zu stoppen, das den Fußball in Frankreich zerstört.“

Laut den erzürnten Fans stehe „die Zukunft des französischen Vereinsfußballs auf dem Spiel“. Zudem kündigten die Fan-Vertreter an, sich zukünftig weiter „aktiv gegen Mehrfachbesitz“ von Klubs einzusetzen.

In einem offenen Brief an die Fußballgremien des Landes riefen die Racing-Fanclubs zur Rettung des französischen Vereinsfußballs auf.

Es bleibt abzuwarten, ob Fußballspieler wie Aarón Anselmino in diesem Konstrukt weiterhin als Tauschware und Spielbälle der wirtschaftlich orientierten Besitzer gesehen werden. Die Tränen des jungen Argentiniers haben dabei aber sicherlich noch mehr kritische Blicke auf das Multi-Club-Ownership geworfen.