Ein Hauch von Hannibal Lecter schien durch das TV-Interview mit Unai Emery zu wehen. Als Sky Sports den Trainer von Aston Villa nach der Abwesenheit von Ollie Watkins befragte, presste Emery seine Lippen zusammen und flüsterte dann: „Silence.“
Will Leon Goretzka wirklich dahin?
Will Goretzka wirklich dahin?
Die eisig beklemmende Stimmung wie beim Klassiker „Das Schweigen der Lämmer“ hat offenbar auch den Europa-League-Sieger erfasst. Die krachende 0:4-Pleite zum Auftakt der Premier League bei Brighton & Hove Albion wird von Personaldebatten überlagert.
Leon Goretzka vor Wechsel zu Aston Villa
Darunter auch positive Schlagzeilen: Am Wochenende gab es bereits übereinstimmende Berichte von einer mündlichen Einigung des Klubs aus Birmingham mit Leon Goretzka. Sollte der 31-Jährige nach seinem Vertragsende beim FC Bayern tatsächlich bei Villa unterschreiben, stellt sich auch die Frage: Was tut er sich da eigentlich an?
Experte Ally McCoist zeigte sich mit Blick auf das Debakel am Sonntag betroffen. „Man hat Mitleid mit ihnen, es ist ein absolutes Chaos“, sagte der frühere Stürmer der Glasgow Rangers bei talkSPORT. „Dieser Kader wurde regelrecht dezimiert.“
Mit Schließung des Transferfensters Anfang September könnten insgesamt sechs Spieler aus der Startelf, die beim 3:0-Finalsieg in der Europa League gegen den SC Freiburg auf dem Feld standen, den Klub verlassen haben.
Exodus bei Aston Villa
Morgan Rogers, Youri Tielemans, Ezri Konsa, Lucas Digne sind bereits weg. Bei Torhüter Emiliano Martínez stehen die Zeichen ebenso auf Abschied wie bei Watkins, den es nach Saudi-Arabien ziehen soll.
Auf dessen Fehlen im Kader reagierte Emery auch nach dem Spiel wortkarg. „Die Frage ist für ihn“, sagte der Spanier. „Ich kann darauf nur mit meinem Schweigen antworten.“ Auf die Frage, ob er sich von Watkins im Stich gelassen fühle, entgegnete Emery: „Nur er kann seine Antwort erklären, ich nicht.“
Seit November 2022 ist der 54-Jährige Trainer der Villans. Unter seiner Regie entwickelte sich der Klub von einem Abstiegskandidaten zu einem echten Topteam. In diesem Jahr gelang zum zweiten Mal die Qualifikation für die Champions League, vor zwei Jahren schockte Emerys Team den FC Bayern mit 1:0 in der Ligaphase.
Macht der Umbruch selbst vor Emery nicht halt?
Mit dem Gewinn der Europa League wurde Emery in diesem Sommer seinem Ruf als Experte für diesen Wettbewerb gerecht und stillte Villas 30-jährige Sehnsucht nach einem Titel. Doch wie steht es um die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte?
Die Expertenriege auf der Insel fürchtet bereits, dass der Umbruch im Team in diesem Sommer auch vor Emery selbst nicht haltmachen wird.
„Ich würde mir ernsthaft Sorgen darüber machen, was möglicherweise mit dem Trainer passiert, denn irgendwann wird Unai Emery sicherlich sagen: ‚Was hat das alles noch für einen Sinn?‘“, sagte McCoist.
Gary Neville schlug in seinem Podcast in dieselbe Kerbe. „Wird Unai Emery, wenn er sich das ansieht, denken: ‚Moment mal, damit kann ich nichts zu tun haben‘?“ Er hoffe es jedenfalls nicht und wünsche sich, dass Villa weiter an Emery festhält.
Emery: „Wir bleiben gelassen“
Aber die Pleite in Brighton war auch für die ManUnited-Legende ein Alarmsignal. „Die Gegentore, die Villa kassiert hat, waren furchtbar“, sagte Neville. „Wenn man sich die Aufstellung von Villa angesehen und einen Blick auf die Bank von Villa geworfen hat, hatte man das Gefühl, ihnen wurde das Herz herausgerissen.“
Emery selbst betonte mit Blick auf die Kaderbaustellen: „Dieses Problem hatten wir jede Saison, und jede Saison haben wir es gemeistert. Das ist etwas, das wir akzeptieren müssen, und wir haben immer darauf reagiert, vor allem die Spieler. Das ist jedes Jahr eine Herausforderung für uns, aber wir bleiben gelassen.“
Allerdings wurde Villa aufgrund von wiederholten Verstößen gegen die Kaderkostenregel von der UEFA in den vergangenen Jahren bereits zweimal sanktioniert. In diesem Jahr bekam der Klub eine Geldstrafe von 22,5 Millionen Euro aufgebrummt.
Aston Villa zu Transfer-Einnahmen gezwungen
Die Regel besagt, dass die Ausgaben für Gehälter, Transfers und Beraterhonorare nur maximal 70 Prozent der Klubeinnahmen betragen dürfen. Um langfristig weiteren Sanktionen zu entgehen, ist Villa praktisch dazu gezwungen, Spieler zu Geld zu machen.
Aktuell hat der Klub im Vergleich zur Konkurrenz in der Premier League laut transfermarkt.de mit einem Saldo von über 132 Millionen Euro die beste Transferbilanz vorzuweisen. Allein der Rekordabgang von Rogers für 138 Millionen Euro hat die Kasse klingeln lassen.
Auf der anderen Seite flossen bis zu 70 Millionen Euro Ablöse für Königstransfer Johan Manzambi an den SC Freiburg. Allerdings hat der Shootingstar der Vorsaison weiterhin mit Knieproblemen zu kämpfen, die ihn auch schon zum Saisonende und bei der WM begleiteten.
Viele offene Baustellen
Nachwuchs-Entdeckung Brian Madjo, der bei der knappen 1:2-Niederlage im UEFA-Supercup für Furore sorgte, muss laut Emery nun auch erst mal „mehr oder weniger zwei Wochen“ pausieren.
Zu allem Überfluss legte bei der Klatsche in Brighton auch noch Neuzugang Joao Gomes ein Albtraum-Debüt für seinen neuen Klub hin. Erst verschuldete der Mittelfeldspieler mit einem haarsträubenden Ballverlust den Treffer zum 0:4-Endstand, dann sah er nach einem Nachtreten auch noch vor der Pause die Rote Karte.
Vor dem Gastspiel von Titelverteidiger FC Arsenal am kommenden Montag im Villa Park hat Emery in seinem Team noch viele offene Baustellen. Goretzkas Ankunft allein würde wohl auch nicht alle schließen.