Seit dem Karriereende der Klitschko-Brüder fristet der Boxsport in Deutschland ein Nischendasein. Der deutsche Schwergewichtsboxer Agit Kabayel könnte dies ändern. Für seinen Kampf am Samstag in Oberhausen gegen den Polen Damian Knyba (ab 18.45 Uhr live auf DAZN) waren die rund 13.000 Tickets innerhalb weniger Tage ausverkauft.
"Ich wusste im Knast: Du hast Mist gebaut"
Holt er Boxen aus der Versenkung?
Der 33-Jährige aus Bochum hat bislang all seine 26 Profikämpfe gewonnen, 18 davon per K.o. Er boxte mehrfach in Saudi-Arabien, war Trainingspartner der Weltstars Tyson Fury und Anthony Joshua - und er könnte schon bald Oleksandr Usyk herausfordern. Im Interview mit SPORT1 spricht Kabayel über seine Karriere und verrät, warum er bei den Boxställen in Deutschland keine Zukunft für sich sah.
SPORT1: Herr Kabayel, was bedeutet es Ihnen, dass die Halle ausverkauft ist und Sie den deutschen Boxsport vielleicht wieder ein bisschen beleben können?
Agit Kabayel: Die Halle ausverkauft zu haben und zu sehen, dass so viele Leute wieder Bock auf Boxen haben – das bedeutet mir sehr viel.
SPORT1: Was können Sie uns über Ihren Gegner Damian Knyba verraten?
Kabayel: Er ist ein großer Mann (2,01 Meter groß, Anm. d. Red.). Wir stellen uns auf einen großen Gegner ein, auf jemanden, der ungeschlagen ist und große Ambitionen hat. Da muss man zu 100 Prozent bereit sein.
Kabayel über Fight gegen Usyk: „Natürlich hat man das als Ziel vor Augen“
SPORT1: Sie sind aktuell WBC-Interimsweltmeister. Der WBC-Weltmeister ist Oleksandr Usyk. Wäre der ukrainische Superstar der nächste logische Gegner, wenn Sie am Samstag gegen Knyba gewinnen?
Kabayel: Ja, natürlich hat man das als Ziel vor Augen. Er ist momentan der beste Boxer der Welt. Aber erstmal muss man die aktuelle Aufgabe meistern. Danach kann man über andere Dinge nachdenken und sprechen.
SPORT1: Wie entstand überhaupt Ihr Interesse am Boxen?
Kabayel: Das entstand irgendwann in jungen Jahren. Ich habe früher Fußball gespielt, aber als ich gemerkt habe, dass ich da kein Profi werde, habe ich aufgehört. Dann kam die Spätpubertät – ich bin gewachsen, habe zugenommen, wollte abnehmen. Durch einen Rocky-Film kam die Motivation: Ich wollte so trainieren, wie Rocky trainiert hat, abnehmen und mit dem Boxen anfangen. So hat alles begonnen. Irgendwann hat man dann gemerkt, dass in mir ein Riesentalent steckt. Dadurch wurde alles immer größer.
SPORT1: Also war Rocky beziehungsweise Sylvester Stallone so ein bisschen Ihr erstes Box-Idol?
Kabayel: Idol nicht unbedingt, aber ich war fasziniert von der Filmszene damals, wie er vor dem Kampf gegen Ivan Drago im Schnee trainiert. Das hat mich total motiviert. Ich wollte genauso trainieren.
SPORT1: Ihre Eltern wollten anfangs nicht unbedingt, dass Sie boxen. Wie gehen sie heute damit um, wenn Sie im Ring stehen?
Kabayel: Heute schauen sie meine Kämpfe zu Hause. In die Halle kommen sie nicht.
SPORT1: Sie scheinen ein besonders enges Verhältnis zu Ihrem Trainer Sükrü Aksu zu haben…
Kabayel: Ja, er ist wie eine zweite Vaterfigur für mich. Ich war schon als kleines Kind bei ihm, jetzt bin ich erwachsen und selbst Vater. Wir vertrauen uns blind – er ist meine Augen außerhalb des Rings, sagt mir, was ich tun soll und was nicht. Das Verhältnis ist auf maximalem Vertrauen aufgebaut.
SPORT1: Es soll auch einmal eine schwierige Phase in Ihrem Verhältnis gegeben haben, als Sie ein Angebot aus dem Umfeld von Evander Holyfield bekamen…
Kabayel: Ja, das war keine richtige Streitigkeit, eher Meinungsverschiedenheiten. Ich hatte damals meinen eigenen Kopf, dachte, ich weiß alles besser. Das mit dem Angebot vom Holyfield-Lager kam hinzu. Aber ich bin noch nicht dort gewesen. Mein Trainer hat mich aufgrund der Meinungsverschiedenheiten rausgeschmissen. Später habe ich gemerkt, dass ich bei ihm doch besser aufgehoben bin.
Kabayel: „Seit ich Vater bin, gehe ich an die Sache noch härter ran“
SPORT1: Sie sind im Sommer Vater geworden. Haben Sie aufgrund dieser Verantwortung mehr Respekt vor den Gefahren, die der Boxsport mit sich bringt?
Kabayel: Nein, das habe ich nicht. Ich bin sogar motivierter. Seit ich Vater bin, gehe ich an die Sache noch härter ran. Ich will für meine Familie sorgen. Ich hatte keine einfache Kindheit, bin aus einfachen Verhältnissen gekommen. Das soll mein Kind anders erleben. Ich will, dass mein Kind alles bekommt, was es sich wünscht – das motiviert mich enorm.
SPORT1: Weil Sie gerade Ihre Vergangenheit ansprachen: Sie gerieten in jungen Jahren in eine Schlägerei und saßen wegen Körperverletzung rund sechs Monate im Gefängnis. Wie hat sich diese Erfahrung auf Ihr Leben ausgewirkt?
Kabayel: Für meine Entwicklung war diese Zeit zu 100 Prozent positiv. Ich wusste im Knast: Du hast Mist gebaut, jetzt musst du das Beste daraus machen. Das war eine wichtige Erfahrung. Ich habe an mich geglaubt, hart trainiert – das hat vieles in meinem Leben verändert.
SPORT1: Sie haben bislang all Ihre Kämpfe gewonnen. Gab es trotzdem einen besonders schmerzhaften Kampf?
Kabayel: Eigentlich sind alle Kämpfe schmerzhaft. Aber der Kampf gegen Dereck Chisora war besonders hart. Er hat mir dabei die Rippen gebrochen. Außerdem hatte ich vor dem Kampf einen Hexenschuss, war in meiner Bewegung eingeschränkt. Das war ein richtig schmerzhafter Kampf.
SPORT1: Sie waren Sparringspartner von Tyson Fury. Später hat er Sie für einen Kampf in Saudi-Arabien vorgeschlagen. Ist er ein Förderer von Ihnen?
Kabayel: Förderer würde ich nicht sagen. Wir sind am Ende des Tages Konkurrenten. Aber er war ein Befürworter, ja. Es ging damals um einen Kampf gegen den russischen Giganten Arslanbek Makhmudov, der alle aus dem Weg geräumt hat. Viele Boxer hatten Angst vor ihm. Fury meinte dann: „Lasst Kabayel gegen ihn boxen, das ist ein echter Prüfstein.“ Mein Name wurde daraufhin von seinem Management ins Gespräch gebracht. So kam mein erster Kampf in Saudi-Arabien zustande.
SPORT1: Fury will bald wieder boxen, der Gegner steht aber noch nicht fest. Sie waren sein Sparringspartner – hätten Sie Lust auf einen Kampf gegen Fury? Würden Sie sich das zutrauen?
Kabayel: Natürlich! Ich würde gegen jeden boxen. Aber wir sind gerade auf unterschiedlichen Wegen. Er muss erst einmal sein Comeback geben. Ich stehe kurz vor einem WM-Kampf, muss erst die Aufgabe am Wochenende meistern. Danach kann man weitersehen.
SPORT1: Sie waren auch Sparringspartner von Anthony Joshua. Was ist er für ein Typ?
Kabayel: Joshua ist ein cooler Typ, ein angenehmer Mensch. Sportlich hat er in den letzten Jahren nicht die größten Schritte gemacht, aber der mediale Hype um den Kampf gegen Jake Paul hat ihm sicher gutgetan. Jetzt hat er leider zwei seiner besten Freunde bei einem Autounfall verloren. Ich wünsche ihm alles Gute.
Kabayel über Ronaldo: „Alles total angenehm und entspannt“
SPORT1: Auf Ihrem Instagram-Profil gibt es ein Foto von Ihnen und Cristiano Ronaldo. Wie ist das entstanden?
Kabayel: Ronaldo war bei meinem ersten Kampf gegen Makhmudov in Saudi-Arabien. Wir haben uns dort kennengelernt, haben ein Foto gemacht und danach ein bisschen über Instagram miteinander geschrieben. Vor meinem Kampf gegen Frank Sánchez hat er mir sogar geschrieben und Glück gewünscht. Nach dem Kampf ging ich die Treppe vom Ring hinunter und traf ihn. Wir haben uns ein bisschen unterhalten. Ganz normal: „Wie geht’s dir?“ - „Danke, dass du da warst.“
SPORT1: Es ist schon etwas Besonderes, mit dem vielleicht größten Star der Welt eine Instagram-Freundschaft zu haben, oder?
Kabayel: Ja, voll. Aber es ist alles total angenehm und entspannt.
SPORT1: Sie standen früher beim Magdeburger Boxstall SES Boxing unter Vertrag, sind dann aber zu dem britischen Boxstall Queensberry Promotions gewechselt. Hatten Sie das Gefühl, dass es dort mehr Entwicklungsmöglichkeiten für Sie gibt?
Kabayel: Ja, auf jeden Fall. Die deutschen Boxställe sind oft noch altmodisch, nicht auf Social Media aktiv, nicht mit der Zeit gegangen. Queensberry war da ganz anders. Schon nach dem Kampf gegen Frank Sánchez waren wir in Gesprächen. Nach dem Kampf gegen Zhang Zhilei (im Februar 2025, Anm. d. Red.) haben wir uns dann auf eine langfristige Zusammenarbeit geeinigt.
SPORT1: Sie sagen, die deutschen Boxställe sind nicht mit der Zeit gegangen. Sehen Sie darin einen Grund, warum der Boxsport in Deutschland nach dem Boom der 1990er und 2000er etwas an öffentlichem Stellenwert verloren hat?
Kabayel: Ja, voll. Das ist der größte Grund. Die Promoter in Deutschland denken noch wie früher, kaum einer ist wirklich in Social Media aktiv. Niemand bewirbt Kämpfe auf YouTube, Instagram oder TikTok. Viele halten immer noch an alten Strukturen fest. Aber wir leben in einer neuen Ära – du musst mit der Zeit gehen, sonst gehst du mit der Zeit. Das ist das Problem. Es gibt kaum Kooperationen mit Plattformen wie DAZN oder Pay-per-View-Modellen. Ohne diesen Schritt wird der Boxsport in Deutschland nicht wieder wachsen.