Als erster Mensch übersprang Carlo Thränhardt bei einem Hallenwettkampf im Hochspringen die magische Schallmauer von 2,40 Metern.
Irrer Weg zum deutschen Weltrekord: "Ich wog mit 1,90 Metern nur 60 Kilo"
„Ich wog mit 1,90 Metern nur 60 Kilo“
In Deutschland sind seine Rekorde in der Halle, aber auch unter freiem Himmel (2,37 Meter 1984 in Rieti) bis heute nicht erreicht. Und so zählt Thränhardt zweifelsohne zu den besten deutschen Leichtathleten der Geschichte.
Das Leben des 68-Jährigen bestand aus weit mehr als nur Sport. Thränhardt lernte viele Facetten kennen: Irre Erfolge, große Sponsoren-Deals, Zusammenarbeit mit Helden im und abseits des Sports, das bunte Leben fernab, aber auch schmerzhafte Schicksalsschläge in der eigenen Familie.
Über all diese Themen spricht der deutsche Rekordhalter im neuen Podcast SPORT1 Deep Dive.
Große Hochsprung-Karriere beginnt auf Umwegen
Schon der Beginn der großen Sportkarriere von Carlo Thränhardt war alles andere als gewöhnlich. Denn er begann als Kind nicht etwa mit dem Ziel, Leistungssportler zu werden.
„Das hatte bei mir viel mit der Überwindung von Komplexen zu tun. Ich wog mit 1,90 Metern nur 60 Kilo. Das war nicht wirklich erotisch. Ich hatte gar kein Selbstwertgefühl. Dann habe ich sehr früh mit Sport angefangen“, erzählte Thränhardt im Gespräch mit SPORT1.
Dass am Ende der Hochsprung seine ganz große Liebe werden würde, war zum Start auch noch alles andere als klar: „Ich habe sieben oder acht Sportarten ausprobiert und habe dann Hochsprung für mich entdeckt, weil ich es toll fand, dass ich da aus eigener Kraft etwas Besonders schaffen konnte.“
Die Sportart betrieb er zunächst aber nur nebenbei und das auf einer selbstgebauten Anlage im Garten. Im Verein spielte er zunächst nur Handball.
Thränhardt feiert erste Erfolge ohne richtige Ausrüstung und Training
Ausgerechnet seine Mitspieler im Handballverein sagten ihm dann, dass er doch mal zu einem Hochsprungwettbewerb gehen solle. Bei seinem ersten Wettkampf sprang Thränhardt dann gleich über 1,91 Meter und das ohne spezielle Ausrüstung.
„Die anderen waren natürlich schon voll gebrandet. Die trugen alle Spikes, Trainingsanzüge und so weiter. Ich hatte nur Turnschuhe, eine Handball-Hose und ein Trikot an“, erinnerte sich Thränhardt an seinen ersten Wettbewerb als Jugendlicher.
Damals war er 16 Jahre alt und nahm an den verschiedenen Wettkämpfen noch ohne jegliches Krafttraining oder spezielle Ausbildung teil.
„Im selben Jahr bin ich zu den deutschen Jugendmeisterschaften und sprang wieder in Turnschuhen 2,04 Meter hoch. Danach kam jemand von der Firma Puma zu mir und sagte: Uns gefällt, wie du springst. Wir möchten, dass du in Puma springst“, erzählte Thränhardt.
Er habe von der Sportartikelfirma anschließend vier Pakete mit Klamotten bekommen. Ein Umstand, der für ihn damals kaum zu glauben gewesen sei: „Unter anderem waren da rote Spikes aus Känguru-Leder dabei. Ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt. Das war ganz toll.“
Thränhardt holt zahlreiche Medaillen
Schon kurz darauf nahm er dann auch regelmäßig an den Kaderlehrgängen der regionalen und nationalen Verbände teil. „Mir war recht schnell klar, dass wenn ich ohne zusätzliches Training schon so hochspringe, dass ich mit sinnvollem Krafttraining kaum zu schlagen sein werde.“
Und so kam es dann auch. Thränhardt wurde Profi und feierte zahlreiche Erfolge. So gewann er 1983 bei den Halleneuropameisterschaften die Goldmedaille. Hinzu kamen vier Silbermedaillen bei Hallen- und eine Bronzemedaille bei Europameisterschaften. Deutscher Meister wurde er zweimal.
All die Titel reichten Thränhardt aber nicht. Er wollte Geschichte schreiben: „2,30 bin ich dann recht häufig gesprungen. Es gab dann diese Traumgrenze. Viele haben sich gefragt, ob das ein Mensch überhaupt schaffen kann, über 2,40 zu springen. Ich wollte was schaffen, was noch kein Mensch vorher geschafft hat.“
Weltrekord macht ihn zur Leichtathletik-Legende
Um diese Marke zu knacken, trainierte er so hart wie nie zuvor. Das sollte sich am 26. Februar 1988 in der Schöneberger Sporthalle in Berlin auszahlen.
„Ich habe schon beim Einspringen gemerkt, dass alles passt. Da ging alles schon leicht von der Hand“, erzählte er im Gespräch mit SPORT1: „Ich wusste, wenn ich es heute nicht schaffe, werde ich es nie schaffen. Heute war der Tag dafür.“
Thränhardt sprang an diesem Tag tatsächlich über die 2,40 und knackte mit einer Höhe von 2,42 den Hallenweltrekord. Es ist noch immer die zweithöchste Marke, die je in der Halle gesprungen wurde. Deutsche und europäische Bestmarke ist die Höhe bis heute.
Auch wegen dieser Leistung ging er im selben Jahr bei den Olympischen Spielen in Seoul als einer der Top-Favoriten an den Start. Eine Knieverletzung auf dem Weg zu den Spielen verhinderte aber eine Top-Form. Er wurde Siebter.
„Wenn diese Operation nicht gewesen wäre, wäre ich bei Olympia wahrscheinlich nochmal höher gesprungen. Denn diese Anlage war prädestiniert für mich. Die habe ich geliebt“, erinnert er sich an die Spiele 1988. Für Gold reichte eine Höhe von 2,38 Metern: „Das war sehr ärgerlich.“
Thränhardt nahm am ersten Dschungel-Camp teil
So blieb er trotz seiner individuellen Bestleistungen bei den absoluten Großereignissen ohne Goldmedaille. 1993 beendete er seine außergewöhnliche Karriere und widmete sich in den folgenden Jahren vielen außergewöhnlichen Projekten.
Tränhardt moderierte unter anderem eine TV-Sendung, in der er mit prominenten Persönlichkeiten abseits des Sports verschiedene Sportarten ausprobierte. Gäste waren damals unter anderem Helge Schneider, Otto Waalkes, die Fantastischen Vier oder Gerhard Schröder.
„Mit Gerhard Schröder waren wir hinterher in seiner Kanzlei und haben Rotwein getrunken vom spanischen Botschafter. Das war sehr guter Rotwein“, erinnerte sich Thränhardt an den Abend mit dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten: „Vor fünf Uhr morgens waren wir nicht fertig. Eine Lehrstunde über Politik, mit spanischem Rotwein über viele Stunden war sehr beeindruckend.“
Für großes Aufsehen sorgte er auch mit seiner Teilnahme an der ersten Staffel der RTL-Sendung „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus“. Für ihn eine positive Erinnerung: „Das war ganz lustig, aber auch langweilig, weil ich nicht so viel zu tun hatte. Ich wurde auch nie gewählt, was ein bisschen schade war.“
Thränhardt muss mit privaten Schicksalsschlägen umgehen
Aber auch dem Sport blieb er weiter treu. Von 1993 bis 1996 war er an der Seite von Boris Becker für dessen Athletik und Fitness verantwortlich. In einer ähnlichen Rolle war er ab 2015 als Fitness- und Mentalcoach für das deutsche Davis-Cup-Team tätig.
Das Leben schenkte Thränhardt aber nicht nur sonnige Seiten. Speziell im privaten Bereich musste er sich mit einigen Schicksalsschlägen auseinandersetzen.
Sein Bruder kämpfte mit einer Alkoholkrankheit, 2019 verstarb zudem seine langjährige Frau, eine Zahnärztin aus München. Er selbst musste am Herzen notoperiert werden.
„Ein paar Sachen wären mir lieber erspart geblieben. Also alles davon hätte ich nicht gebraucht“, wurde Thränhardt im Gespräch mit SPORT1 deutlich: „Meine Herzgeschichte: Ich hatte nie was und auf einmal bin ich bei einer Routineuntersuchung und da sagt ein Kardiologe: Wenn sie heute Nacht nicht operiert werden, werden sie morgen tot sein. Das möchtest du nicht hören.“
Speziell deshalb wisse er das Leben nochmal deutlich mehr zu schätzen. „Wir sind nur für eine bestimmte Zeit auf dieser Welt, man sollte sich nicht verrückt machen“, beschreibt er deshalb treffend seinen Rat an andere Menschen.
Seinen eigenen Rat hat Carlo Thränhardt während seines bewegten Lebens meist befolgt und auch dadurch für Höchstleistungen und bahnbrechende Erfolge im Hochsprung gesorgt, die immer legendär bleiben werden.