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Emil Agyekum: Er hat deutsche Sportgeschichte geschrieben

Das Geheimnis hinter seinem Fabellauf

Der Rekordlauf über 400 Meter Hürden hat viele Ursachen – eine davon heißt Nova Kienast. Im Interview verrät Emil Agyekum, wie seine Freundin ihn mental auf ein neues Leistungsniveau brachte und warum er erst nach seinem Frankfurt-Wechsel durchstartete.
Usain Bolt und Co. haben in der Leichtathletik neue Maßstäbe gesetzt. Einige Bestmarken aber bestehen schon seit Jahrzehnten. SPORT1 zeigt die ältesten Weltrekorde der Leichtathletik.
Der Rekordlauf über 400 Meter Hürden hat viele Ursachen – eine davon heißt Nova Kienast. Im Interview verrät Emil Agyekum, wie seine Freundin ihn mental auf ein neues Leistungsniveau brachte und warum er erst nach seinem Frankfurt-Wechsel durchstartete.

Emil Agyekum hat sich in dieser Saison in der Weltspitze etabliert. Mit seinem deutschen Rekord über 400 Meter Hürden beim Diamond-League-Rennen in London löschte der 27-Jährige die 44 Jahre währende Bestmarke von Leichtathletik-Legende Harald Schmid aus. Dabei zeigte er im direkten Duell mit Karsten Warholm, dass er inzwischen fast auf Augenhöhe mit dem Weltrekordler laufen kann.

Im Interview spricht Agyekum über seinen Rekordlauf, den Einfluss seiner Freundin auf seine mentale Entwicklung – und warum der Wechsel nach Frankfurt entscheidend für seine Leistungsexplosion war.

SPORT1: Herr Agyekum, bei Ihrem Rekord sind Sie auf der Außenbahn gelaufen, direkt hinter Weltrekordler Karsten Warholm. Wie haben Sie das Rennen erlebt?

Emil Agyekum: Ich bin relativ gut aus dem Startblock gekommen. Die erste Rennhälfte war ich sogar etwas verwundert, dass ich niemanden gesehen habe. Da dachte ich schon: ‚Okay, ich laufe wahrscheinlich ein gutes Rennen.‘ Bei den letzten Rennen, bei denen ich auf der Außenbahn neben Warholm gelaufen bin, hat er mich immer sehr schnell eingeholt, wie zum Beispiel beim WM-Halbfinale in Budapest.

Diesmal konnte ich aber von Anfang an gut mitlaufen und mein eigenes Rennen machen. Auf den letzten 100 Metern ist er dann noch ein Stück weggegangen. Insgesamt war das für mich aber ein sehr konstanter Lauf. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung.

SPORT1: Was haben Sie gedacht, als Sie die Zeit gesehen haben und Ihnen klar wurde, dass Sie gerade einen 44 Jahre alten Rekord ausgelöscht haben?

Agyekum: Als ich als Zweiter ins Ziel gekommen bin, dachte ich zunächst: „Okay, das könnte eine ganz gute Zeit sein.“ Als ich dann die 47,45 Sekunden auf der Anzeigetafel gesehen habe, habe ich mich wirklich sehr gefreut. Dass es schon so früh in der Saison funktioniert hat, damit hatte ich nicht gerechnet. Es war ja erst mein fünftes Rennen und meine zweite persönliche Bestleistung innerhalb einer Woche. Ich bin auch nicht mit der Intention ins Rennen gegangen, den Deutschen Rekord zu brechen. Ich wusste, dass ich letzte Woche schon super gelaufen bin und top in Form bin.

So geht Agyekum mit Tiefschlägen um

SPORT1: Seit vergangenem Jahr geht Ihre Entwicklung kontinuierlich nach oben. Was war aus Ihrer Sicht der entscheidende Schritt Richtung Weltspitze?

Agyekum: Ich würde sagen, dass die mentale Vorbereitung ein entscheidender Punkt war. Meine Freundin Nova (Hammerwerferin Nova Kienast, d. Red.) hat mir sehr dabei geholfen, mich mental auf die Saison vorzubereiten. Sie ist selbst eine Person, die mental sehr stark ist. Sie hat mir Tipps gegeben, wie ich an bestimmte Situationen herangehe und wie ich das Beste aus mir herausholen kann. Dazu kommen natürlich die Erfahrungen, die ich über die letzten Jahre gesammelt habe, meine Physis, an der ich jedes Jahr weiterarbeiten konnte, und dass ich gesund geblieben bin.

SPORT1: Ihr langjähriger Trainer Volker Beck sagt, ein Schlüssel Ihrer Entwicklung sei gewesen, dass Sie Ihre Komfortzone verlassen und sich einer starken Trainingsgruppe in Frankfurt angeschlossen haben. Stimmen Sie dem zu?

Agyekum: Ja, definitiv. Ende 2022 hatte ich eine größere Verletzung und war für den Rest der Saison raus. Danach habe ich mir Gedanken gemacht: Wo will ich hin? Was möchte ich erreichen? Der nächste Schritt war dann, meine Heimat zu verlassen und mit den Besten in Deutschland zu trainieren.

SPORT1: Wie ging es dann in Frankfurt weiter?

Agyekum: Am Anfang habe ich noch unter Volker Beck trainiert. Seit vergangenem Jahr trainiere ich unter Christian Kupper, der damals schon Co-Trainer in der Trainingsgruppe war. Volker hat ihn an die Hand genommen und in die Arbeit eingebunden. Seit vergangenem Jahr hat Christian die Trainingsgruppe komplett übernommen.

SPORT1: Seit vergangenem Jahr ist auch Youngster Owe-Fischer-Breiholz dabei, der Ihnen 2025 den Deutschen Meistertitel weggeschnappt hat. Würden Sie trotzdem sagen, dass Sie nächstes Wochenende bei der DM in Wattenscheid klarer Favorit sind?

Agyekum: „Bin einfach ein Wettkampftyp“

Agyekum: Auf jeden Fall, aber das wird kein Selbstläufer. Mein Ziel ist natürlich, den deutschen Meistertitel zurückzugewinnen.  Ich werde wie immer achtsam und gelassen an das Rennen herangehen und alles geben. 

SPORT1: Wie gelingt es Ihnen, in entscheidenden Rennen noch einmal zusätzliche Prozente abzurufen?

Agyekum: Ich bin ein Wettkampftyp. Ich brauche die Herausforderung und den Druck, um mein Potenzial zu entfalten und meine Grenzen zu überschreiten. Deshalb zeige ich im Wettkampf und bei großen Veranstaltungen meistens meine beste Leistung.

SPORT1: Volker Beck sieht bei Ihnen noch Reserven, vor allem in der Grundschnelligkeit. Sehen Sie das genauso? Wo können Sie sich noch verbessern?

Agyekum: Ich denke, es gibt noch viele Bereiche, an denen man arbeiten kann. Die Grundschnelligkeit ist wahrscheinlich ein Punkt, den ich noch weiter ausbauen kann. Auch an der Hürdentechnik kann man noch feilen. Generell gibt es bei Stabilität, Mobilität und Kraft noch Potenzial. Ich sehe noch viele Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln.

SPORT1: Wie blicken Sie auf die EM in Birmingham? Gold scheint an Warholm vergeben, aber dahinter ist vieles möglich.

Agyekum: Ich fahre auf jeden Fall dorthin, um eine Medaille zu gewinnen. Ob es dann Gold oder Silber wird, werden wir sehen. (lacht)

SPORT1: Wenn man auf die aktuellen Entwicklungen im deutschen Männerlauf schaut – mit vielen starken Leistungen und Rekorden: Erleben wir gerade eine goldene Generation der deutschen Leichtathletik?

Agyekum: Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nicht so intensiv nachgedacht. Aber es ist auf jeden Fall sehr schön zu sehen, wie sich die Leichtathletik in Deutschland entwickelt. Dass wir unsere eigenen Deutschen Rekorde brechen und immer mehr Anschluss an die Weltspitze finden, ist sehr positiv.