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Leichtathletik-EM: Deutschlands nächster Star bringt sich in Stellung

Läuft er endgültig aus dem Schatten?

Owe Fischer-Breiholz läuft bei der EM gemessen an seinen Leistungen nicht mehr nur im Schatten von Rekordmann Emil Agyekum. Der 22-Jährige steht im Finale – und träumt dort selbstbewusst von einer Medaille.
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Owe Fischer-Breiholz läuft bei der EM gemessen an seinen Leistungen nicht mehr nur im Schatten von Rekordmann Emil Agyekum. Der 22-Jährige steht im Finale – und träumt dort selbstbewusst von einer Medaille.

Owe Fischer-Breiholz musste nicht lange überlegen. „Der Hunger ist da. Ich glaube, das Können ist auch da. Jetzt muss es nur auf die Bahn gebracht werden“, sagte der 22-Jährige auf die Frage von ARD-Moderator Claus Lufen, wie groß sein Selbstvertrauen sei, im Finale über 400 m Hürden am Freitagabend (20.40 Uhr) eine Medaille zu gewinnen.

Moment mal. War nicht Emil Agyekum der Medaillenkandidat, der die deutsche Leichtathletik in diesem Sommer in Wallung gebracht hatte, als er den 44 Jahre alten deutschen Rekord von Harald Schmid auf 47,45 Sekunden verbesserte?

Nun stehen beide im EM-Finale. Agyekum, der deutsche Rekordmann, und Fischer-Breiholz, der Trainingspartner – und inzwischen weit mehr als nur der Mann hinter dem großen Namen. Am Mittwoch zog Fischer-Breiholz mit 48,23 Sekunden als Zweiter seines Halbfinals ins Medaillenrennen am Freitag ein, Agyekum gewann seinen Lauf in 48,17 Sekunden.

Vom Talent zum internationalen Hoffnungsträger

Für Fischer-Breiholz ist das kein Grund, sich kleinzumachen. Im Gegenteil. Vielleicht ist dieser Finaleinzug genau der Moment, in dem sich sein Blick auf die eigene Karriere verändert. Er spricht längst nicht mehr nur darüber, irgendwann international mithalten zu können. Er spricht darüber, was jetzt schon möglich ist.

Der U23-Europameistertitel im vergangenen Jahr war für Fischer-Breiholz der entscheidende Schub. Nicht allein wegen der Goldmedaille, sondern wegen der Erkenntnis, die damit einherging. „Plötzlich war klar, dass ich auch international mithalten kann“, sagt er im Gespräch mit SPORT1. „Ab diesem Moment wusste ich, dass internationale Spitzenleistungen für mich kein Traum mehr sind, sondern erreichbar sein können.“

Es war eine Art innerer Türöffner. Denn Fischer-Breiholz hatte zuvor bereits erlebt, dass er bei den Erwachsenen bestehen kann. Bei der Deutschen Meisterschaft 2024 in Braunschweig wurde er bei seinem ersten Start in der Männerklasse direkt Zweiter. Auch damals machte er einen Leistungssprung und merkte, „dass ich für mein Alter schon sehr weit bin“. Inzwischen ist er 22 Jahre alt und scheint bereit für den nächsten Schritt.

Agyekum ist Konkurrent und Antrieb zugleich

Agyekum hilft dabei sogar – obwohl er zugleich der Mann ist, an dem sich Fischer-Breiholz derzeit messen muss. Natürlich kämpfe im gemeinsamen Training zunächst jeder für sich, sagt Fischer-Breiholz. Gleichzeitig unterstütze man sich aber auch in der Gruppe, weil jeder dem anderen seinen Erfolg gönne.

Dass Agyekum in diesem Sommer vor ihm liegt, sieht Fischer-Breiholz ziemlich nüchtern. Bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid wurde er hinter seinem Trainingskollegen Zweiter – mit der Silbermedaille war er zufrieden, mit seinem Rennen allerdings nicht. Rhythmische Fehler hatten ihn Zeit gekostet.

Viel interessanter ist seine Erklärung für den derzeitigen Unterschied zu Agyekum: Rennpraxis. „Ich glaube, dass ich im Training die Voraussetzungen habe, sehr gute Zeiten zu laufen und auch mit Emil mitzuhalten“, sagt Fischer-Breiholz. Sein Trainingspartner habe in dieser Saison deutlich mehr Rennen bestritten – und auch auf höherem Niveau.

Das klingt wie eine nüchterne Bestandsaufnahme. Und doch steckt darin ein ziemlich selbstbewusster Gedanke: Fischer-Breiholz glaubt nicht, dass ihm grundsätzlich etwas fehlt, um mit Agyekum mitzuhalten. Er glaubt, dass ihm vor allem noch die Wettkampferfahrung fehlt.

Die 47 Sekunden sind längst im Kopf

Unter 48 Sekunden? Keine ferne Vision. Eine 47er-Zeit noch in dieser Saison? „Ja, auf jeden Fall. Das wäre keine Überraschung für mich, sondern das Resultat meines Trainings.“ Das größte Potenzial sieht Fischer-Breiholz dabei im Sprint. Aber eigentlich könne man sich überall verbessern – bei der Ausdauer, der Technik, dem Rhythmus. Entscheidend sei, die Dinge, die im Training bereits funktionieren, auch im Wettkampf abzurufen. Genau das ist nun die Aufgabe für Freitag.

Und vielleicht steht dann tatsächlich jener Mann neben ihm, an dem sich die gesamte Disziplin orientiert: Karsten Warholm. Der Norweger ist Weltrekordhalter und prägt die 400 Meter Hürden wie kaum ein anderer. Fischer-Breiholz schaut zu ihm auf, aber nicht ehrfürchtig. Natürlich könne man sich von Warholm etwas abschauen. Aber jeder Athlet sei individuell. „Ich werde nicht alles genauso machen können wie er. Entscheidend ist, dass ich aus meinen eigenen Stärken das Maximum heraushole.“

„Ich traue mir grundsätzlich alles zu“

Und dann kommt wieder dieser Satz, der so gut zu seinem derzeitigen Aufbruch passt: „Ich traue mir grundsätzlich alles zu“, sagt Fischer-Breiholz – wohl wissend, dass Warholm „noch einmal in einer anderen Dimension läuft. Der Norweger sei nicht umsonst Weltrekordhalter. Aber Fischer-Breiholz denkt offenbar weniger in fertigen Hierarchien als in Entwicklungsmöglichkeiten. Wo er heute steht, ist für ihn nicht zwingend der Ort, an dem er morgen stehen muss.

Auch deshalb hat er seine Karriere inzwischen professioneller aufgestellt. Vor einigen Monaten schloss er sich einem renommierten Management an, bei dem auch Malaika Mihambo unter Vertrag steht. Wenn man international erfolgreich sei und regelmäßig bei großen Wettkämpfen starte, kämen irgendwann viele Dinge zusammen: Sponsoren, Medien, Termine, strategische Entscheidungen.

„Da ist es gut, ein erfahrenes und professionelles Team an seiner Seite zu haben, damit man sich auf das konzentrieren kann, was auf der Bahn zählt.“ Dort, auf der Bahn, soll schließlich die wichtigste Entwicklung stattfinden.

Erst Birmingham, dann die großen Ziele

Und die Ambitionen gehen über Birmingham hinaus. Natürlich denke man über eine WM-Medaille nach, auch eine Olympiamedaille sei ein Ziel, sagt Fischer-Breiholz. Doch er wolle sich nicht zu sehr darauf konzentrieren. Die nächsten Schritte seien entscheidend. „Wenn ich mich jeden Tag weiterentwickle und mein Potenzial ausschöpfe, ergibt sich alles Weitere von selbst.“

Das klingt beinahe wie das Gegenstück zu seinem Medaillen-Satz aus Birmingham. Dort der Hunger, hier die Geduld. Beides gehört bei Fischer-Breiholz offenbar zusammen. Er will viel. Aber er will sich dabei nicht verrückt machen.

Dazu passt auch, wie er mit der Öffentlichkeit umgeht. Fischer-Breiholz ist auf Social Media aktiv, postet regelmäßig, weil es ihm Spaß macht. Einen Zwang zur Selbstdarstellung verspürt er aber nicht. Wenn es ihm zu viel wird, fährt er das Ganze wieder herunter. „Leichtathletik ist mein Beruf, aber vor allem etwas, das ich mit großer Leidenschaft mache“, sagt er. „Und darauf habe ich immer hundert Prozent Lust.“

Am Freitag wird diese Leidenschaft erstmals in einem großen EM-Finale auf die Probe gestellt. Neben Fischer-Breiholz steht Agyekum. Vor ihm steht die europäische Spitze, inklusive Karsten Warholm. Und irgendwo dazwischen liegt die Medaille, von der er am Mittwochvormittag so selbstverständlich gesprochen hat. Der Hunger ist da. Jetzt muss das Können nur noch auf die Bahn.