Leichtathletik>

"Empfinde nur Ekel": Ihre Worte lösten ein lautes Echo aus

Ihr Appell löst ein lautes Echo aus

Smilla Kolbe wollte eigentlich nur über ihr Rennen sprechen. Dann fand sie deutliche Worte gegen Rassismus – und bekommt dafür Rückendeckung aus dem deutschen EM-Team.
Starker Tag für die deutschen Athleten bei der Leichtathletik-EM. Owen Ansah sprintet sich zu Gold über 200 Meter. Auch Hürdenläufer Emil Agyekum und Diskuswerferin Shanice Craft tüteten Edelmetall ein.
Smilla Kolbe wollte eigentlich nur über ihr Rennen sprechen. Dann fand sie deutliche Worte gegen Rassismus – und bekommt dafür Rückendeckung aus dem deutschen EM-Team.

Eigentlich war schon alles gesagt. Smilla Kolbe hatte gerade ihr Halbfinale über 800 Meter bei der Leichtathletik-EM in Birmingham hinter sich und den Endlauf um zwei Hundertstelsekunden verpasst. Eine Enttäuschung, sicher. Aber auch ein starkes Rennen, nachdem sie im Vorlauf als erste deutsche Läuferin seit 1990 die 1:58-Minuten-Marke unterboten hatte.

Im ZDF-Interview sprach Kolbe zunächst über den Support, den sie und ihre Teamkolleginnen und -kollegen in Birmingham erfahren. Dann schien das Gespräch beendet. Doch Kolbe hatte noch etwas auf dem Herzen.

Kolbe: Flammender Appell gegen Rassismus

„Darf ich noch was anmerken?“, fragte sie. Was folgte, war ein flammender Appell. Einer, der weit über das Halbfinale, ja sogar über den Sport hinausreichte.

„Ich lese so viele Kommentare und freue mich wirklich über den ganzen Support, den wir kriegen. Trotzdem sehe ich unter manchen Athleten in den Kommentarspalten echt krasse Kommentare“, sagte Kolbe. Deutschland werde von den Athletinnen und Athleten vertreten, sie wünschte sich deshalb „Support von allen, die zuschauen“.

Dann wurde sie persönlich. „Ich will gar nicht wissen, was wäre, wenn ich nicht so weiß wäre, wie ich bin.“

Ein Satz, der Wellen schlug. Auch weil Kolbe damit nicht nur über einen einzelnen Kommentar sprach, sondern über etwas, das sie in den sozialen Netzwerken offenbar regelmäßig beobachtet. Konkrete Athleten nannte sie nicht. „Ich wollte es einfach nur loswerden, weil mir das extrem wichtig ist.“

Es blieb nicht bei diesem einen Appell.

Leichtathletik-EM: Schneider findet es „sehr schlimm“

Rosina Schneider saß an diesem Tag mit einigen deutschen Athletinnen beim Essen. Auch sie bekam mit, worüber gesprochen wurde: Kommentare in den sozialen Netzwerken.

„Wir haben nur Kommentare durchgelesen, wo ich mir so dachte: Wem fällt sowas ein?“, erzählt die Hürdenläuferin bei SPORT1. Sie findet es „sehr, sehr schlimm“, dass die sportliche Leistung offenbar für manche Menschen nicht genügt, um einen Athleten zu beurteilen.

„Bei so einer internationalen Meisterschaft, aber auch bei der nationalen Meisterschaft sollte nach der sportlichen Leistung gemessen werden und nicht: Wo kommt einer her, hat einer eine hellere oder dunklere Hautfarbe als der andere.“

Es ist ein bemerkenswert nüchterner Satz in einer hochemotionalen Debatte. Schneider erinnert daran, warum die Athleten überhaupt in Birmingham sind: Sie wollen Rennen laufen, springen, werfen. Und das Maximum für Deutschland herausholen.

„Im Endeffekt sind wir alle deutsch und wollen Deutschland vertreten und die bestmögliche Leistung bringen“, sagt sie. Und eine schlechte Leistung habe eben nichts mit Hautfarbe zu tun – eine gute genauso wenig.

Bremm empfindet „einfach nur Ekel“

Florian Bremm schließt sich Kolbes Worten ebenfalls an. Der 5000-Meter-Läufer, der am Montag sensationell die Silbermedaille gewann, hat nach eigenen Angaben selbst Kommentare gelesen, die ihn fassungslos machten – beispielsweise unter einem Beitrag von Owen Ansah bei Bild.

„Ich empfinde bei diesem offenen Rassismus einfach nur Ekel“, sagt Bremm bei SPORT1. „Ich finde das absolut schockierend und auch etwas beängstigend. So ein Verhalten hat keinen Platz bei uns in der Leichtathletik und kann nicht geduldet werden.“

Denn der Hass ist nicht auf Birmingham begrenzt. Er findet dort statt, wo die meisten Athleten längst einen Teil ihres Berufslebens verbringen: in den sozialen Netzwerken.

Die Kommentarspalte wird zur öffentlichen Bühne

Denn der Spitzensport lebt von Öffentlichkeit. Athleten brauchen sie, um Sponsoren zu gewinnen, Aufmerksamkeit zu bekommen, ihre Geschichten zu erzählen. Sie stellen sich vor Kameras, posten Trainingseinheiten und Wettkämpfe, teilen Medaillen und Enttäuschungen.

Die Kommentarspalte gehört längst zur Bühne. Nur dass dort nicht immer applaudiert wird.

Das ist die eigentliche Irritation hinter Kolbes Worten. In Birmingham präsentiert sich die Leichtathletik als das, was sie im besten Sinne sein kann: international, vielfältig, gemeinschaftlich. Athleten unterschiedlicher Herkunft tragen dasselbe Trikot, feiern gemeinsam, trösten sich nach Niederlagen und freuen sich über Medaillen.

Und währenddessen entsteht auf dem Smartphone eine zweite, deutlich hässlichere Version dieser EM. Dort wird nicht mehr nur darüber diskutiert, ob jemand zu langsam war, eine Hürde gerissen oder einen Sprung verschenkt hat. Dort werden Herkunft, Hautfarbe und vermeintliche Zugehörigkeit zum Angriffspunkt.

„Diese rassistischen Kommentare sind mein ganzes Leben lang schon da. Das kann ich super gut ignorieren“, sagte Goldmedaillengewinner Owen Ansah im ZDF. Doch nicht jeder kann verständlicherweise damit so leicht umgehen.

Drechsler: „Keiner hat das Recht, andere zu diskriminieren“

Heike Drechsler, Olympiasiegerin und inzwischen eine Generation älter als die Athleten, die in Birmingham um Medaillen kämpfen, findet bei SPORT1 deutliche Worte. „Ich bin klar gegen rassistische Kommentare und gegen alles, was mit Rassismus zu tun hat. Keiner hat das Recht, andere zu diskriminieren“, sagt sie. „Egal aus welchem Kulturkreis er oder sie kommt.“

Mittelstrecken-Ass Robert Farken beschränkt sich auf einen Satz. „Hundertprozentige Zustimmung zu Smillas Aussage.“

Tatsächlich braucht es manchmal gar nicht mehr. Denn Kolbe wollte nach ihrem verpassten Finale eigentlich über Sport sprechen. Über ein Rennen, in dem ihr gerade einmal zwei Hundertstelsekunden zum Finale fehlten.

Stattdessen sprach sie über etwas, das mit ihrer knapp verpassten Finalteilnahme nichts zu tun hat. Über Respekt, über Rassismus. Und darüber, dass die Menschen, die Deutschland auf der Bahn vertreten, diesen Respekt auch von denen erwarten dürfen, die ihnen dabei zuschauen.