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Die deutsche EM-Sensation, die eigentlich gar keine war

Die Sensation, die gar keine war

Florian Bremm gewinnt EM-Silber über 5000 Meter – und muss bei der Medaillenzeremonie auf einen geliehenen Dress zurückgreifen. Bei SPORT1 erklärt der 25-Jährige, warum er selbst nicht mit einer Medaille gerechnet hat.
In einem packenden Rennen in Birmingham muss sich der deutsche Aufsteiger Florian Bremm nur Norwegens Topstar Jakob Ingebrigtsen beugen.
Florian Bremm gewinnt EM-Silber über 5000 Meter – und muss bei der Medaillenzeremonie auf einen geliehenen Dress zurückgreifen. Bei SPORT1 erklärt der 25-Jährige, warum er selbst nicht mit einer Medaille gerechnet hat.

Florian Bremm hatte nicht einmal seinen eigenen Dress für die Siegerehrung dabei. Er trug den von Yemisi Mabry. Warum? „Ich hatte irgendwie keinen“, sagt Bremm im Gespräch mit SPORT1 und muss selbst darüber lachen. Also half die Kugelstoßerin aus, die kurz davor die Bronzemedaille gewonnen hatte.

Dass Bremm wenige Minuten später mit EM-Silber um den Hals das Stadion verlassen würde, war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ein Gedanke. „Nein, ehrlich gesagt nicht“, sagt Bremm auf die Frage, ob er vor dem Rennen auch nur die leiseste Ahnung gehabt habe, wozu er an diesem Abend fähig sein würde. Einige Leute hätten ihm zwar geschrieben, dass eine Medaille möglich sei. „Aber das habe ich nicht so an mich rangelassen.“

Nur der Olympiasieger war zu stark

Vielleicht war das ganz gut so. Denn Bremm lief in Birmingham ein Rennen, das so gar nicht nach einem Läufer aussah, der ohne Ambitionen ins Rennen geht. Er blieb lange ruhig, hielt sich aus dem größten Gedränge heraus und wartete auf seine Chance. Rund 600 Meter vor dem Ziel merkte er: Jetzt könnte tatsächlich etwas gehen.

„Wenn du jetzt so eine Rolle spielen willst, so richtig im Rennen für die vorderen Plätze, für die Top fünf, dann musst du jetzt einen Move machen“, beschreibt Bremm seine Gedanken. Er machte ihn. Und traf in den entscheidenden Momenten die richtigen Entscheidungen.

„Ich bin ruhig geblieben, als es nicht ging, und habe dann im richtigen Moment eine gute Entscheidung getroffen“, sagt der 25-Jährige. Am Ende war nur einer schneller: Jakob Ingebrigtsen, der norwegische Olympiasieger und Titelverteidiger. Hinter Bremm kamen der Franzose Jimmy Gressier und die übrige europäische Laufelite ins Ziel.

„Deutscher Laufsport in der Spitze angekommen“

„Er hat absolut abgeliefert“, sagt Bremms Kollege Mohamed Abdilaahi bei SPORT1. Der deutsche Rekordhalter über 5000 Meter, der selbst beste Chancen gehabt hätte, musste die EM aber verletzungsbedingt sausen lassen. „Ich freue mich wirklich sehr für ihn. Der deutsche Laufsport ist nun wirklich in der absoluten Spitze angekommen. Wir sind so breit aufgestellt und ich denke, in der Zukunft wird es sogar noch besser werden.“

Eine Einschätzung, die auch zu Bremms eigener Sicht auf seinen Erfolg passt. „Das alles ist ein Ergebnis der vergangenen Jahre und kein Zufall“, sagt er. Es ist zugleich das, was Daniel Fleckenstein, der Bremm wissenschaftlich begleitet und Teile seiner Schlüsseleinheiten betreut, seit Jahren beobachtet.

Vor etwa drei Jahren stellte Bremm sein Training grundlegend um. „Er hat ein deutlich umfangsorientierteres, ruhigeres Training gemacht“, sagt Fleckenstein bei SPORT1. Über Wochen kamen 160 bis 170 Kilometer zusammen. Die Dauerläufe wurden dabei keineswegs zum Tempotraining. Es ging um Belastungsverträglichkeit, nicht um tägliche Heldentaten.

Eine Portion Norwegen im Training

Bremm selbst beschreibt seinen Ansatz so: „Es ist dieses klassisch norwegische Training, was wir machen, mit einem physiologischen Hintergrund: viel Kontrolle, viel Umfang, viel Laktatkontrolle eben auch, Intensitätskontrolle.“

Entscheidend sei aber gewesen, daraus nicht einfach eine fremde Methode zu kopieren. „Wir haben es für uns halt einfach geschafft, den richtigen Weg zu finden, das gut auszubalancieren und zu nuancieren“, sagt Bremm.

Die Veränderung zeigte Wirkung. Der Mittelfranke sprang von etwa 13:30 auf 13:11 Minuten, konnte die Zeiten aber bislang nicht bei internationalen Meisterschaften bestätigen. Doch 2026 kam der nächste große Schritt: 12:56,80 Minuten, Platz drei in der ewigen deutschen Bestenliste. „Die Entwicklungsrate, die er jetzt zu diesem Jahr gemacht hat, ist ja schon extrem“, sagt Fleckenstein. Und er glaubt nicht, dass damit das Ende erreicht ist.

Deutscher EM-Coup „kein Glückstreffer“

Fleckenstein, der den Langstreckenläufer im Trainingslager vor der EM drei Wochen lang in Sankt Moritz begleitete, hatte deshalb schon vor dem Finale eine Medaille nicht ausgeschlossen. „Allein von der Vorleistung her muss man ja schon irgendwie das Ziel haben, zumindest unter die Top sechs zu laufen“, sagt er. „Das ist jetzt kein Glückstreffer in meinen Augen, wenn man sich die Vorleistung anguckt.“

Dafür hatte Bremm zu lange, zu hart gearbeitet. Selbst unmittelbar vor der deutschen Meisterschaft wurde nicht einfach auf Frische gesetzt. „Er hat, glaube ich, in der Woche von den Deutschen noch 150 Kilometer gemacht“, sagt Fleckenstein. Und auch wenn Bremm bei der DM in Wattenscheid nicht gegen Frederik Ruppert gewinnen konnte, habe sich die Entscheidung später bestätigt: „Wenn man sich jetzt gestern das anguckt, dann kann man sagen: alles richtig gemacht.“

Ist sogar noch viel mehr drin?

Vieles an Bremms Weg ist dabei ungewöhnlich. Sein Umfeld ist klein und weitgehend selbst organisiert. Sein Kumpel Niklas Buchholz, der noch über 3000 Meter Hindernis in Birmingham an den Start gehen wird, übernimmt Teile von Bremms Training – und umgekehrt. Fleckenstein spricht von einem Team, das sich „gefühlt“ selbst aufgebaut habe.

„Die Jungs haben ja ihr eigenes Team auf die Beine gestellt. Sie organisieren sich größtenteils selbst, inklusive Trainingslager und Wettkampfplanung. Das könne man sicher noch professionalisieren“, sagt Fleckenstein. Aber es gebe eben auch einen guten Grund, nicht alles zu verändern: „Man kann auch sagen: Das funktioniert, warum was ändern?“

Bremm selbst klingt ähnlich. Sein Training sei keine fertige Schablone, sondern ein System, das sich entwickelt habe – mit vielen kleinen Anpassungen. „Von daher, glaube ich, ist es noch nicht ausgereizt“, sagt Fleckenstein. Vielleicht gehe es irgendwann sogar in Richtung 12:50 Minuten.

Im Rückblick passt dieser geliehene Dress gut zu Bremms Geschichte. Nicht alles an seinem Weg ist perfekt durchgeplant. Manches entsteht unterwegs, wird ausprobiert, angepasst – und funktioniert dann erstaunlich gut. Mabrys Dress jedenfalls hat seinen Zweck erfüllt.