Julia Ulbricht stand da und wusste selbst nicht so recht, was gerade passiert war. „Ich habe eine Medaille, oder?“, fragte die Speerwerferin ihre Freundin Luisa Tremel, die ebenfalls im EM-Finale stand.
Vom Existenzkampf zur deutschen Silber-Heldin
Wie aus Existenzangst EM-Silber wurde
Die Antwort kam prompt: „Ja, du hast eine Medaille“, sagte Tremel und nahm sie lachend in die Arme. Erst langsam sickerte die Erkenntnis durch: Europameisterschaft in Birmingham, Silbermedaille – und das mit 61,53 Metern im ersten Versuch. „So richtig realisiert habe ich es, glaube ich, immer noch nicht“, erklärt Ulbricht am Tag danach im Gespräch mit SPORT1.
Dabei hatte sich der Wettkampf für die 25-Jährige längst nicht so perfekt angefühlt, wie es das Ergebnis vermuten ließ. Nach ihrem ersten Wurf bekam sie Probleme am Rücken. Die folgenden Versuche waren wohl auch deshalb technisch nicht mehr sauber, weshalb Ulbricht der Belastung teilweise auswich. „Es war technisch noch kein guter Wurf“, sagte sie selbst. Eigentlich hatte sie auf eine noch größere Weite gehofft.
Leichtathletik-EM: 61,53 Meter reichen für Silber
Auch Trainer Mark Frank hatte sich mehr vorgestellt. 63 Meter waren sein erklärtes Ziel. „Sie ist leistungsmäßig noch nicht ausgereizt“, sagt er im Gespräch mit SPORT1. „Sie hätte hier auch weiter werfen können.“ Und nicht nur das: Hätte sich Ulbricht nicht gezerrt, hätte sie laut Frank sogar um den Titel mitwerfen können: „Wenn sie komplett gesund geblieben wäre, sage ich: Dann gewinnt sie die Europameisterschaft.“
Doch auch so reichten die 61,53 Meter für Silber. Und je länger der Wettbewerb dauerte, desto größer wurde die Spannung. Als die Konkurrentinnen im letzten Durchgang nicht mehr an ihr vorbeikamen, wurde aus der Hoffnung Gewissheit. Ulbricht zitterte und bangte. „Mir kamen sogar schon die Tränen“, sagt sie.
Es war ein Moment, der besonders deshalb berührte, weil hinter dieser Medaille eine Geschichte steckt, die mit Glanz und Glamour des Spitzensports wenig zu tun hat. Denn noch vor nicht allzu langer Zeit war gar nicht sicher, ob Ulbricht ihre Karriere überhaupt fortsetzen würde.
Fast war Schluss für Ulbricht
„Schon ziemlich“, meint sie auf die Frage, wie ernst die Gedanken ans Karriereende tatsächlich waren. Der Grund: fehlende finanzielle Unterstützung. Ulbricht studiert, trainiert auf höchstem Niveau und arbeitet nebenbei in einem Minijob. Gleichzeitig müssen Miete, Krankenkasse, Reisen zu Wettkämpfen und die ganz normalen Lebenshaltungskosten bezahlt werden.
Ihre Eltern unterstützen sie finanziell, doch auch deren Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt. Mit 25 fällt zudem das Kindergeld weg, die eigene Krankenkasse muss bezahlt werden. „Das läppert sich einfach zusammen“, schildert Ulbricht. Irgendwann merkte sie, dass die Rücklagen immer weiter schrumpften.
Sie wollte trotzdem nicht aufgeben. Also suchte sie sich einen Nebenjob – aber bewusst nur in einem Umfang, der ihr weiterhin ausreichend Zeit für Training und Studium ließ. Einfach war die Kombination nicht: „Manchmal ist es schon sehr herausfordernd, dass man so viele Baustellen nebenher noch hat.“
Auch im Training bekam sie die Folgen zu spüren. Wenn die Arbeit Zeit kostete, blieb das Studium liegen. Wenn sie sich auf das Studium konzentrierte, fehlte diese Zeit an anderer Stelle. In den vergangenen Wochen setzte sie deshalb bewusst Prioritäten: „100 Prozent die Saison in den Sport investieren und 100 Prozent da sein.“
„Teilweise ging es um die Existenz“
Frank kennt diese schwierige Situation. „Julia studiert, macht Leistungssport und jobbt nebenbei, um überhaupt etwas Geld zu verdienen“, sagt ihr Trainer. Dass sie sich unter diesen Bedingungen weiterentwickelt habe, zeige ihren „unbedingten Willen, es im Sport zu schaffen“.
Der Coach sieht darin eine besondere Form der Entbehrung. Leistungssport bedeute zwar grundsätzlich Verzicht, bei Ulbricht sei es aber zeitweise um mehr gegangen: „Bei Julia war es eine besonders krasse Form, weil es teilweise um die Existenz ging.“
Dabei war Ulbricht keineswegs immer ohne Unterstützung. Als Jugendliche gehörte sie bereits zum Bundeskader, auch später wurde sie drei Jahre lang gefördert. Doch die große sportliche Entwicklung blieb zunächst aus. Erst in jüngster Zeit ging es bei ihr deutlich nach oben.
2025 warf Ulbricht erstmals 61 Meter und war damit beste deutsche Speerwerferin – trotzdem blieb eine entsprechende Förderung aus. Frank hätte sie nach eigener Aussage schon damals gerne stärker unterstützt gesehen. Das Problem: Die Kriterien des Fördersystems ließen es nicht zu.
Der Erfolg kommt, als die Hilfe fehlt
Genau darin sieht Frank eine Schwäche des Systems. Die Förderung orientiere sich stark an festgelegten Kriterien, während die Einschätzung der Trainer und Bundestrainer zu wenig Gewicht habe. Athleten, denen Experten großes Potenzial zutrauen, können deshalb durch das Raster fallen.
Ulbricht ist dafür ein ziemlich eindrucksvolles Beispiel. Sie entwickelte sich weiter, obwohl sie neben dem Training arbeiten musste. Und nun, nach der EM-Silbermedaille, ändert sich ihre Situation grundlegend: Durch den Medaillengewinn hat sie die Voraussetzungen für den Olympiakader erfüllt und wird künftig entsprechend gefördert. Ausgerechnet jetzt, nachdem sie sich durch eine schwierige Phase durchgebissen hat.
„Dafür hat sie sich jetzt belohnt“, betont Frank. Die vergangenen Jahre hätten sie viel Kraft gekostet. Nun gehe es zunächst darum, „in ein ruhigeres Fahrwasser“ zu kommen und die neuen Möglichkeiten in zusätzlichen Rückenwind umzuwandeln.
Olympia war immer der Traum
Genau das ist die schönste Verbindung zwischen der schwierigen Vergangenheit und dem, was nun vor ihr liegt. Ulbricht begann bereits mit fünf Jahren mit der Leichtathletik. Olympia war damals noch ein weit entfernter Traum. Als Kind wusste sie natürlich noch nicht, dass sie einmal Speerwerferin werden würde. Aber die Olympischen Spiele waren für sie immer das große Ziel.
Jetzt ist dieser Traum plötzlich ziemlich konkret. „Weiter Gas geben, hoffentlich verletzungsfrei und gesund bleiben – dann sollte das machbar sein“, sagt Ulbricht. Der nächste Schritt ist längst formuliert: Sie will sich zunächst Richtung 63 oder 64 Meter entwickeln, langfristig soll es Richtung 65 Meter gehen.
Frank traut ihr das zu. Und Ulbricht selbst hat nach diesem Abend ohnehin allen Grund, an sich zu glauben. Denn 61,53 Meter waren noch nicht der Wurf, auf den sie und ihr Trainer eigentlich gewartet hatten. Es war ein Wurf mit dem Gefühl, dass eigentlich noch mehr möglich gewesen wäre. Und trotzdem wurde daraus Silber.