Was elf Sekunden nicht erzählen können
Deutsche Star-Sprinterin kündigt Karriereende an
Sie schaut noch einmal fokussiert auf die 100m-Strecke, die vor ihr liegt. Noch elf Sekunden liegen zwischen Lisa Mayer und dem Ende ihrer aktiven Karriere.
Jahrelang war die Tartanbahn das sportliche Zuhause von Lisa Mayer. Hier hatte sie sich vom Nachwuchstalent zur Olympia-Bronzegewinnerin entwickelt, persönliche Bestzeiten gefeiert – und sich nach zahlreichen Verletzungen immer wieder zurückgekämpft. Vor einem Jahr, am 13. September 2025, stieg die gebürtige Gießenerin bei den Weltmeisterschaften in Tokio ein letztes Mal in den Startblock.
11,45 Sekunden später war ihre aktive Zeit im Spitzensport vorbei. Mayer wurde Fünfte ihres 100m-Vorlaufs und verpasste damit den Einzug in die nächste Runde. Doch dieses Ergebnis erzählt nur einen Bruchteil ihrer Geschichte. Hinter ihrem letzten Sprint lagen mehr als zwölf Jahre Leistungssport. Es war der Schlusspunkt einer Laufbahn zwischen Weltspitze und Verletzungspause, zwischen Rückschlag und Comeback.
Mehr als ein letzter Sprint
In ihrem letzten Rennen kam Mayer zunächst gut aus den Blöcken, richtete sich jedoch etwas zu früh auf und fand schwer in den technischen Ablauf zurück – ein Fehler, den die 100m-Strecke nicht verzeiht. Das weiß Mayer. Unzählige Trainingsstunden und Wettkämpfe hatten sie zur 100m- und 200m-Sprintspezialistin geformt.
Auch wenn sie sich mit ihrer Leistung nicht hundertprozentig zufrieden zeigte, blickte sie im anschließenden ARD-Interview auf eine „großartige Karriere“ zurück: „Ich glaube, dieses Rennen heute definiert mich nicht als Sportlerin. Ich bin einfach unglaublich dankbar und froh, den Karriereabschluss hier und heute gefunden zu haben im Einzel.“
Dass Mayer auf eine derart erfolgreiche Karriere zurückblicken kann, ist angesichts der zahlreichen Rückschläge mehr als bemerkenswert. „Wenn ich eines aus dem Sport gelernt habe, den ich mit ins Leben nehme, dann ist es, dass es immer anders kommt als man denkt und man immer einen Plan C braucht.“
Und den musste Mayer in ihrer langen Karriere häufiger auspacken, als ihr lieb war.
Ein Aufstieg im Sprinttempo
„Ich mache das jetzt seit 12 Jahren. Ich bin damals mit 16, 17 Jahren irgendwie so reingefallen und Jahr für Jahr in der Nationalmannschaft dabei gewesen“, erinnerte sich Mayer. Bereits 2011 sorgte die damals 14-Jährige für Furore, als sie bei den Hessischen Hallenmeisterschaften gleich dreimal ganz oben auf dem Podium stand: über 60m, 300m und im Weitsprung.
Mayer entwickelte sich zu einem der vielversprechendsten deutschen Sprinttalente und machte bald auch international auf sich aufmerksam. 2014 holte sie zusammen mit der 4x100m-Sprintstaffel die Bronzemedaille bei den U20-Weltmeisterschaften in Eugene. Ein Jahr später sammelte sie über 60m, 100m und 200m mehrere deutsche Nachwuchstitel und krönte ihre Saison mit U20-EM-Silber über 100 Meter in Eskilstuna.
Dann folgte der endgültige Durchbruch bei den Aktiven: Sie qualifizierte sich über 100m und 200m für die Olympischen Spiele 2016 in Rio, erreichte dort über 200m das Halbfinale und belegte mit der deutschen 4×100-Meter-Staffel Rang vier. Bei der EM in Amsterdam hatte sie zuvor mit der Staffel Bronze gewonnen. 2017 feierte Mayer mit dem überraschenden Sieg der deutschen 4×100-Meter-Staffel bei den World Relays auf den Bahamas einen ihrer ersten großen internationalen Erfolge.
Immer wieder Verletzungen, immer wieder Rückschläge
Doch auf den steilen Aufstieg folgte eine Phase, in der Mayer immer wieder ausgebremst wurde. 2018 beendete eine Oberschenkelverletzung ihre Saison vorzeitig. Die Heim-EM in Berlin fand ohne sie statt. Nach langer Pause kämpfte sich Mayer 2019 zurück und erreichte mit der deutschen 4×100-Meter-Staffel bei den World Relays in Yokohama das Finale. Dort musste Mayer jedoch passen und wurde durch Alexandra Burghardt ersetzt. Der Vorlauf in Yokohama blieb ihr einziger Wettkampf des Jahres – muskuläre Probleme und grippale Infekte zwangen sie später zum Saisonabbruch.
Und auch 2020 fand Mayer nicht dauerhaft zurück in den Wettkampfrhythmus. Bei den Deutschen Meisterschaften schaffte sie es über 100m bis ins Finale, musste ihren Start wegen Beugerproblemen jedoch kurzfristig absagen. Aus einzelnen Rückschlägen war längst eine Serie geworden, die ihre Karriere immer wieder ins Stocken brachte.
„Das Hamsterrad durchbrechen“
Ende August wagte Mayer den Neuanfang: Sie verließ ihre alte Trainingsgruppe in Mannheim und schloss sich Trainer David Corell an. Mit ihm visierte Mayer explizit das Ziel Olympia 2021 an. „Die Saison ist wieder nicht so verlaufen, wie erhofft. Irgendwann ist man nur noch unendlich frustriert und ratlos, weil man nicht mehr weiß, was man noch machen soll. Das war der Punkt, an dem ich mir gedacht habe: Ich brauche einen Neuanfang. Am allermeisten für meinen Kopf. Ich muss endlich dieses Hamsterrad durchbrechen.“, erklärte sie.
Mayer kämpfte sich zurück. Und wie: In Mannheim sprintete sie beim „Road to Tokyo“ Meeting zu 11,12 Sekunden und verbesserte ihre vier Jahre alte 100m-Bestzeit. Wenige Wochen später folgte Silber bei den Deutschen Meisterschaften und schließlich die Nominierung für ihre zweiten Olympischen Spiele. Nach Jahren voller Verletzungen schien Mayer rechtzeitig vor Tokio wieder dort angekommen zu sein, wo sie schon lange wieder hinwollte.
Ein goldenes Comeback
Doch ausgerechnet kurz vor dem nächsten großen Ziel holte Mayer ihre Verletzungsgeschichte wieder ein. Im Pre-Camp im japanischen Miyazaki verletzte sich die Sprinterin erneut und musste ihren Start bei den Olympischen Spielen absagen. Der nächste Rückschlag – gerade in dem Moment, in dem Mayer sportlich wieder ganz oben angeklopft hatte.
Aufgeben kam dennoch nicht infrage. Und diesmal wurde das Comeback belohnt: Bei der Heim-EM 2022 in München gehörte Mayer zur deutschen 4×100-Meter-Staffel, die vor mehr als 40.000 Zuschauern im Olympiastadion sensationell zu Gold sprintete. Gemeinsam mit Alexandra Burghardt, Gina Lückenkemper und Rebekka Haase setzte sie sich in 42,34 Sekunden gegen Polen und Italien durch. Nach all den Jahren voller Verletzungen feierte Mayer damit einen ihrer größten Erfolge.
Mayers Karriere kannte inzwischen ein wiederkehrendes Muster: zurückkämpfen, oben ankommen – und wieder ausgebremst werden. Im Juni 2023 erlitt sie erneut eine Oberschenkelverletzung und verpasst sowohl die deutschen Meisterschaften als auch die Weltmeisterschaften in Budapest. Statt selbst aus dem Startblock zu starten, erlebte Mayer den Saisonhöhepunkt als TV-Expertin für das ZDF.
Die Krönung einer langen Reise
Einmal mehr arbeitete sie sich zurück. Und zwei Jahre nach dem goldenen Abend von München wartete die vielleicht größte Belohnung ihrer Karriere. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris gehörte Mayer wieder zum deutschen Staffelquartett und sprintete gemeinsam mit Alexandra Burghardt, Gina Lückenkemper und Rebekka Haase über 4x100m zu Bronze.
Acht Jahre nach ihrem Olympia-Debüt in Rio hielt Mayer damit erstmals eine olympische Medaille in den Händen. Nach all den Verletzungen, verpassten Meisterschaften und Neuanfängen war Bronze von Paris weit mehr als nur der nächste Eintrag in ihrer Erfolgsliste.
Doch Paris sollte noch nicht der Schlusspunkt sein. 2025 nahm Mayer noch einmal Anlauf – und lief in ihrem letzten Karrierejahr so schnell wie nie zuvor. Im Juni 2025 stellte sie in Regensburg über 100 Meter in 11,10s mit 29 Jahren eine neue persönliche Bestzeit auf.
Wenige Monate später stand dennoch fest: Die WM in Tokio sollte ihre letzte große Bühne werden.
„Eine sau, sau, krasse Karriere“
Dort schloss sich für Mayer ein Kreis. Vier Jahre zuvor hatte sie Japan verletzt verlassen müssen, ohne bei den Olympischen Spielen einen einzigen Wettkampf bestreiten zu können. Nun kehrte sie zurück. Dieses Mal, um selbst zu bestimmen, wann Schluss ist.
Wie viel hinter diesen letzten 100 Metern steckte, wurde nach dem Rennen noch einmal deutlich. Gina Lückenkemper richtete emotionale Worte an ihre langjährige Weggefährtin: „Sie kann stolz auf sich sein, weil es eine sau, sau, krasse Karriere von ihr gewesen ist. Sich nach so vielen Rückschlägen immer wieder und immer wieder zurückgekämpft zu haben: Da ziehe ich meinen Hut vor.“ Als Mayer die Botschaft vorgespielt wurde, standen ihr Tränen in den Augen.
Lückenkemper trifft damit ziemlich genau den Kern dieser Karriere. Verletzungen kosteten Meisterschaften, Olympia-Starts und ganze Saisons. Immer wieder musste sie Pläne verwerfen, neu anfangen und sich zurückkämpfen. Doch einige ihrer größten Erfolge warteten gerade nach diesen Rückschlägen.
Der Leichtathletik ist sie auch nach dem Karriereende treu geblieben. Beim Sprintteam Wetzlar arbeitet sie unter anderem in der Öffentlichkeitsarbeit und Athletenbetreuung, außerdem gibt sie ihre Erfahrung als TV-Expertin und Co-Kommentatorin weiter. Die Perspektive hat sich verändert: Statt selbst im Startblock zu stehen, begleitet Mayer nun die Rennen anderer.
Lisa Mayer hat die Tartanbahn verlassen. Die Leichtathletik aber noch lange nicht.