Leon Glatzer schrieb 2021 deutsche Sport-Geschichte: Der heute 29-Jährige nahm bei den Olympischen Spielen in Tokio als einziger Deutscher bei der Premiere der Surf-Wettbewerbe teil und wurde im Shortboard-Wettbewerb 17. von 20 Teilnehmern.
Surf-Profi Leon Glatzer mit brutal ehrlichem Eingeständnis
Ein brutal ehrliches Eingeständnis
Das Surfen erlernte Glatzer in seiner frühen Jugend, als er mit seiner Mutter nach Pavones, ein kleines Fischerdorf in Costa Rica, zog. Rund 300 Leute bewohnten den Ort zum damaligen Zeitpunkt, wie der Surfer im SPORT1-Podcast „Deep Dive“ schildert.
„Es war die beste Zeit meines Lebens“
Geboren wurde Glatzer auf der hawaiischen Insel Maui, wohin seine Eltern zwei Jahre vor seiner Geburt ausgewandert waren. Zwei Jahre später trennten sich seine Eltern, mit seiner Mutter begann Glatzer ein neues Leben in Costa Rica. „Als wir damals in Pavones angekommen sind, war ich direkt Teil der Familie. Das ist heute immer noch so. Das ganze Dorf ist eine ganze Familie“, erzählt er.
Mit den Jahren entwickelte sich der gebürtige US-Amerikaner zu einem der talentiertesten Surfer der Welt und war 2021 Teil der Olympia-Premiere des Surfsports. Seine Popularität wuchs, Glatzer wurde zu einem gefragten Athleten.
„Die fünf Monate nach den Olympischen Spielen 2021 waren krass. Viele Medien und Sponsoren wollten etwas von mir. In den zwei Jahren danach war ich in über 75 Flugzeugen, ich war überall auf der Welt. Es war die beste Zeit meines Lebens“, verrät der Surfer. „Jeden Tag bin ich glücklich aufgewacht und musste über nichts denken. Jeden Tag hatte ich einen neuen Sponsor, die Verträge werden höher dotiert. Ich war überall eingeladen.“
Glatzer und der „Olympic Effect“
Auf Höhen folgen für gewöhnlich Tiefen, wie auch im Leben von Leon Glatzer. „Dann gab es einen Moment, in dem mein Körper und mein Gehirn gesagt haben, dass ich es nicht mehr kann. Das ist der ‚Olympic Effect‘, von dem alle sprechen. Man kann nicht mehr.“
Im SPORT1-Podcast „Deep Dive“ beschreibt der 29-Jährige, wie auf die „schönste Zeit“ seines Lebens mentale Probleme folgten und unbekannte Gefühle in ihm geweckt wurden.
„Wir waren auf den Kanarischen Inseln und hatten ein Trainingslager mit der deutschen Mannschaft. Ich hatte einen Raum mit all meinen Surfbrettern mit all meinen Traumsponsoren. Ich habe meine Teilnehmer-Medaille von den Olympischen Spielen in Tokio angeschaut und dachte: Ich bin überhaupt nicht glücklich.“
Auf einmal will Glatzer nicht mehr surfen
Das Surfen habe ihm von einem Tag auf den anderen keine Freude mehr bereitet, jeder neue Sponsoring-Termin wurde ihm zu viel. „Eigentlich will ich das hier alles nicht. Eigentlich möchte ich nach Hause gehen. Ich habe meine Familie und Kumpels lange nicht gesehen. Sie waren mir das ganze Leben sehr nah und ich konnte sie nicht sehen. Dann habe ich gesagt: Ich kann das nicht mehr und will das nicht mehr“, schilderte Glatzer seine Gefühlswelt.
„Meine Gedanken wurden sehr komisch. Ich hatte immer gedacht, dass ich niemals so denken würde, dass ich nicht mehr surfen will. Das hatte ich nie gedacht. Von einem Tag auf den anderen wollte ich das nicht mehr.“
Der Surfer verrät, dass er sogar seinen Coach angelogen habe, um nicht trainieren zu müssen. „Mein Coach ist zu mir gekommen und hat mich gebeten, zum Team zu kommen. Dann habe ich ihm gesagt, dass ich krank bin. Aber das war nicht wahr.“
Glatzer habe umgehend den Kontakt mit seinem Sportpsychologen Martin Walz aufgesucht. „Mein Sportpsychologe hat gesehen, dass ich Ruhe brauche. Er hat mir immer Essen gebracht und schließlich gesagt: Leon, du musst nach Hause gehen.“
Glatzer: „Warum hatte ich damals dieses Gefühl?“
Dies tat er auch. Der heute 29-Jährige kehrte nach Costa Rica zurück, auf das Surfen hatte er weiterhin keine Lust. In Pavones habe er wieder „die Welle gesehen und gedacht: Ich möchte nicht surfen.“ Heute blickt er mit Unverständnis auf seine schwere Zeit zurück. „Warum hatte ich damals dieses Gefühl? Es gibt keine logische Erklärung dafür“, sagt er.
Glatzer kämpfte sich aus seinem mentalen Loch heraus und intensivierte wenig später wieder sein Training. Eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2024 in Französisch-Polynesien blieb ihm jedoch verwehrt. „Die Qualifikation war sehr schlimm für mich. Einen Tag vor der Qualifikation habe ich etwas Falsches gegessen. Ich konnte überhaut nicht surfen, es war sehr schade.“
Sein großes Ziel: die Teilnahme an den olympischen Wettbewerben 2028 in Los Angeles.