Kommentar: Qualität kann auch Klopp nicht herzaubern

Kimmich reagiert auf Schweinsteiger
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Kimmich reagiert auf Schweinsteiger

Die Euphorie um Jürgen Klopp ist riesig. Doch der ernüchternde Auftakt zeigt: Auch der neue Bundestrainer kann die Probleme des deutschen Fußballs nicht einfach wegmoderieren. Vor allem eines nicht: fehlende Qualität. Ein Kommentar.

Vielleicht war es der ehrlichste Moment dieses Fehlstarts. Als Bastian Schweinsteiger nach der Niederlage gegen Griechenland von „Mittelmaß“ sprach, folgte kein großer Aufschrei. Joshua Kimmich widersprach nicht entschieden, Jonathan Tah ebenso wenig. Bemerkenswert für eine Mannschaft, die eigentlich zurück an die Weltspitze will. Und vielleicht auch ein erster Hinweis darauf, wie groß die Aufgabe für Jürgen Klopp tatsächlich ist.

Denn rund um die Nationalmannschaft herrscht seit seinem Amtsantritt eine Aufbruchsstimmung, wie es sie lange nicht mehr gegeben hat. Spieler schwärmen von seiner Energie, seiner Erfahrung, seiner Ansprache.

Von den Fans wird Klopp gefeiert, als hätte allein seine Verpflichtung die Kräfteverhältnisse im Weltfußball bereits verschoben. Bei jeder Selbstverständlichkeit erntet er großen Applaus. Doch die erste Woche zeigt: Auch Klopp kann keine Qualität herzaubern.

Klopp ist Bundestrainer – kein Zauberer

So groß Klopps Einfluss sein kann, so sehr er Spieler mitreißen und einer Mannschaft neues Leben einhauchen kann: Er kann nur mit dem arbeiten, was der deutsche Fußball derzeit hergibt. Und genau dort beginnt das eigentliche Problem. Der erhoffte Neuanfang ist personell nämlich weit weniger radikal als es die ersten Nominierungen vermuten ließen.

Im Kern stehen weiterhin jene Spieler auf dem Platz, die schon in den vergangenen Jahren Verantwortung getragen haben. Joshua Kimmich, Jonathan Tah, Nico Schlotterbeck, Florian Wirtz, Jamal Musiala oder Kai Havertz – die Namen sind prominent, die Leistungen im DFB-Trikot aber seit Jahren viel zu wechselhaft.

Im Verein top, im DFB-Team oft flop

Das ist besonders deshalb erstaunlich, weil viele von ihnen Woche für Woche beweisen, dass sie es besser können. Im Verein funktionieren sie in klaren Strukturen, neben internationalen Topspielern und in eingespielten Systemen.

Im Nationalteam gelingt es dagegen viel zu selten, aus diesen Einzelspielern eine Mannschaft zu formen, die einen Gegner über 90 Minuten beherrscht. Das ist jetzt Klopps Aufgabe. Aber es wäre ein gewaltiger Irrtum, zu glauben, er müsse dafür nur ein paar emotionale Ansprachen halten und seinen berühmten Fußball auf die Mannschaft übertragen.

DEINE MEINUNG

Wo soll die Qualität herkommen?

Denn hinter der ersten Reihe wird es schnell dünn. Deutschland hat viele gute Bundesligaspieler. Spieler, die auf hohem nationalem Niveau bestehen können. Doch für die Ansprüche einer deutschen Nationalmannschaft muss eine andere Frage gestellt werden: Wie viele Akteure gibt es, die auf internationalem Topniveau Spiele entscheiden können?

Die Antwort fällt deutlich ernüchternder aus als noch bei früheren DFB-Generationen.

Genau deshalb wird es auch keinen großen personellen Kahlschlag geben können. Klopp kann nicht einfach fünf oder sechs etablierte Nationalspieler aussortieren und durch bessere ersetzen. Diese besseren Alternativen drängen sich vielerorts schlicht nicht auf. Das macht seinen Auftrag so kompliziert.

Klopp hat noch viel Arbeit vor sich

Natürlich wäre es trotzdem zu einfach, die schwachen Auftritte ausschließlich auf mangelnde individuelle Klasse zu schieben. Diese Mannschaft besitzt genügend Qualität, um deutlich besseren Fußball zu spielen. Nach wenigen gemeinsamen Trainingstagen fehlen Automatismen, Laufwege und das blinde Verständnis. All das braucht Zeit.

Und genau das ist vielleicht die beste Nachricht: Klopp steht erst am Anfang.

Er kann dieser Mannschaft eine Identität geben. Er kann Rollen klarer verteilen, Spieler besser einsetzen und aus Einzelkönnern wieder eine Einheit formen. Vielleicht schafft er es sogar, jene Selbstverständlichkeit zurückzubringen, die der Nationalmannschaft über Jahre verloren gegangen ist. Nur sollte niemand glauben, dass der Name Klopp allein Deutschland wieder zum Titelkandidaten macht.

Die erste Woche war deshalb womöglich heilsamer, als es zwei überzeugende Siege gewesen wären. Die anfängliche Euphorie bekommt einen Schuss Realität verpasst. Und es zeigt: Klopp ist kein Zauberer.

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