Eine Ikone des deutschen Sports: Er toppte selbst Franz Beckenbauer

von SID
Eine Ikone des deutschen Sports: Er toppte selbst Franz Beckenbauer

Er stach Franz Beckenbauer als Deutschlands Sportler des Jahres aus - und das im Weltmeister-Jahr 1974. Eberhard Gienger wurde heute vor genau 52 Jahren zu einer deutschen Sportlegende.

Der 27. Oktober 1974 war die Geburtsstunde einer deutschen Sportlegende. An diesem Tag wurde ein Schwabe zum Liebling der Massen: Eberhard Gienger.

Das Ansehen des Turners Eberhard Gienger auf dem Höhepunkt seiner Karriere lässt sich gut an dem Ergebnis der Wahl zum Sportler des Jahres 1974 bemessen: Deutschland wurde gerade Fußballweltmeister im eigenen Land, aber nicht Kapitän Franz Beckenbauer bekam die hohe Auszeichnung, sondern Gienger, der es den Fußballern wenige Monate später gleich tat. Doch dazu später mehr.

Vor Gienger lag das deutsche Turnen am Boden

Geboren wurde Gienger am 21. Juli 1951 in Künzelsau. In seiner Heimatgemeinde führte eine schicksalhafte Begegnung zu seiner Sportkarriere. Das deutsche Turnen lag damals am Boden, bei Olympia 1964 in Tokio war die Bundesrepublik weit abgeschlagen. Da entdeckte der als „Turnopa“ bezeichnete Otto Zippies das Talent des Jungen.

Er förderte ihn und machte ihn so fit, dass er 1968 deutscher Jugendmeister wurde. Kurz darauf ging Gienger nach Frankfurt am Main in ein damals neu geschaffenes Turnerinternat. Gienger machte Abitur, trainierte täglich aber vier bis sechs Stunden.

Das harte Training zahlte sich aus: Gienger wurde 1971 erstmals Deutscher Meister. Bis 1981 holte er 36 Meistertitel in Turndisziplinen und war damit lange Rekordhalter, erst sein nicht minder populärer Nachfolger Fabian Hambüchen (auch ein Reck-Superstar) konnte ihn ablösen. Dreimal wurde Gienger an seinem Paradegerät Reck Europameister, 1976 holte er Olympia-Bronze.

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WM-Titel 1974 als Krönung

Über allem steht aber der Weltmeistertitel von 1974 im bulgarischen Varna – natürlich ebenfalls am Reck. In dem unfassbar spannenden Wettkampf setzte sich Gienger mit nur 0,05 Punkten Vorsprung gegen Wolfgang Thüne aus der DDR durch, dessen Landsmann Bernd Jäger zeigte erstmals den nach ihm benannten Jägersalto, wurde aber trotzdem hauchdünn Fünfter, denn zwei Kontrahenten teilten sich in dem hochklassigen Finale den Bronzeplatz.

Gienger war plötzlich ein Superstar, wurde Sportler des Jahres und trat in Fernsehshows auf. Daneben entwickelte er 1977 den Gienger-Salto, der bis heute zu den Standardelementen am Königsgerät der Turner zählt. Gienger war weit außerhalb des Sports bekannt und häufig Gast in Radio- und Fernsehsendungen.

Eberhard Gienger gewann 1974 WM-Gold am Reck
Eberhard Gienger gewann 1974 WM-Gold am ReckEberhard Gienger gewann 1974 WM-Gold am Reck© IMAGO/WEREK

Fluchthelfer für DDR-Konkurrenten

1980 platzte sein Traum von Olympia-Gold, weil die westlichen Staaten die Olympischen Spiele in Moskau boykottierten. Als einer der Athletenvertreter war Gienger damals an Gesprächen mit Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) beteiligt, der den Sportlern die weltpolitische Situation erläuterte. Wie Gienger später sagte, war dieser tiefe Einblick einer der Gründe für seine eigenen politischen Ambitionen.

Gienger hatte im Ost-West-Konflikt 1975 schon selbst Courage gezeigt: Damals schmuggelte er bei der Europameisterschaft in Bern seinen DDR-Konkurrenten Thüne im Auto in den Westen. Die Fluchthilfe hielten beide lange Zeit geheim, damit Gienger nicht für Wettbewerbe im Osten gesperrt wird – erst lange nach der Wende wurde sie bekannt.

Eberhard Gienger auch mit 75 noch topfit

Dass Gienger auch im fortschreitenden Alter topfit ist, demonstrierte er in diesem Jahr kurz vor seinem 75. Geburtstag bei den nationalen Spielen der Special Olympics. Bei der Eröffnungsfeier schwebte er im Juni als Fallschirmspringer in das Saarbrücker Ludwigsparkstadion ein – das Fallschirmspringen ist seit vielen Jahren das Hobby von „Ebse“, so sein Spitzname.

Eberhard Gienger landete als Fallschirmspringer auch schon im Stadion des VfB Stuttgart
Eberhard Gienger landete als Fallschirmspringer auch schon im Stadion des VfB StuttgartEberhard Gienger landete als Fallschirmspringer auch schon im Stadion des VfB Stuttgart© IMAGO/Pressefoto Baumann

1991 konnten sich viele Millionen Fernsehzuschauer davon überzeugen: Gienger trat damals als Kandidat bei „Wetten, dass..?“ an. Er wollte nach einem Fallschirmsprung aus einem Hubschrauber an einem Reck landen und einen Salto drehen – Gienger verpasste aber das Reck um Zentimeter und verlor die Wette.

Giengers Namen musste Moderator Thomas Gottschalk damals nicht besonders erklären – auch Jahre nach seiner Sportkarriere und noch Jahre vor seiner Politikerkarriere war er bekannt.

Zweite Karriere als CDU-Politiker

Gienger zog nach einer Tätigkeit im Sportmarketing und neben diversen Aufgaben als Sportfunktionär 2002 erstmals für die CDU in den Bundestag ein. Bis zur Bundestagswahl 2021 blieb er Abgeordneter und konnte stets seinen Wahlkreis Neckar-Zaber direkt gewinnen, heute sitzt er noch im Gemeinderat in Künzelsau.

Eberhard Gienger und Frau Sybille am Wochenende bei einem Theaterbesuch in Worms
Eberhard Gienger und Frau Sybille am Wochenende bei einem Theaterbesuch in WormsEberhard Gienger und Frau Sybille am Wochenende bei einem Theaterbesuch in Worms© IMAGO/Future Image

Im Bundestag machte sich der verheiratete Vater von drei erwachsenen Söhnen vor allem bei Belangen rund um den Sport einen Namen. Sein großes Ziel blieb aber ohne Umsetzung: Gienger plädierte für eine tägliche Sportstunde an allen Schulen.

Ganz nach dem auch von ihm immer wieder verbreiteten alten Turnermotto: „Von der Wiege bis zur Urne, turne, turne, turne.“