Wird Vettel Opfer einer Intrige?

Wird Vettel Opfer einer Intrige?

Für Sebastian Vettel läuft es bei Aston Martin nicht rund. Wird der Deutsche bei seinem neuen Team sogar Opfer einer Intrige? SPORT1 geht der Frage auf den Grund.
Im AvD Motor & Sport Magazin äußert sich Teambesitzer Hubert Haupt zur aktuellen Situation von Sebastian Vettel bei Aston Martin und bietet ihm mit einem kleinen Augenzwinkern eine Option für seine Zukunft an.
Teambesitzer macht Vettel ein Angebot
00:56
Ralf Bach
von R. Bach
am 6. Mai

Es war ein kleiner Satz mit großer Wirkung. Der Teamkollege hätte neue Teile am Auto, gab Aston-Martin-Pilot Sebastian Vettel (33) nach dem freien Training zum Großen Preis von Portugal zum Besten. (Alle Rennen der Formel 1 im LIVETICKER)

Was er meinte: Seine Mannschaft hatte das für das kommende Rennen in Spanien geplante Update vorgezogen. (Formel 1: Spanien-GP, Sonntag ab 15 Uhr im SPORT1-Liveticker)

Doch die neuen Teile reichten nur für ein Auto – für das von Vettels Teamkollege Lance Stroll (22).

Clevere Medien fingen den Nebensatz natürlich auf. Muss sich Vettel etwa in die Dienste seines Teamkollegen stellen? Das war die Frage, die sinngemäß beispielsweise der Kölner Express stellte. Zumal der junge Kanadier auch noch der Sohn des Teambesitzers Lawrence Stroll (61) ist. 

Kolles: Stroll und Wolff gefährlich für Vettel

Das Kölner Blatt zitierte als Zeuge der Anklage Ex-Formel-1-Teamchef Dr. Colin Kolles (53). Der Münchner hatte im AvD Motor und Sport Magazin auf SPORT1entsprechende Andeutungen gemacht.

"Der Vettel wurde doch nur verpflichtet, damit Lance Stroll besser aussieht. Der Herr Stroll will seinen Sohn zum Weltmeister machen. Ich bin der Meinung, dass die Kombination Stroll/Wolff eine sehr gefährliche Kombination für Sebastian Vettel ist. Da spielen viele Faktoren im Hintergrund mit rein."

Die Sätze haben deshalb Brisanz, weil der Zahnarzt von Ende 2005 bis 2009 Teamchef des Vorgängerteams von Aston Martin war und immer noch enge Kontakte zur Belegschaft des in Silverstone angesiedelten Teams hat. (Rennkalender der Formel 1 2021)

Colin Kolles, ehemaliger F1-Teamchef von u.a. Force India, straft Toto Wolffs Charakter im AvD Motor & Sport-Magazin ab.
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"Schoßhündchen!" - Wutrede zu Toto Wolff im Video

Kolles: Vettel nur "Erfüllungsgehilfe" für Stroll

SPORT1 fragte deshalb noch einmal bei Kolles nach. Der wird konkreter.

"Man muss die Historie sehen", erklärt Kolles: "Lawrence Stroll hat jedes Team immer nur für seinen Sohn gekauft. Das fing schon in den Nachwuchsklassen an. Stroll will seinen Sohn gut aussehen lassen, er will ihn am Ende zum Weltmeister machen. Die Teamkollegen waren immer nur Erfüllungsgehilfen. Das gilt jetzt auch für Sebastian Vettel."

Eine These, die sogar von Ex-F1-Pilot David Coulthard gestützt wird. "Ich frage mich, ob nicht eine Marke aufgebaut werden soll. Nicht Aston Martin, sondern Lance Stroll. Wenn er Vettel schlägt, dann rechtfertigt das, warum er ein zukünftiger Weltmeister sein soll", sagt der Schotte.

Darum ist Aston Martin so abgestürzt

Auch für den Absturz des Aston-Martin-Teams in dieser Saison hat Colin Kolles eine Erklärung. (Fahrerwertung der Formel 1)

Hintergrund: Im vergangenen Jahr belegte das 2020 noch unter dem Namen Racing Point angetretene Team des kanadischen Milliardärs Platz vier in der Konstrukteurswertung, gewann mit dem mittlerweile zu Red Bull gewechselten Mexikaner Sergio Perez sogar das zweite Rennen in Bahrain.

Kolles: "Früher durften die Ingenieure dort selbst entwickeln. Sie hatten wenig Budget, waren sehr jung, sehr effizient, sehr motiviert und zum Teil auch sehr innovativ. Seit Stroll das Sagen hat ist das anders. Er hat letztes Jahr alles bei Mercedes eingekauft. Ich meine alles."

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Stroll-Mentalität sorgt für Ärger bei Aston Martin

Grund dafür sei auch die enge Freundschaft mit Mercedes-Teamchef Toto Wolff, der auch Vettel zum Aston Martin-Deal geraten hat.

Kolles: "Beim 2020er Auto haben sie den Mercedes aus dem Vorjahr (2019; Anm. d. Red.) fast 1:1 kopiert. Dabei wollten die Ingenieure eigentlich ein anderes Auto bauen, einen Wagen mit stark angestelltem Heck wie beim Red Bull – denn nach dieser Philosophie hatte das Team die Autos seit Jahren gebaut." Heißt: Darin waren sie Spezialisten. 

Kolles weiter: "Stroll wollte und will aber nur eine Mercedes-Kopie haben, weil das für ihn der einfachste Weg scheint, seine Ziele zu erreichen. Damit hat er offensichtlich seinen eigenen Leuten das Vertrauen entzogen. It is only my way or no way, das ist Strolls Mentalität."

"Viel Unmut im Team" bei Aston Martin

Fakt ist: 2020 hat das funktioniert.

Zwar wurde Racing Point fürs teilweise illegale Kopieren mit Punktabzug und einer Geldbuße bestraft, trotzdem durfte die Mannschaft das Auto die gesamte Saison lang einsetzen und holte mit dem abgekupferten Weltmeister-Mercedes aus 2019 sogar einen Sieg und WM-Rang vier – knapp hinter McLaren.

Das Problem: Für 2021 wurden die Regeln geändert – und die daraus resultierenden Einschnitte am Unterboden benachteiligen ausgerechnet jene Autos mit niedrigem Heck – wie Mercedes und nun eben auch Aston Martin. Mercedes kommt damit klar, Aston Martin nicht. 

Die Folge, so der ehemalige Force India-Teamchef: "Die Ingenieure können mit dem Auto, das sie ja gar nicht wollten, nichts anfangen. Sie sind extrem demotiviert und hängen jetzt in der Luft. Das führt zu viel Unmut im Team."

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Vettel macht gute Miene zum bösen Spiel

Die Ergebnisse sind entsprechend ernüchternd. Sebastian Vettel hat nach drei Rennen noch keinen Punkt auf seinem Konto, Teamkollege Stroll schneidet etwas besser ab. Doch auch seine fünf Zähler sind eine Enttäuschung, geht man von Aston Martins Ansprüchen aus, dritte Kraft zu sein.

Statt aufzuholen entwickelt sich die Nobelmarke nach hinten. Im Rennen in Portugal waren die Briten aus Silverstone das drittschlechteste Team. Eine Besserung ist kaum in Sicht.

Und wie geht Sebastian Vettel damit um? Der Heppenheimer freut sich offiziell über das Update, das in Barcelona am kommenden Wochenende auch auf sein Auto geschraubt wird.

"Ich habe nächstes Wochenende ein paar neue Teile am Auto, von denen wir denken, dass sie ein Schritt in die richtige Richtung sind", sagt Vettel. "Hoffentlich können wir damit etwas konkurrenzfähiger sein."

Der Hesse macht gute Miene zum möglicherweise bösen Spiel. Noch.