Es muss sich für Toto Wolff wie ein Déjà-vu anfühlen. Wie der Rückfall in alte Zeiten, die er glaubte, längst hinter sich gelassen zu haben. Krieg der Sterne, Silberfeinde – diese beiden Begriffe stehen eigentlich für eine andere Epoche aus der Mercedes-Historie in der Formel 1. Für das Hass-Duell zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg in den Jahren 2014 bis 2016, das damals vor allem ein Mann managen musste: der Mercedes-Teamchef.
Formel 1: Droht jetzt der nächste Silberpfeil-Krieg?
Droht der nächste Silberpfeil-Krieg?
Doch genau diese beiden Schlagworte sind nun zurück im Vokabular der Formel-1-Journalisten. Schon beim fünften Rennen der Saison in Montreal bekam Wolff eine Kostprobe davon, wie sich das Storyboard zu „Zurück in die Zukunft“ im Kontext der Silberpfeile anfühlt.
Konkret: Mercedes dominiert wieder die Formel 1, doch gleichzeitig entwickelt sich zwischen George Russell und Kimi Antonelli ein teaminternes Duell mit enormem Konfliktpotenzial. Und wer Toto Wolff gut kennt, sieht ihm an: Die Erinnerung an die explosiven Jahre zwischen Hamilton und Rosberg ist wieder lebendig.
Antonelli gegen Russell: Mercedes erlebt alte Geister
Zur Erinnerung an den spannenden Großen Preis von Kanada: In Montreal liefern sich Russell und Antonelli über viele Runden ein beinhartes Duell. Mehrfach überholen sich die beiden gegenseitig, fahren Rad an Rad und schenken sich keinen Zentimeter, nachdem sie im Sprint bereits beinahe kollidiert wären.
Für Fans ist das pures Spektakel. Für Wolff dagegen eher ein Wechselbad der Gefühle. „Mir ist über viele Runden heiß geworden. Ich hätte mir gewünscht, dass sie ein bisschen rausnehmen, aber das ist dann nicht passiert. So sind Rennfahrer“, gibt der Mercedes-Teamchef später unumwunden zu.
2014 begann bei Mercedes alles ähnlich harmlos. Damals liefern sich Hamilton und Rosberg zunächst faire, spektakuläre Kämpfe. Doch aus der Rivalität entwickelt sich schnell einer der größten teaminternen Konflikte der modernen Formel-1-Geschichte.
Belgien 2014, Spanien 2016 oder Österreich 2016 werden später zu Sinnbildern des Silberpfeil-Kriegs. Ein kleiner Funke hatte damals das Feuer entzündet, als Hamilton sich in Bahrain und Barcelona 2014 nicht an die konkreten Vorgaben zur Motoreinstellung gehalten hatte.
Und 2026? Im Sprint von Montreal drückt Russell so egoistisch in die Wiese, dass sich der bislang wie ein lieber Welpe daherkommende Italiener kaum zu beruhigen weiß. Es ist das Manöver, das Teil II des Kriegs der Sterne ausgelöst haben könnte.
Toto Wolff will keinen neuen Stallkrieg
Dabei wollte der Wiener Wolff solche Szenen eigentlich aktiv vermeiden. Nach Rosbergs Rücktritt 2016 stellte er Hamilton stets bequeme Beifahrer zur Seite. Erst Valtteri Bottas anstelle des damaligen Mercedes-DTM-Shootingstars Pascal Wehrlein, von dem er selbst eins im vertrauten Gespräch sagte, der sei zu gut für den zweiten Mercedes. Später folgte Russell als lernwilliger Schüler an der Seite des großen englischen Weltmeisters Hamilton.
Doch jetzt sitzt Wolff plötzlich wieder mitten im gleichen Film. Nur diesmal kann Mercedes die beiden Silberfeinde deutlich schwerer einbremsen. Anders als zu Hamilton-Rosberg-Zeiten sitzt die Konkurrenz direkt im Nacken. Jeder teaminterne Fehler könnte sofort WM-Punkte kosten.
Zwar geben sich Russell und Antonelli aktuell noch entspannt und kollegial. Doch auf der Strecke wird längst gefightet als ginge es um Leben und Tod. Logisch: Beide wollen Weltmeister werden.
Antonelli wirkt wie der neue Hamilton
Besonders auffällig: Immer wenn Antonelli in Russells Rückspiegel auftaucht, gerät der Brite massiv unter Druck. Auch Ralf Schumacher hat das bemerkt: „Kimi macht das extrem abgeklärt. Er hat George immer wieder in Fehler getrieben.“
Der Sky-Experte ist so begeistert vom WM-Leader, dass er im Italiener sogar das Potenzial für eine ganz große Karriere sieht: „Er war der schnellere Mann. Das muss man in so jungen Jahren erst mal schaffen. Wenn das so weitergeht, haben wir da vielleicht irgendwann einen Nachfolger von Max Verstappen.“
Für Wolff gilt es derweil, die schwierige Balance zu wahren. Sich einerseits über die Erfolgsserie des Youngsters zu freuen, andererseits den angeknockten Routinier mental zu stützen.
Gut für diesen Drahtseilakt: Russells technisch bedingter Ausfall hat zumindest in Kanada etwas Druck aus rausgenommen. Doch auch in der Neuauflage der Silberfeinde ist ein angezählter Rennfahrer ein gefährlicher Rennfahrer. Und Wolff ist klar: Wenn er seine Fahrer zu früh an die kurze Leine nimmt, nimmt er der Formel 1 genau das, was sie gerade dringend braucht – echte Helden-Duelle ohne Stallorder.
Der Mercedes-Teamchef weiß das alles aus einer längst vergangenen Zeit. Immerhin: Auch damals ist Mercedes in allen drei Jahren Weltmeister geworden. Und die Fans hatten ihren Spaß. Das allein zählt.