Kurz vor der Sommerpause steckt die Formel 1 in einer ihrer größten Reglementskrisen seit Jahren. Nicht spektakuläre Duelle oder fahrerisches Können bestimmen derzeit die Schlagzeilen, sondern leere Batterien. Vor allem die Rennen in Silverstone und Spa-Francorchamps haben schonungslos offengelegt, wie sehr das neue Hybrid-Reglement den Sport verändert hat. Es war ein Offenbarungseid.
Die Empörung im Inneren der Formel 1 wächst
Die Empörung wächst
Kein Wunder, dass die Kritik immer lauter wird. Nach den Rennen in Silverstone und Spa-Francorchamps steht das technische Reglement massiv in der Kritik. Fahrer, Experten und Fans sind sich ungewöhnlich einig: Das Energiemanagement der Hybridantriebe hat inzwischen einen so großen Einfluss auf die Rennen, dass fahrerisches Können häufig in den Hintergrund rückt.
Formel 1: Hybrid-Motoren sorgen für Ärger
Die Verantwortlichen der Königsklasse dürften die vierwöchige Sommerpause nach dem Grand Prix von Ungarn deshalb mehr als begrüßen. Denn zuletzt sorgten die neuen Regeln vor allem für Frust.
Das Problem: Der Elektromotor liefert in dieser Saison rund 50 Prozent der gesamten Antriebsleistung. Ist die Batterie leer, fehlt dieser Leistungsschub und das Auto wird auf den langen Geraden praktisch wehrlos.
Besonders in Silverstone und Spa war das deutlich zu sehen. Fahrer mit leerem Akku wurden förmlich stehen gelassen. Formel-1-Routinier Fernando Alonso fand dafür deutliche Worte: „Es ist fast so, als würde man parkende Autos überholen. Das hat mit Rennfahren nichts mehr zu tun. Wer es mag …“
Auch Sky-Experte und Ex-Formel-1-Pilot Martin Brundle sieht die Entwicklung äußerst kritisch. „Ehrlich gesagt glaube ich, dass sich alle schwertun, das wirklich zu begreifen. Mir kommen fast die Tränen. Wir haben in Silverstone all die großartigen Hochgeschwindigkeitskurven verloren und standen in Spa vor dem gleichen Problem. Diese Regeln schaden der Formel 1 auf schnellen Strecken. Dieses Konzept muss so schnell wie möglich geändert werden“, kritisiert der ehemalige Teamkollege von Michael Schumacher.
Antonelli findet es „verrückt“
Granden wie Fernando Alonso und Max Verstappen hatten bereits vor den Rennen in Silverstone und Spa vor den Folgen des neuen Reglements gewarnt. Nach ersten Simulatorfahrten sagte der Weltmeister aus den Niederlanden sogar, er habe nur noch „lachen“ können, als ihm klar wurde, wie viel langsamer die Autos auf schnellen Strecken unterwegs sein würden.
In Spa erlebte er das Problem am eigenen Leib. Nachdem er zunächst die Führung übernommen hatte, verlor er wegen des Energiemanagements sofort wieder an Boden.
Verstappen berichtet ironisch: „Ich bin durch Eau Rouge gefahren, habe auf den Batteriestand geschaut und gedacht: Das wird eine schwierige Fahrt nach Les Combes. Ich wusste, dass Kimi vorbeikommen würde. Dann schaue ich in den Spiegel und sehe nur noch eine rote Rakete auf mich zukommen. Ich dachte nur: Wenn ich jetzt die Linie wechsle, endet das in einem schweren Unfall. Dann fliegt der Ferrari wie ein Flugzeug durch die Ardennen.“
Selbst Sieger Kimi Antonelli war von den extremen Geschwindigkeitsunterschieden überrascht. „Es war verrückt. Max ist vor Eau Rouge an mir vorbeigeflogen und kurz darauf habe ich ihn wieder überholt. Dann war plötzlich Charles Leclerc fast neben mir. Ich dachte nur: Was zum Teufel passiert hier? Ich hatte überhaupt keine Ahnung.“
Vorerst keine Regeländerungen in Sicht
Für viele Experten kommt jede Reform zu spät. Zwar wird das Reglement ab 2027 leicht angepasst, am Grundprinzip mit dem dominierenden Energiemanagement ändert sich jedoch zunächst nichts. Erst für 2031 könnte eine größere Wende folgen. FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem brachte zuletzt sogar eine Rückkehr zu V8-Motoren ins Spiel. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist allerdings offen.
Immerhin könnte der Grand Prix von Ungarn für etwas Entspannung sorgen. Der winklige Hungaroring mit seinen vielen langsamen Kurven stellt deutlich geringere Anforderungen an das Batteriemanagement als Hochgeschwindigkeitsstrecken wie Silverstone oder Spa.
Die Formel 1 kann deshalb nur hoffen, dass sie sich mit einem spannenden Rennen in die Sommerpause verabschiedet. Denn zuletzt bestimmten nicht spektakuläre Zweikämpfe die Schlagzeilen, sondern leere Batterien. Auf dem Hochgeschwindigkeitstempel in Monza Anfang September dürfte das Thema allerdings sofort wieder aktuell werden – wenn die besten Rennfahrer der Welt erneut das Gefühl haben, auf den Geraden an parkenden Autos vorbeizufahren.