Es gibt wenig, was Moritz Müller im Eishockey noch nicht erlebt hat. Seit 23 Jahren trägt er das Trikot der Kölner Haie, hat 1160 DEL-Spiele bestritten, mit der Nationalmannschaft an zwölf Weltmeisterschaften teilgenommen und bei den Olympischen Spielen 2018 sowie der WM 2023 jeweils Silber gewonnen. Doch die vergangenen Wochen sind selbst für den 39 Jahre alten Routinier außergewöhnlich gewesen.
Draisaitl? "Vielleicht der größte deutsche Sportler unserer Zeit"
Eine Legende will es nochmal wissen
Nach unglaublichen 18 Siegen aus den vergangenen 19 Spielen führt Müller, der noch nie Meister wurde, die Tabelle mit den Domstädtern an – und hat sich zugleich einen persönlichen Traum erfüllt: seine mittlerweile dritte Olympia-Teilnahme. Anfang Januar berief ihn der Deutsche Eishockey-Bund in den Kader für die Spiele in Mailand und Cortina. SPORT1 hat sich mit ihm darüber ausgetauscht.
SPORT1: Herr Müller, die Kölner Haie stehen nach beeindruckenden Wochen an der Tabellenspitze. Zugleich werden Sie sich noch einmal den Traum von Olympia erfüllen. Fühlt sich diese Saison für Sie wie etwas Besonderes an – vielleicht sogar wie die Saison Ihres Lebens?
Moritz Müller: So weit würde ich nicht gehen. Aber es ist definitiv eine Saison, die mir sehr großen Spaß macht. Allein mit den Haien: Nach schwierigen Jahren sind wir drangeblieben, haben an unseren Weg geglaubt. Jetzt zu sehen, dass sich das auszahlt, ist natürlich schön. Der Verein steht für mich wieder da, wo er hingehört. Gleichzeitig wissen wir, dass das eine Momentaufnahme ist, keine Selbstverständlichkeit. Ich genieße diese Wochen – gerade mit den Olympischen Spielen vor der Tür. Es ist eine aufregende Zeit.
Müller: „Ich habe mit den Haien einige Täler durchschritten“
SPORT1: Sie bestreiten Ihre 23. Spielzeit in Köln. Worin unterscheidet sich die aktuelle Mannschaft von früheren Haie-Teams?
Müller: Wir haben mit Kari Jalonen schon in der vergangenen Saison einen sehr wichtigen Grundstein gelegt. Ich halte ihn für einen extrem kompetenten Trainer, ebenso sein gesamtes Team. Darüber hinaus hat sich die Organisation der Haie Jahr für Jahr selbst hinterfragt und weiterentwickelt. Und im Sommer wurden dann sehr gezielt die richtigen Ergänzungen für unseren Kader gefunden.
SPORT1: Vor der Saison war lange offen, ob Sie überhaupt weitermachen würden. Was hat letztlich den Ausschlag gegeben?
Müller: Dass ich gesehen habe, wie vieles in die richtige Richtung läuft. Ich habe mit den Haien auch einige Täler durchschritten, aber immer an unseren Weg geglaubt. Heute bin ich sehr froh, dass ich diese Entscheidung so getroffen habe.
SPORT1: Neulich sagte ein Kommentator: „Moritz Müller kennt alles – außer Deutscher Meister werden.“ Fehlt Ihrer Karriere noch ein Titel?
Müller: Man könnte stattdessen ja auch sagen, dass eine WM- und eine Olympiamedaille mit Deutschland nicht ganz so verkehrt sind. Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass ich das einmal erleben darf? Klar fehlt mir der Meistertitel. In den Phasen, in denen es für Köln nicht lief, hätte ich den Klub auch verlassen können. Sollte es am Ende meiner Karriere dennoch nicht geklappt haben, würde ich trotzdem nicht sagen, ich wäre lieber ein Jahr woanders gewesen, nur um einmal Meister zu werden. Dann nehme ich lieber diese 23 Jahre in Köln. Manchmal gibt es im Sport Dinge, die wichtiger sind als Titel – darüber definiere ich mich nicht.
SPORT1: Sie sind nicht nur Kapitän der Kölner Haie, sondern auch der Nationalmannschaft. Mitte Februar beginnen in Mailand Ihre dritten Olympischen Spiele. Ist Olympia das Größte, was ein Eishockeyspieler erreichen kann?
Müller: Das ist für jeden individuell. Für mich ist Olympia definitiv etwas sehr Großes. Seit ich denken kann, hatten Olympische Spiele etwas Mystisches. Sie galten als das Höchste, was man als Sportler erreichen kann. Natürlich kann man auch sagen, die NHL oder der Stanley Cup seien noch größere Ziele. Aber Olympia hatte für mich immer einen besonderen Zauber.
Müllers Erinnerungen an sensationelles Olympia-Silber
SPORT1: Sie waren schon Teil des legendären Silber-Teams von Pyeongchang 2018. Erinnern Sie sich noch daran, was Ihnen im Finale gegen Russland nach 57:49 Minuten durch den Kopf ging?
Müller: Nicht viel. Es war ein einziger Kampf, ein Durchbeißen. In solchen Momenten versucht man nur noch zu funktionieren und alles andere auszublenden. Es lief unglücklich: Zu diesem Zeitpunkt lagen wir in Führung, bekamen sogar noch ein Powerplay – und kassierten ausgerechnet in eigener Überzahl den Ausgleich. Am Ende die Niederlage in der Overtime. So ist der Sport. In Bruchteilen von Sekunden wird enorm viel entschieden. Ich weiß aber noch, dass ich das Finale generell sehr genossen habe. Überhaupt dort angekommen zu sein, fühlte sich fast surreal an.
SPORT1: Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich über Silber freuen konnten?
Müller: Der Frust war die ersten Augenblicke auf jeden Fall da, weil man plötzlich so nah an Gold war. Einigen fiel es leichter als mir, die waren direkt danach schon in Partylaune. Relativ schnell kam aber auch bei mir die Freude über das Erreichte zurück.
SPORT1: Nach Pyeongchang 2018 und Peking 2022 erleben Sie nun erstmals Olympische Winterspiele in Europa – ist die Vorfreude diesmal noch größer?
Müller: Würde ich schon sagen, ja. Ich war zweimal in Asien, und nichts gegen diese Winterspiele, aber gerade in Peking war durch die Covid-Zeit vieles sehr stark eingeschränkt. Jetzt finden die Spiele quasi vor der Haustür statt. Meine Familie wird dabei sein, das bedeutet mir extrem viel. Und Eishockey wird in Europa generell einfach anders wahrgenommen – das spürt man bereits im Vorfeld.
SPORT1: Zum ersten Mal seit 2014 nehmen wieder NHL-Profis an den Winterspielen teil. Ist unter diesen Voraussetzungen erneut eine Medaille möglich?
Müller: Die deutsche Mannschaft hatte vermutlich noch nie so viel Qualität. Es gibt inzwischen viele deutsche Spieler mit tragenden Rollen in der NHL – das war früher anders. Das gilt allerdings auch für andere Nationen. Realistisch betrachtet zählen wir nicht zu den Favoriten. Kanada, die USA, Finnland oder Schweden verfügen fast ausschließlich über NHL-Kader und haben von den Namen her die stärkeren Teams. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir uns nicht verstecken müssen. Alles Weitere ist Turniergeschichte – mit all ihren Unwägbarkeiten.
„Das deutsche Eishockey hatte lange ein Aschenputtelkomplex“
SPORT1: Das Ansehen der deutschen Nationalmannschaft hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Anspruch und internationale Wahrnehmung sind gestiegen.
Müller: Für mich begann dieser Weg schon mit Marco Sturm (Bundestrainer von 2015 bis 2018). Er hat der Mannschaft vermittelt, an sich zu glauben. Das deutsche Eishockey hatte lange eine Art Aschenputtelkomplex. Deutsche Spieler hatten in ihren Ligen oft keine prägenden Rollen, vieles war personell und kulturell stark nordamerikanisch geprägt. Entsprechend gering war das Selbstvertrauen. Mit Sturm kam ein neues Selbstverständnis, das später von Toni Söderholm und Harold Kreis konsequent weiterentwickelt wurde.
SPORT1: Jetzt hat Deutschland Olympia-Silber 2018 und WM-Silber 2023 gewonnen – und mit Leon Draisaitl einen der besten Spieler der Welt. Wird er hierzulande noch immer unterschätzt?
Müller: Auf jeden Fall. Das ist schon ein Phänomen. Wenn man mit Leon durch Köln läuft, erkennen ihn viele gar nicht. Dabei ist er einer der größten deutschen Sportler unserer Zeit, vielleicht sogar der größte. Deutschland ist sehr fußballzentriert. In Nordamerika ist die Sportlandschaft breiter, dort bekommen unterschiedliche Sportarten Aufmerksamkeit, sie finden im Fernsehen statt. Bei uns dominiert oft der Fußball. Umso wichtiger sind Spieler wie Leon, die unserem Sport Sichtbarkeit verschaffen.
SPORT1: Neben Draisaitl trumpfen inzwischen immer mehr Deutsche in der NHL auf. Moritz Seider, Tim Stützle und JJ Peterka zum Beispiel. Steht die Entwicklung erst am Anfang?
Müller: Schwer zu sagen. Leon ist ein Ausnahmespieler, auch geprägt durch seinen Vater. Solche Karrieren lassen sich nicht planen – die gibt es vielleicht alle zehn oder zwanzig Jahre. Auch bei den anderen ist nicht sicher, ob es dauerhaft so weitergeht. Dafür muss sehr viel zusammenpassen. Ich hoffe es sehr, Garantien gibt es aber keine.
So will Müller dem Olympiateam helfen
SPORT1: Dennoch scheint das deutsche Eishockey so beliebt wie noch nie. Woran liegt das – auch an der Entwicklung des Fußballs?
Müller: Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer könnte tatsächlich sein, dass viele Menschen sagen: Ich gebe dem Eishockey einmal eine Chance, weil die Sportler näher und greifbarer wirken, weniger entrückt vom Alltag. Hinzu kommen die Werte, für die dieser Sport steht. Und sicher spielen die Erfolge eine Rolle – mit ihnen können sich Menschen identifizieren. Die Resultate der Nationalmannschaft haben dem Eishockey in Deutschland spürbar ein neues Publikum eröffnet.
SPORT1: Die Erfolge der vergangenen Jahre haben Erwartungen geschaffen. Mit welcher Haltung geht die Mannschaft diesmal in das Olympiaturnier?
Müller: Erwartungen sind grundsätzlich etwas Gutes. Das muss man annehmen. Schlimm wäre es, irgendwohin zu kommen, ohne dass jemand etwas erwartet – dann hat man vorher etwas falsch gemacht. Dieses Turnier ist speziell, auch weil es kaum Vorbereitungszeit gibt. Es wird darauf ankommen, schnell zusammenzufinden, das System zu verinnerlichen. Dann ist für uns wieder alles möglich.
SPORT1: Der Zusammenhalt gilt als große Stärke der Mannschaft – ein Spirit, den Sie als Kapitän mitgeprägt haben. Welche Rolle nehmen Sie in diesem Gefüge ein?
Müller: Meine Aufgabe ist es, Verbindung zu schaffen. Ich habe mich selbst einmal als eine Art Hirtenhund bezeichnet. Denn ich gehe offen auf Menschen zu, baue gerne Brücken zwischen unterschiedlichen Charakteren. Ich glaube, ich habe ein gutes Gespür für Stimmungen und Situationen. Eine Mannschaft zu vereinen, war immer meine Stärke – und das wird auch diesmal wichtig sein. Wir haben in den vergangenen Jahren eine besondere Kultur aufgebaut. Aber wie in einer Beziehung braucht es tägliche Arbeit, um diesen Geist zu bewahren.
„Am Ende sind wir alle Menschen mit ganz normalen Themen“
SPORT1: Harold Kreis nannte Sie einen „besonderen Kapitän“, Leon Draisaitl sprach kürzlich vom „Herz und der Seele des deutschen Eishockeys“.
Müller: Das hört man gerne, keine Frage. Alles andere wäre gelogen. Es ist Anerkennung und Wertschätzung für viele Jahre, für viel Leidenschaft. Um etwas zu erreichen, muss man leiden – und das habe ich.
SPORT1: Worauf freuen Sie sich in den kommenden Wochen am meisten?
Müller: Meine Erfahrung sagt mir, dass Vorfreude auf einzelne Dinge nicht immer gut ist. Ich freue mich auf das, was kommt. Ich bin dankbar, demütig und genieße die Zeit. Und wenn ich ehrlich bin: Wir sind gerade auf einer neuntägigen Auswärtsreise. Am meisten freue ich mich darauf, meine Familie am Montag wiederzusehen. Oft denkt man an große, ferne Ziele – am Ende sind wir alle Menschen mit ganz normalen Themen.