Olympia>

Auf Olympias neuem Gesicht liegt ein Schatten

Die neue Herrin der Ringe

Am Freitag wird erstmals eine Frau die Olympischen Spiele eröffnen. Die Hoffnungen in die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry sind groß, sie wird diplomatische Minenfelder wie den Umgang mit der ICE meistern müssen – und steht selbst schon erheblich in der Kritik.
Die Olympischen Winterspiele 2026 finden in Mailand und Cortina statt. Aber auch andere Orte in Italien werden zum Schauplatz der Wettkämpfe. Hier gibt's alle Austragungsorte im Überblick.
Am Freitag wird erstmals eine Frau die Olympischen Spiele eröffnen. Die Hoffnungen in die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry sind groß, sie wird diplomatische Minenfelder wie den Umgang mit der ICE meistern müssen – und steht selbst schon erheblich in der Kritik.

Wenn Kirsty Coventry am Freitagabend in Mailand die Olympischen Winterspiele eröffnet, werden die Augen der Welt auf sie gerichtet sein. Es wird ein historischer Moment! Coventry ist die erste Frau an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees aus Afrika und mit 42 Jahren verhältnismäßig jung. Sie steht für Aufbruch und Veränderung. Aber die Hoffnung könnte trügerisch sein. Das Bild der ersten Herrin der Ringe hat schon Risse, auf dem neuen Gesicht der Spiele liegt bereits vor Beginn des Großereignisses ein Schatten.

Aber der Reihe nach. Es ist zehn Monate her, dass Coventry in einem Luxusresort in Costa Navarino in Griechenland zur Nachfolgerin des Deutschen Thomas Bach gewählt wurde. Coventry war Bachs Wunschkandidatin. „Ich werde diese Organisation mit so viel Stolz und mit unseren Werten führen und Euch alle stolz machen“, verkündete sie im Anschluss pathetisch.

In der Öffentlichkeit ist sie seitdem noch nicht prägend in Erscheinung getreten. Nach SPORT1-Informationen gilt sie in ihrem Umfeld als zugänglich und nahbar. Doch als Erbin des mit den mächtigsten Staatsmännern verbundenen und auf der Partitur der Diplomatie erprobten Bach werden andere Qualitäten gefragt sein – auch direkt bei Olympia in Italien.

Wie reagiert Coventry auf den ICE-Einsatz in Italien?

Es gibt drängende Fragen! Wie wird sie damit umgehen, dass die USA angeblich ICE-Beamte nach Italien entsenden, also Mitarbeiter jener Behörde, die wegen ihrer brutalen Vorgehensweise und in Minnesota in zwei Fällen sogar tödlicher Einsätze massiv in der Kritik steht? Wie wird Coventry darauf reagieren, dass auch Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden, die bei den jüngsten Massakern in ihrem Land maßgeblich beteiligt waren, Personenschutz-Aufgaben für Irans Delegation übernehmen sollen?

Es gibt weitere politische Minenfelder wie den künftigen Umgang mit Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus. Und dann wäre da noch die Kritik an den Olympischen Spielen in Italien. Zu hohe Kosten, zu weite Wege, mangelnde ökologische Nachhaltigkeit – Vorwürfe gibt es reichlich. So werden erstmals in der olympischen Geschichte die alpinen Wettkämpfe der Männer und Frauen an zwei Standorten, in Bormio und Cortina, ausgetragen. Auch Felix Neureuther kritisierte in einer ARD-Doku, „dass man halt alle Dinge doppelt machen muss“.

Der Rechtfertigungsdruck für Coventry ist groß – das gilt auch für ihre Rolle in der Politik ihres Landes im Süden Afrikas, in dem die Mehrheit der Bevölkerung ums tägliche Überleben kämpft, Menschen willkürlich verhaftet werden und jede Opposition systematisch unterdrückt wird.

Das einstige „Golden Girl“ und der „Hitler unserer Zeit“

Mit sieben olympischen Medaillen ist Coventry bis heute Afrikas erfolgreichste Athletin. Nach ihren Erfolgen suchte Robert Mugabe, der damalige Präsident Simbabwes im Süden Afrikas, gerne die Nähe zur Spitzenschwimmerin, bezeichnete sie als sein „Golden Girl“.

Drei Jahrzehnte herrschte Mugabe im einst kolonial unterdrückten Land mit schrecklicher Gewalt, nannte sich selbst den „Hitler unserer Zeit“. Mugabes Nachfolger Emmerson Mnangagwa, mitverantwortlich für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen, ernannte Coventry schließlich zur Ministerin für Sport, Bildung und Kultur.

Kritisch gesehen wird in Simbabwe auch, dass Coventry von der Regierung Farmland erhielt, von dem Menschen zuvor gewaltsam vertrieben worden waren. Mitverantwortlich gemacht wird sie zudem für den Verfall des Nationalstadions – im fußballbegeisterten Land ein emotionales Thema.

Coventry: „Veränderungen von innen herbeiführen“

Andererseits machte sie als Sportministerin sexuelle Übergriffe hoher Fußballfunktionäre gegenüber Schiedsrichterinnen öffentlich. Die Regierung setzte daraufhin mehrere Offizielle ab. Das Problem: Weil ein solcher Eingriff für den Weltverband FIFA unzulässig ist, wurde Simbabwe 18 Monate gesperrt.

Eine kritische Reflexion ihrer Zeit in Simbabwes Regierung gibt es nicht. Nach ihrer Wahl zur IOC-Präsidentin im Vorjahr sagte sie: „Mir war klar, dass meine Zeit in der Regierung Kritik nach sich ziehen würde. Ich glaube aber nicht, dass man am Rand sitzen, schreien und protestieren und damit Veränderungen bewirken kann. Ich denke, man muss am Tisch sitzen und stark genug sein, um diese Veränderung von innen selbst herbeizuführen.“