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Olympia 2026: Vonn? "Das ist mentale Höchstleistung"

Vonn? „Mentale Höchstleistung“

Wie wichtig ist das Mentaltraining auch vor und bei Olympia, was geht in Lindsey Vonn vor, welchen Rat könnte Franziska Preuß beherzigen? Ein Gespräch über Möglichkeiten - und KI-generierte Musik.
Bei der Olympia-Einkleidung spricht Franziska Preuß über ihre Vorbereitung auf die Olympischen Spiele und verrät, warum sie sich noch einmal für eine Teilnahme entschieden hat. Zudem erklärt sie, wie besonders es für sie ist, dass Familie und Freunde sie diesmal durch die Nähe des Standorts viel einfacher live vor Ort unterstützen können.
Wie wichtig ist das Mentaltraining auch vor und bei Olympia, was geht in Lindsey Vonn vor, welchen Rat könnte Franziska Preuß beherzigen? Ein Gespräch über Möglichkeiten - und KI-generierte Musik.

Der Schuss ins Schwarze oder eine Fahrkarte, der richtige Schwung oder Einfädeln – auch bei Olympia kann der Bruchteil einer Sekunde über Gold oder einen geplatzten Traum entscheiden. Umso mehr Bedeutung kommt dem Einsatz von Mentaltraining für Athleten und Trainer zu.

SPORT1 sprach mit Michael Draksal, Präsident der Deutsche Mentaltrainer-Akademie und mehrere Jahre persönlicher Mentaltrainer des viermaligen Formel-1-Weltmeisters Sebastian Vettel, sowie Andreas Bosch, Erster Vorsitzender des Deutschen Bundesverbands Sportmentaltraining und unter anderem Betreuer von Fußballprofis.

Ein Gespräch über Möglichkeiten, KI-generierte Musik, eine hypothetische Vorbereitung von Franziska Preuß auf ihre letzten Winterspiele – und den Umgang von Lindsey Vonn mit ihrer absoluten Ausnahmesituation.

„Bessere Stimmung gleich bessere Leistung“

SPORT1: Über was genau reden wir, wenn wir über Mentaltraining für Sportler sprechen? Es gibt ja diverse Ansätze: den allgemeinen in Bezug auf Erfolgsdruck und sicher spezifische Situationen…

Michael Draksal: Emotional kann man arbeiten, denn wir sind emotionale Wesen und durch unsere Emotionen gesteuert. Nervosität, Angst, Lampenfieber, das kennen wir alle. Den Umgang damit kann man trainieren. Gleichzeitig arbeiten wir an den Gedanken, am Selbstgespräch, am inneren Dialog: Was sagst du zu dir in Drucksituationen? Dann kann man sich selbst in die gewünschte Richtung lenken. Aber leider wird das noch viel zu selten trainiert.

SPORT1: Welche Ratschläge geben Sie ganz konkret, um das Mindset in die richtige Richtung zu lenken?

Draksal: Bessere Stimmung gleich bessere Leistung! Nichts gegen Fehleranalysen und den berüchtigten Anschiss. Aber das gehört alles in die Zeit nach einem Wettkampf. Vor und im Wettkampf steht alles unter dem Motto: Ich bin gut drauf!

Die Rolle von Mentaltraining verändert sich

SPORT1: Wie offen ist der Sport inzwischen für Mentaltraining? Oder haftet diesem Bereich noch immer ein Makel an?

Draksal: Ausschlaggebend für die Entwicklung war 2006 Jürgen Klinsmann, der auf Mentaltraining bestanden hat – aber noch sehr viel Gegenwind erhalten hat. Dabei hatte er natürlich recht. Den Kopf darf man nicht außen vorlassen! Wir als Deutscher Bundesverband Sportmentaltraining haben uns spezialisiert auf das praktische Training, auf konkrete Übungen, die auch ein Trainer ohne Doktortitel in Psychologie mit seinem Sportler oder mit seiner Mannschaft umsetzen kann.

SPORT1: Von wem werden Sie gebucht und um professionelle Betreuung gebeten?

Andreas Bosch: Wir arbeiten sehr eng mit Sportverbänden zusammen. Ich war unter anderem viele Jahre als Referent in der Trainerausbildung beim Bund Deutscher Radfahrer aktiv, seit fünf Jahren arbeite ich auch für den Bund Deutscher Fußball-Lehrer, auch zusammen mit Fußball-Profis. Wettkämpfe gewinnt nicht, wer am meisten kann, sondern wer unter Druck am besten abrufen kann. Wir integrieren Druck in das Training. Wir trainieren zum Beispiel mit lauten Geräuschen, um Wettkampfbedingungen zu kopieren.

140 Beats bis zum Flow

SPORT1: Welche Rolle kann Musik spielen?

Draksal: Natürlich arbeiten wir auch mit Musik. Das können zum Beispiel Lieder sein, die individuell mit KI generiert werden, um beim Warm-Up in die richtige Stimmung zu kommen.

SPORT1: Das geht also über die eigene Playlist hinaus …

Draksal: Absolut. Es geht auch um die Geschwindigkeit, um Beats pro Minute. Es gibt ja bei der Stressbewältigung den Ansatz „Lösen, Entspannen, Aktivieren“. Beim Lösen kommen Beats von 100 bis 120 pro Minute zum Einsatz, beim Entspannen 30 bis 60, beim Aktivieren 140. Bei 140 Beats pro Minute ist die Wahrscheinlichkeit für einen Flow am größten. Das wirkt sofort emotional. Musik hat einen ganz starken Einfluss auf Stimmung und Leistung.

SPORT1: Wird dabei unterschieden zwischen Einzel- und Mannschaftssportarten?

Draksal: Der Teamflow kommt on top. Wenn alle Gehirne einer Mannschaft das gleiche Lied hören, werden sie ein Stück synchronisiert. Es gibt Untersuchungen, dass bei 140 Beats pro Minute das Passspiel eines Teams genauer wird.

Bosch: Trotzdem gibt es natürlich Unterschiede. Beim Einzelsport etwa gilt: Ein Fehler – und die Medaille ist weg. Die Athleten haben eine äußerst hohe Eigenverantwortung. Bei Mannschaftssportarten mit mehreren Spielen bei einem Turnier spielt etwa die mentale Regeneration zwischen den Spielen eine größere Rolle.

Kleine Schritte zum großen Leistungsfortschritt

SPORT1: Gehen wir mal ein Beispiel hypothetisch durch. Was würden Sie einer Franziska Preuß mitgeben, was könnte sie von Ihnen lernen?

Draksal: Es gibt ein riesiges Methodenbüfett. Bei einem halben Jahr Vorlauf würde ich ein Projekt draus machen. Mit einer knackigen Überschrift. Dann die Meilensteine definieren. Was soll bis wann erreicht werden? Das mit einem Erfolgsmonitoring kombinieren. Sie sollte jeden Tag in ihr Erfolgstagebuch schreiben. Was ihr klargeworden ist, also eine Erkenntnis, die sie am Tag zuvor noch nicht hatte. Und was sie tun kann, also eine offene Frage. Sie würde jeden Tag einen kleinen Fortschritt machen, den aufschreiben und in eine Kamera sprechen. Das summiert sich dann auf zu einem großen Leistungsfortschritt.

SPORT1: Und konkret vor den Wettkämpfen?

Draksal: Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen real und intensiv vorgestellten Szenen. Ich würde das Kino im Kopf systematisch angehen. Den best case – sich mit dem Erfolg anzufreunden – ebenso wie den worst case. Wenn man das schon hundertmal vorher bewältigt hat, kann man im Ernstfall stark bleiben.

Bosch: Wichtig finde ich auch die Erholungsoptimierung, die Schlafqualität etwa. Einen Handlungsplan mitgeben für kritische Situationen. Und manche Athleten sprechen beim mentalen Warm-Up mehr noch auf Düfte oder Bilder als auf Musik an.

„Das ist mentale Höchstlesitung“

SPORT1: Lindsey Vonn will trotz eines Kreuzbandrisses, den sie bei der Olympia-Generalprobe erlitten hatte, starten. Wie ist das aus mentaler Sicht überhaupt möglich?

Draksal: Lindsey Vonn zeigt extreme mentale Resilienz: Sie kanalisiert ihren Fokus auf das, was sie beeinflussen kann, und blendet die Angst vor dem Knie aus. Hier fließt all ihre Erfahrung ein: Visualisierung, das Vertrauen in ihre Vorbereitung und der Wille, ihre Geschichte selbst zu schreiben. Das ist mentale Höchstleistung – und sie ist ein Vorbild darin, trotz Rückschlag den inneren Drive aufrechtzuerhalten. Allerdings ist sie auch eine Ausnahmeathletin mit jahrzehntelanger Erfahrung. Für Nachwuchsathleten wäre das keine Blaupause – ein Kreuzbandriss ist ernst und braucht medizinische Freigabe. Was man sich von ihr abschauen kann, ist der mentale Aspekt: Wie man trotz Rückschlägen den Kopf klärt, realistische Ziele setzt und im Einklang mit Körper und Experten verantwortungsvoll agiert.

Bosch: Ein Kreuzbandriss ist eine schwere Verletzung. Körperlich wie mental. Lindsey Vonn zeigt in dieser Situation vor allem eines: Sie nimmt die Realität an und übernimmt Verantwortung für ihre Entscheidung. Ob sie am Ende startet oder nicht, ist zweitrangig. Diese Klarheit im Kopf und dieser Umgang mit Unsicherheit verdienen Respekt.