Die Gold-Träume von Chinas Megastar Eileen Gu im Slopestyle-Wettbewerb platzten nach einem bitteren Sturz in der dritten und letzten Runde. Wie schon 2022 zog die Silber-Gewinnerin den Kürzeren gegen Mathilde Gremaud. Trotz eines schweren Sturzes kurz vor dem Olympischen Wettbewerb triumphierte die Schweizerin mit 86,96 Punkten.
Olympia 2026: "Verratene" Gold-Heldin im Schatten des Megastars
Die Rache gehört ihr
„Der Beweis, dass es nicht einfach war. Der Beweis, dass es sich gelohnt hat, dafür zu kämpfen! Ich bin im Training hart gestürzt und habe trotzdem Gold gewonnen“, schrieb die 26-Jährige, die von schweren Schrammen an der Hüfte gezeichnet war, auf Instagram. Es war einer von nur vielen Widerständen, die sie zu meistern hatte.
Gremaud-Sieg über Gu nach „Trainer-Klau“
Der Sieg von Gremaud über Gu war aber nicht nur ein sportliches Ausrufezeichen, sondern auch eine persönliche Genugtuung. Die Schweizerin hat schließlich zum zweiten Mal kurz vor Olympia ihren Trainer verloren - ausgerechnet an ihre Dauerrivalin Gu.
Coach Misra Noto wechselte schon vor den Olympischen Spielen von Peking 2022 ins Lager der 22 Jahre alten Chinesin. Gerade als Gremaud und ihr Coach wieder zueinander fanden, ließ dieser sie erneut hängen.
Die Schweizer Boulevardzeitung Blick schrieb von „Verrat“ und auch Gremaud selbst kann sich eine erneute Annäherung mit ihrem Ex-Coach nicht mehr vorstellen.
„Zweimal ist genug“, machte sie beim SRF deutlich. Das Thema habe ihr bereits in den letzten Wochen alles abverlangt. „Der Druck wurde immer größer und größer. Es war überhaupt nicht lustig“, hielt sie fest.
Der Schweizer Chefcoach Dominik Furrer glaubt, dass die Athletin daraus aber auch entscheidende Energie gezogen hat. „Die Geschichte kennt jeder, und das ist eigentlich eine zusätzliche Motivation für Mathilde, zu zeigen: Hey, du bist bei der falschen Athletin“, betonte er.
Schweizer Coach stichelt: „Sind nicht wegen eines Heiratsantrags hier“
Dass Gremaud ihrer Star-Konkurrentin trotz des „Trainer-Klaus“ wie schon 2022 ein Schnippchen schlug, ist sicherlich ein Beweis für ihre Nervenstärke und sportliche Klasse.
Furrer ließ es sich am Rande des Triumphes seiner Athletin nicht nehmen, ein klein wenig gegen die berühmte Rivalin zu sticheln. „Wir sind ja nicht wegen eines Heiratsantrags hier - sondern wegen des Skifahrens. Und da gibt’s nur eine Königin“, machte er deutlich.
Gu, die neben ihrer sportlichen Karriere modelt, sich in der Welt der Stars und Sternchen aufhält, erhält bei den Wettbewerben immer wieder Heiratsanträge von Fans.
Die in den USA geborene und für China startende Athletin war laut Forbes 2023 die am zweitbesten verdienende Sportlerin der Welt - und ist diejenige, die immer im Mittelpunkt steht und die große Aufmerksamkeit bekommt.
Es ist ein ungleiches Duell zweier Freestyle-Größen, die dem Sport aber beide so unglaublich gut tun.
Gremaud ein bodenständiger Mensch mit rebellischer Ader
Gremaud ist sportlich zwar ähnlich erfolgreich - und hat nicht selten die Nase vorne -, steht dafür aber außerhalb der Schweiz selten im Rampenlicht.
Die 26-Jährige sucht nicht nach dem großen Rummel und der Karriere neben der Karriere, sondern ist bodenständig und hat sich ganz ihrem Sport verschrieben.
Bereits im Alter von zwei Jahren stand die Tochter eines ambitionierten Skirennläufers erstmals auf den Brettern. Allerdings zeigte Gremaud schon früh eine rebellische Ader. So trat sie nicht in die Fußstapfen ihres Vaters, sondern begeisterte sich vielmehr für Tricks und Sprünge.
„Ich habe zuerst mit dem alpinen Skifahren angefangen. Ich habe nicht weitergemacht, weil ich mich dann in die Tricks und Freestyle verliebt habe“, erklärte sie auf ihrem Red-Bull-Athletenprofil.
Gremaud denkt an ihre Wurzeln: „Weiß, woher ich komme“
An die Anfänge erinnert sich das Ski-Ass noch ganz genau.
„Ich begann weit weg von den großen Snowparks. Wir haben unsere eigenen Features mit Schaufeln gebaut. Mit dem, was die Natur zu bieten hatte, schufen wir uns unseren eigenen Spot. Dank dieser Momente weiß ich, woher ich komme. Dank dieser Wurzeln bin ich als Champion aufgewachsen“, schilderte sie.
Ihr Vater brauchte jedoch ein wenig Zeit, um das ungewöhnliche Hobby seiner Tochter zu akzeptieren. „Er wollte das nicht verstehen. Er sagte: ‚Willst du immer noch Sport treiben?‘“, erinnerte sie sich.
Trotz der unterschiedlichen Philosophien unterstützte er jedoch die Karriere seiner Tochter. „Als ich mit dem Wettkampf begann, verstand er, dass Freestyle ein echter Sport ist“, erzählte sie.
Perfekte Bewertung wird zum Karriere-Schlüsselmoment
Ihren absoluten Durchbruch feierte sie mit dem Big-Air-Sieg bei den X-Games in Norwegen, wo die Jury ihren legendären Switch Dub 10 mit perfekten 50 von 50 möglichen Punkten bewertete.
„Die X-Games waren ein Schlüsselmoment für mich. Meine erste Goldmedaille. Alles war so schnell und intensiv“, erinnerte sie sich. 2018 folgte Olympia-Silber, ehe sie sich 2022 erstmals die olympische Goldmedaille sicherte. Hinzu kam zweimal WM-Gold.
Gremaud gelang es wie keiner Zweiten, ihren eigenen Stil zu entwickeln und immer wieder kreative Elemente in ihre Sprünge einzubauen.
„Ich vergleiche Freestyle-Tricks mit künstlerischen Gemälden“, erläuterte sie ihre Leidenschaft für neue Tricks, mit denen sie immer wieder Maßstäbe im Frauen-Freestyle-Sport setzte. So wie mit ihrem Switch Double Cork 1440. „Keine andere Frau hat es je geschafft, einen solchen Trick zu landen. Es war verrückt“, so die Ski-Künstlerin.
Gremaud übersteht schwierige Karriere-Momente
Trotz oder gerade wegen all ihrer Erfolge musste Gremaud auch schwere Situationen überstehen. Sich immer wieder neu zu motivieren wurde zunehmend zum Kraftakt, weshalb sie mit einer Energietherapeutin zusammenarbeitete, um ihre mentale Gesundheit zu fördern.
„Ich erkläre ihr meine Kämpfe. Ich sage ihr, dass mein Körper manchmal etwas tut, während mein Kopf an etwas anderes denkt. Dadurch fühle ich mich nicht nur als Athletin, sondern auch als Mensch gut“, schilderte sie.
Die Athletin kam stärker zurück denn je, ehe sie Ende 2024 von einer Verletzung gestoppt wurde. Sie entschied sich für eine längere Pause, die sie für ihre Persönlichkeitsfindung nutzen konnte.
„Ich musste herausfinden, wer ich bin, wenn ich keine Skier angeschnallt habe. Ich habe meine Eltern gefragt, wie ich als Kind war, um zu sehen, was sich verändert haben könnte“, beschrieb sie. Nun sei sie sowohl als Mensch als auch als Skifahrerin glücklicher und vielseitiger.
Den ganz großen Druck verspürt Gremaud ohnehin nicht mehr. „Ich dachte, ich bräuchte mehr Trophäen und Medaillen, um cool zu sein. Davon habe ich mich entfernt“, machte sie deutlich.
Gremaud feiert Olympia-Gold mit der ganzen Familie
Und dennoch bedeutete es Gremaud viel, ihre zweite olympische Goldmedaille zu feiern. Dies tat sie emotional mit ihrer vor Ort anwesenden Familie und den Leuten, die sie anders als ihr Ex-Coach nicht im Stich gelassen haben.
„Es ist einfach krank, dass ich das geschafft habe, mit so vielen Leuten hier. Sie haben mir so ein schönes Geschenk gemacht, dass sie überhaupt gekommen sind, und ich bin einfach glücklich, dass ich das Geschenk habe zurückgeben können. Es ist wirklich crazy“, freute sie sich im Schweizer Fernsehen.