Kaum jemand kennt den Biathlonsport besser als Ole Einar Björndalen. Unglaubliche 25 Jahre lief er im Weltcup und gewann dabei mehr Rennen als jeder andere Biathlet. Aktuell ist er bei den Olympischen Spielen in Italien als Experte für den norwegischen TV-Sender TV2 im Einsatz.
Olympia 2026: Deutschland? "Überraschend bei so einer großen Nation"
Biathlon-Ikone: Das fehlt Deutschland
In Antholz spricht der 52-Jährige im exklusiven SPORT1-Interview nicht nur über Folgen des Rücktritts von Johannes Thingnes Bö, sondern verrät auch, wer für ihn der neue Dominator werden könnte. Björndalen äußert sich aber auch zur deutschen Suche nach einem Siegläufer bei den Herren und wie er die Reaktion von Vanessa Voigt auf die Kritik auf Social Media einstuft.
Olympia 2026: Von Kläbo entthront – das sagt Björndalen
SPORT1: Herr Björndalen, Ihr Landsmann Johannes Hösflot Kläbo hat Sie als Rekordhalter mit den meisten olympischen Goldmedaillen abgelöst. Wie viel bedeuten Ihnen diese Rekorde noch nach der Karriere?
Ole Einar Björndalen: Das bedeutet mir sehr viel. Aber alle Rekorde haben ihre Zeit. Der Sport entwickelt sich. Rekorde sind schön zu haben, aber man wird sie verlieren und jetzt habe ich ihn gegen Kläbo verloren. Er ist super stark. Die Sprint-Staffel wird er auch gewinnen, also er kann noch mehr Gold holen.
SPORT1: Ein Rekord, der Ihnen nach dem Rücktritt von Johannes Thingnes Bö geblieben ist, ist der für die meisten Weltcup-Siege im Biathlon. Erleichtert Sie das?
Björndalen: Ja, das ist schön. Aber es ist schwer, die Rekorde zu vergleichen. Jetzt gibt es sechs Disziplinen im Biathlon. Wir hatten nur drei, als ich gestartet bin. Das war eine andere Zeit. Da war Russland dabei, Belarus - und nicht nur zwei starke Nationen wie jetzt Norwegen und Frankreich. Damals gab es sieben oder acht Nationen. Wenn du so viele Wettkämpfe hast und dann Rekorde vergleichst, ist das nicht so fair.
Bö-Rücktritt: Diese Debatte hält die Biathlon-Ikone für Blödsinn
SPORT1: Ist dem norwegischen Team ohne dem alles überstrahlenden Bö eine Leitfigur verloren gegangen?
Björndalen: Das ist kein Problem. Die haben so viele gute Biathleten. Die brauchen ein wenig Zeit, aber die können viel gewinnen, die sind super stark. Die Leitfigur ist mehr draußen, nicht drinnen (im Team, Anm. d. Red.). Für Medien ist es „die Leitfigur Johannes Thingnes Bö“, aber das ist alles Blödsinn, das ist nur eine Mediensache. Er war nie auf den Lehrgängen, er hat nicht mit der Mannschaft trainiert den ganzen Sommer und fast den ganzen Herbst. Wie kann er da eine Leitfigur im Training sein? Tarjei (Bö) war ab und zu dabei. Johannes war eine Leitfigur mit Blick auf Resultate, aber in den Trainingseinheiten, um anderen Athleten zu helfen, war er es nicht.
SPORT1: Johan-Olav Botn hat das Karriereende von Bö mit starken Ergebnissen in diesem Winter zumindest sportlich ein wenig in den Hintergrund gerückt. Wie groß ist sein Potenzial?
Björndalen: Groß, er ist super stark. Er kommt nicht aus der Nationalmannschaft, sondern von der B-Mannschaft. Er trainiert in einem ganz anderen System. Was er dieses Jahr gezeigt hat, ist unglaublich.
SPORT1: Hat er das Zeug zum Dominator zu werden, wie Bö einer war?
Björndalen: Es könnte schon passieren, aber ich weiß nicht über wie viele Jahre. Er hat seinen Körper extrem belastet über einige Jahre (über 1200 Ausdauerstunden im Jahr). Es wird spannend zu sehen, wie er das schafft mit dieser körperlichen Belastung. Er hat eine extrem große Kapazität, eine größere Kapazität als jeder Langläufer. Dieses Jahr ist er zudem ein unglaublich guter Schütze.
„Fehlt einfach“: Das vermisst Björndalen beim deutschen Team
SPORT1: In Deutschland warten wir schon länger auf so einen konstanten Siegläufer – was fehlt da aktuell?
Björndalen: Man sieht nur die Resultate. Und es gibt keine Führungsperson, die extrem gute Resultate bringt. Es gab auch ein paar Trainer-Wechsel in den vergangenen Jahren. Sie hatten vielleicht nicht den richtigen Weg gefunden, aber in diesem Jahr finde ich, dass sie ein bisschen schneller laufen. Es fehlt nicht so viel, dass sie einen Athleten auf das Podium bringen. Aber Athleten wie Frank Luck, Michael Greis oder Sven Fischer, die ständig oben waren - das fehlt einfach. Und das ist überraschend bei so einer großen Nation.
SPORT1: Bei den deutschen Damen läuft es ein wenig besser, aber auch sie sind noch ohne Einzel-Medaille. Vanessa Voigt war im Einzel nah dran, doch Schieß- und Lauftempo reichten nicht. Anschließend hat sie viel Kritik in den sozialen Medien erhalten und sich entschlossen, bis zum Ende der Spiele Abstand von Instagram zu nehmen. Ist das die richtige Entscheidung?
Björndalen: Es sollte nicht sein, dass man so viele negative Nachrichten bekommt. Das ist schwer für einen Athleten. Ich empfehle, dass sie während der Olympischen Spiele total abschaltet von den Sozialen Medien. Es ist blöd, dass du so eine negative Stimmung bekommst durch blöde Leute, daher sollte man da einfach abschalten.
“Langlauf eine Katastrophe” – Norwegen-Dominanz zu groß?
SPORT1: Kritische Stimmen gibt es auch immer wieder dazu, dass Norwegen zu dominant sei und dies dem Wettkampf schadet. Im Biathlon hat es sich durch die Rücktritte der Bö-Brüder wohl reduziert, bei den Langlauf-Herren ist es dagegen sehr deutlich. Wie blicken Sie darauf?
Björndalen: Norwegen ist zu stark. Wir haben extrem gute Resultate, wir sind in fast allen Bereichen im Wintersport gut. Wir arbeiten sehr seriös. In Biathlon gibt es zum Glück mehrere Nationen, die stark sind. Langlauf ist für mich eine Katastrophe. Ich finde es sehr schade, dass nicht mehr Top-Athleten dabei sind, jetzt hat Frankreich bei Olympia zum Glück Silber geholt bei einem Rennen, das war schön zu sehen. Aber sonst sind es nur Norwegen und Schweden.
SPORT1: Sie selbst könnten einer anderen Nation ja auch helfen, nach oben zu kommen, so wie Sie es bereits in China versuchten. Ist ein Job als Nationaltrainer in der Zukunft eine Option?
Björndalen: Das Trainersein ist eine der schönsten Seiten. Als ich in China war, war das wirklich sehr interessant und wenn das richtige Angebot kommt, werde ich vermutlich zurückgehen.