Olympische Spiele sind für nahezu jeden Sportler ein Ausnahmeereignis, für einige wenige aber noch einmal besonderer: Nämlich für jene Athleten, die in den Farben der Gastgebernation antreten dürfen. Einer von ihnen wird Lukas Hofer sein. Der 36 Jahre alte Biathlet fiebert seinen Wettkämpfen im Südtiroler Antholz entgegen – dort also, wo seine Sportart in Italien zu Hause ist.
Biathlon: Die Krönung einer großen Karriere
„Lässt sich kaum in Worte fassen“
Wie Ski-Alpin-Star Dominik Paris zählt Hofer zu den erfahrensten Athleten der italienischen Mannschaft. Er ist einer der wenigen, der Olympia nach 2010, 2014, 2018 und 2022 nun bereits zum fünften Mal erlebt. SPORT1 spricht mit dem Routinier über die emotionale Bedeutung der Winterspiele, Medaillenchancen, Teamkollege Tommaso Giacomel und über den Stellenwert der Wettkämpfe für das gesamte Land.
SPORT1: Herr Hofer, was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie an den 17. Januar 2014 zurückdenken? Damals standen Sie im Sprint von Antholz zeitgleich mit Simon Schempp ganz oben – für Sie beide war es der erste Weltcupsieg.
Lukas Hofer: Das sind sehr schöne Erinnerungen. Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich lief ins Ziel, war Erster, dann hieß es plötzlich: doch nur Zweiter, weil Simon einen Wimpernschlag – wirklich nur ein paar Zehntel – schneller war. Kurz darauf meldeten sich die Zeitnehmer und sagten: Messfehler bei Simon. Also standen wir beide ganz oben. Erst hoch, dann runter, dann wieder hoch. Ein extrem spezieller, einzigartiger Tag. Am Ende durfte ich meinen ersten Weltcupsieg feiern, ausgerechnet daheim in Antholz.
Heim-Olympia? „Nur ganz wenige Athleten haben die Möglichkeit“
SPORT1: Hat dieser geteilte Moment das Erlebnis noch besonderer gemacht?
Hofer: Absolut. Das war ein genialer Augenblick und die richtige Entscheidung. Es gab die Probleme mit der Zeitmessung, weil ein tschechischer Athlet zeitgleich mit Simon ins Ziel kam, offenbar wurde die Zeitnahme so einen Tick zu früh ausgelöst. Bevor man sich dann in Hundertstel oder Zehntel verbeißt, war es fair, beide auf Platz eins zu setzen. Für uns war das in der Situation natürlich vollkommen in Ordnung – und für den Sport auch (lacht).
SPORT1: Nun kommen die Olympischen Spiele genau an diesen Ort, nach Antholz. Was lösen diese Strecken in Ihnen aus?
Hofer: Sehr viel. Antholz ist meine zweite Heimat. Ich bin nicht dort aufgewachsen, komme aus der Nähe von Bruneck, habe aber fast mein ganzes Leben in Antholz verbracht. Hier habe ich im Südtirol Cup angefangen, bin in den Weltcup gekommen, habe Weltmeisterschaften erlebt – und jetzt finden hier auch noch Olympische Spiele statt. Diese Möglichkeit, all diese Großereignisse vor der Haustür bestreiten zu dürfen, haben nur sehr wenige Athleten.
SPORT1: Als klar war, dass die Spiele 2026 nach Italien kommen: Was war Ihr erster Gedanke?
Hofer: Ich habe mir gedacht: Boah, das wäre ein unglaublich geiles Ziel. Allerdings wusste ich auch, dass dafür die Form passen muss. Es gab eine Phase, in der ich mir innerlich schon einen Endpunkt für meine Karriere gesetzt hatte – bei der WM 2023 in Oberhof. Mein erster Weltcup war dort, ich wollte irgendwie einen Kreis schließen. Doch genau in diesem Winter kamen Verletzungen dazu, ich konnte kaum Rennen bestreiten. So wollte ich nicht aufhören. Und der Gedanke, vielleicht doch noch Olympische Spiele in der Heimat erleben zu können, hat diese Pläne dann endgültig über Bord geworfen.
Hofer: Das hat sich im Biathlon verändert
SPORT1: Sie sind seit 2009 im Weltcup, haben über 460 Rennen bestritten und zählen neben dem Österreicher Simon Eder zu den erfahrensten Athleten im Feld. Was braucht es, um so lange konkurrenzfähig zu bleiben?
Hofer: Wahrscheinlich eine gewisse Sturheit. Die kann im Sport sehr hilfreich sein – manchmal aber auch gefährlich. Wenn man zu viel von sich will, geht es schnell nach hinten los. Gleichzeitig ist genau das dieser zusätzliche Motivationspunkt: sich immer wieder aufzuraffen, weiterzuarbeiten, die eigenen Grenzen neu auszuloten. Der Biathlonsport hat sich extrem schnell entwickelt. Nach meinen Verletzungen habe ich mir gesagt: Ich fange noch einmal neu an, setze neue Reize. Das hat mir geholfen, dranzubleiben – und auch nach Rückschlägen immer wieder nach vorne zu schauen.
SPORT1: Wie sehr hat sich der Biathlonsport seit Ihrem Weltcup-Debüt verändert – sportlich, technisch, vielleicht auch mental?
Hofer: Enorm, eigentlich überall. Die Schießgeschwindigkeit und die Präzision haben sich extrem gesteigert. Früher konntest du dir drei oder vier Fehler erlauben und trotzdem noch in die Top 15 laufen, manchmal sogar weiter nach vorne. Heute ist das undenkbar. Das Niveau ist brutal hoch, alles liegt extrem eng beieinander. Da bleibt kaum Raum für Fehler. Man muss schnell laufen und versuchen, so schnell wie möglich zu schießen und natürlich zu treffen. Inzwischen gilt man mit 85 oder 86 Prozent Trefferquote als mittelmäßiger Schütze. Früher wärst du damit der König gewesen. Das ist eine komplett andere Welt.
SPORT1: Olympische Spiele im eigenen Land. Was löst dieser Gedanke tief in Ihnen aus – jenseits von Medaillen?
Hofer: Gänsehaut. Zu wissen, dass bald die olympischen Ringe hinter dem Schießstand in Antholz stehen und ich dort vor Familie, Freunden und in meiner Heimat starten darf, ist unbeschreiblich. Natürlich hofft man immer auf eine Medaille, aber allein dort an den Start gehen zu dürfen, lässt sich kaum in Worte fassen.
Giacomel? „Er verkörpert den modernen Biathleten“
SPORT1: Sie haben in Ihrer Karriere ja bereits zwei olympische Medaillen gewonnen, 2014 und 2018 jeweils Silber mit der Mixed-Staffel. Nun ist das italienische Team wieder sehr stark besetzt. Sind die Chancen auf einen erneuten Coup vielleicht sogar größer als je zuvor?
Hofer: Das ist schwierig zu sagen. Die Mixed-Staffel schreibt oft ihre eigenen Geschichten. Da kann unglaublich viel passieren. Immer wieder stehen Nationen auf dem Podest, mit denen man vorher nicht unbedingt gerechnet hat. Aber klar, wir haben mit Tommaso Giacomel aktuell den Weltcup-Führenden, dazu aus meiner Sicht die beiden stärksten Frauen im Feld mit Lisa Vittozzi und Dorothea Wierer. Die Chancen stehen also gut. Andererseits darf man sich gerade daheim nicht zu viel Druck machen, wenn an jeder Ecke jemand sagt: Heute holt ihr eine Medaille. Dennoch hat diese Staffel für uns einen sehr hohen Stellenwert.
SPORT1: Sie haben Tommaso Giacomel erwähnt. Wann wurde Ihnen bewusst, welches Potenzial in ihm steckt?
Hofer: Eigentlich ab den ersten Sekunden. Er hat bei seinem ersten Weltcup-Rennen 2020 in Nove Mesto sofort einen bleibenden Eindruck hinterlassen – fehlerfrei geschossen, und das in einem verdammt schnellen Tempo. Man wusste sofort: Da kommt jemand. Er verkörpert den modernen Biathleten und hat sich Jahr für Jahr enorm weiterentwickelt. Diese Zielstrebigkeit wird ihn noch sehr weit bringen.
SPORT1: Giacomel gewann in Oberhof nach dem Tod seines Freundes Sivert Bakken beide Einzelrennen und lief in der Staffel die schnellste Zeit seiner Gruppe. War es vielleicht eines der beeindruckendsten Weltcup-Wochenenden überhaupt?
Hofer: Vielleicht tatsächlich. Auf jeden Fall war es ein unglaublich starkes Wochenende. Wenn man bedenkt, dass er gerade einen seiner besten Freunde verloren hatte, jemanden, den er seit Jahren kannte, kann man davor nur den Hut ziehen. Das war phänomenal. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass Sivert bei diesen Rennen irgendwie bei ihm war. Die beiden hatten eine sehr enge Verbindung. Es gibt vielleicht Kräfte, die wir Menschen nicht erklären können. An diesem Wochenende konnte man sie spüren.
SPORT1: Bei den Frauen rechnen sich Vittozzi und Wierer einiges aus. Wie schätzen Sie deren Chancen bei Olympia ein?
Hofer: Ich bin sehr zuversichtlich. Wenn der Formaufbau passt und sie mental bereit sind, dann sind das zwei Athletinnen, die man erst einmal schlagen muss. Natürlich ist das Niveau enorm gestiegen: Frankreich, Norwegen, Deutschland, inzwischen auch Finnland – es gibt viele, die vorne mitmischen können. Aber wenn Lisa und Doro gesund und gut vorbereitet nach Antholz kommen, können sie definitiv mehrere Medaillen holen.
„Für viele Athleten werden diese Spiele ganz weit oben stehen“
SPORT1: Ganz Italien blickt auf diese Winterspiele. Spüren Sie als Athlet eine besondere Verantwortung?
Hofer: Verantwortung eigentlich nicht. Was man allerdings deutlich merkt, ist die wachsende Vorfreude, je näher das Ereignis rückt. Gleichzeitig gibt es mehr mediale Aufmerksamkeit, ein bisschen mehr Druck. Sportlich gesehen ist es am Ende aber auch „nur“ ein Rennen wie jedes andere. Und trotzdem versucht man bei so einem Ereignis, nicht nur 100 Prozent zu geben, sondern 110 Prozent – und vielleicht noch ein bisschen mehr aus sich herauszuholen.
SPORT1: Was trauen Sie Italien als Gastgeberland zu – sportlich, organisatorisch, emotional?
Hofer: Organisatorisch ist das sicher eine große Herausforderung, vor allem wegen der Entfernungen zwischen den Wettkampfstätten und der neuen Idee nachhaltiger Olympischer Spiele. Die Austragungsorte liegen teilweise weit auseinander. Emotional und von der Stimmung her glaube ich aber, dass es mit die schönsten Winterspiele überhaupt werden können. Die Wettbewerbe finden an Orten statt, an denen Wintersport wirklich gelebt wird. Viele Fans, die man sonst aus dem Weltcup kennt, werden vor Ort sein. Das kann eine einzigartige Atmosphäre schaffen. Und landschaftlich braucht man ohnehin nicht groß zu diskutieren – für viele Athleten werden diese Spiele ganz weit oben stehen.
SPORT1: Wintersport hat in Italien nicht überall die gleiche Bedeutung. Kann Olympia 2026 dem Biathlon und dem Wintersport im Land einen neuen Stellenwert geben?
Hofer: Davon bin ich überzeugt. Gerade für junge Athletinnen und Athleten ist das eine große Chance. Man kann im Biathlon zum Beispiel sagen: Antholz ist jetzt ein olympisches Zentrum. Das hilft ganz konkret, etwa bei Fördergeldern von Staat und Regionen. Wenn diese Mittel sinnvoll genutzt werden, kann der Nachwuchs deutlich besser unterstützt werden. Wintersport ist bei uns vor allem im Norden verankert, dort versteht man ihn mehr. Im Süden dominieren Fußball, MotoGP oder die Formel 1. Umso wichtiger ist es für Italien, dass wir diese Olympischen Spiele austragen dürfen. Die Leidenschaft, daraus etwas Besonderes zu machen, ist jedenfalls sehr groß.
Das erhofft sich Hofer von den Olympischen Spielen
SPORT1: Es heißt oft, Olympische Spiele könnten Menschen verbinden, die sonst kaum Berührungspunkte haben.
Hofer: Definitiv. Bei Olympia trifft man die ganze Welt. Viele Athleten wissen sehr genau, dass sie nicht um Medaillen kämpfen werden, sondern um Erfahrungen. Allein die Teilnahme an Olympischen Spielen, gemeinsam mit den besten Athleten der Welt, ist für viele ein riesiges Ziel. Dort entstehen Verbindungen zu Menschen aus Ländern, in denen Wintersport kaum eine Rolle spielt. Bei den letzten beiden Ausgaben war das durch Covid etwas eingeschränkt. Aber in Sotschi und Vancouver, wo ich dabei war, war das genial. Man konnte andere Sportarten sehen, Hockey oder Skispringen – und man lernt unglaublich viele Leute kennen. Diese Begegnungen sind ein ganz wesentlicher Teil der olympischen Idee.
SPORT1: Was wäre für Sie ein „perfektes“ Olympia 2026?
Hofer: Wenn ich sagen kann: Ich bin optimal vorbereitet angereist, hatte ein gutes Gefühl und konnte mein Bestes abrufen. Wenn ich alles gezeigt habe, wozu ich fähig bin. Und wenn es am Ende einfach schöne Spiele für alle werden – ohne größere Probleme.
SPORT1: Und was soll von diesen Spielen bleiben, wenn das olympische Feuer erloschen ist?
Hofer: Ich hoffe, dass in Italien eine noch größere Wertschätzung für den Wintersport bleibt, vor allem mit Blick auf den Nachwuchs. Dass man diese Spiele wirklich als Startpunkt nutzt, um langfristig weiterzuarbeiten – und die Infrastruktur nachhaltig und sinnvoll weiterzuverwenden.