Knapp über 7.000 Einwohner zählt die Gemeinde Stryn im Westen Norwegens – dafür kann der beschauliche Ort eine erstaunlich hohe Quote an Biathlon-Olympiasiegern vorweisen. Schließlich wuchsen unter anderem der ehemalige Dominator Johannes Thingnes Bö sowie sein Bruder Tarjei dort auf.
Olympia 2026: Warum dieser Erfolg "völlig sprachlos" macht
Vor ihr ziehen sogar Ikonen den Hut
Doch seit dem Olympia-Sprint in Antholz am Samstag kann Stryn noch eine weitere Olympiasiegerin mit Maren Kirkeeide sein Eigen nennen. „Das ist das Verrückteste, was ich je gesehen habe. Das war total wild“, kommentierte die dreimalige Olympiasiegerin Marte Olsbu Roiseland den Moment des Erfolgs beim NRK.
„Verrückt“ macht der Sieg von Kirkeeide vor den beiden Französinnen Océane Michelon und Lou Jeanmonnot vor allem die Tatsache, dass die 22-Jährige bei den olympischen Wettkämpfen bislang völlig von der Rolle war. Es waren „nicht meine besten Wettkämpfe“, räumte sie nach dem Gewinn der Goldmedaille auf SPORT1-Nachfrage ein.
Das ist noch leicht untertrieben. Vor dem Sprint trafen zehn von 33 Schüssen nicht das Ziel, was eine Trefferquote von unter 70 Prozent ergibt. In der Mixed-Staffel schoss sie beim letzten Schießen zwei Strafrunden und kostete ihrem Team so eine Medaille, im Einzelrennen belegt sie mit fünf Fehlern lediglich Platz 49.
Biathlon: Kirkeeide startete durch
Damit blieb sie deutlich hinter den Erwartungen zurück, die sie durch ihre starken Leistungen in den vergangenen Monaten selbst erschaffen hatte. Kirkeeides Stern war aber bereits in der vergangenen Saison aufgegangen, als sie in ihrer ersten vollen Weltcup-Saison mehrere Podestplätze und sogar zwei Medaillen bei der WM in der Lenzerheide holte.
Der erste Weltcup-Sieg folgte dann in Annecy im vergangenen Dezember. Mit nur einem Ergebnis außerhalb der Top 20 überzeugte Kirkeeide mit großer Konstanz in diesem Winter - weshalb es umso verwunderlicher war, dass bei den ersten Rennen in Antholz komplett der Wurm drin war.
Nicht weniger beeindruckend ist es jedoch, wie sie es bei ihren ersten Olympischen Spielen schaffte, den Schalter einfach wieder umzulegen. „Mir fehlen gerade die Worte. Ich bin völlig sprachlos“, sagte ihr Trainer Patrick Oberegger beim NRK.
Mit diesem hatte Kirkeeide nach dem Debakel in den ersten Rennen „nochmal am Schießstand gearbeitet“, wie sie auf SPORT1-Nachfrage nach dem Golderfolg berichtete. Darüber hinaus habe sie „einfach versucht, mich auf die nächsten (Rennen, Anm. d. Red.) zu konzentrieren“.
Olympia 2026: Eckhoff und Bö schwärmen von ihr
Das hat augenscheinlich sehr gut geklappt - und brachte ihr Lobeshymnen von zahlreichen Biathlon-Experten ein.
So zeigte sich die ehemalige Gesamtweltcup-Siegerin Tiril Eckhoff bei SPORT1 „super beeindruckt“ von der Leistung ihrer Landsfrau, die ihrer Meinung nach „ein wirklich taffes Mädchen“ sei, das „nicht weint“, sondern einfach weitermacht. „Mit den Fehlern in der Mixed-Staffel zu starten und diesen Moment zu ruinieren und dann die Wende zu schaffen und heute fehlerfrei zu schießen, das ist eine große mentale Stärke, die sie hat“, hielt sie fest.
Auch Johannes Thingnes Bö schloss sich der Anerkennung an: „Sie gewinnt, weil sie die Beste ist, sie gewinnt nicht, weil andere versagen.“ Es sind diese Worte, die ihr „sehr viel“ bedeuten und die sie auf jeden Fall „im Kopf behalten“ wird, erklärte Kirkeeide von SPORT1 darauf angesprochen.
Johannes Thingnes und Tarjei Bö als Vorbilder
Womöglich sind diese Worte auch noch spezieller für sie, da Johannes Thingnes und Tarjei Bö früher ihre Vorbilder waren: „Es war toll (in Stryn; Anm. d. Red.), zwei so gute Biathleten dort zu haben, zu denen man aufschauen und sehen kann, was möglich ist.“
Doch bei dieser Medaille soll es im Idealfall für Norwegen nicht bleiben. „Dieses Ergebnis ist sehr wichtig für die kommenden Rennen. Ich hoffe, sie kann das Gleiche noch einmal tun, einfach entspannt sein und Spaß haben“, sagte Eckhoff bei SPORT1.
Spaß hat Kirkeeide dieser Samstag mit Sicherheit gemacht – und egal, was noch bei den Olympischen Spielen passiert: Ihr Heimatdorf wird stolz sein, eine weitere Olympiasiegerin hervorgebracht zu haben.