Biathlon>

Olympia: Das "kleine Mädchen", das nun die ganze Welt kennt

Biathlon-Märchen mit deutscher Note

Der Name Lora Hristova sagte selbst Biathlon-Stars wie Franziska Preuß wenig. Doch beim olympischen Biathlon-Einzel sorgt die Bulgarin für eine Sensation. Zu verdanken hat sie das neben ihrer harten Arbeit auch der Hilfe einer deutschen Trainer-Legende.
Franziska Preuß ist im 15-Kilometer-Einzelrennen der Frauen im Biathlon lange auf Medaillenkurs. Beim letzten Schießen trifft sie jedoch nur drei von fünf Scheiben und verpasst damit das olympische Podium.
Der Name Lora Hristova sagte selbst Biathlon-Stars wie Franziska Preuß wenig. Doch beim olympischen Biathlon-Einzel sorgt die Bulgarin für eine Sensation. Zu verdanken hat sie das neben ihrer harten Arbeit auch der Hilfe einer deutschen Trainer-Legende.

„Wer ist eigentlich diese Bulgarin?“ Diese Frage stellte die völlig verblüffte Franziska Preuß nach dem olympischen Einzel in der Umkleidekabine von Antholz. Die deutsche Biathletin fuhr mit einem Lachen fort: „Dann hat so ein kleines Mädel gesagt: ‚Ja, ich.‘“

Gesucht war Lora Hristova, die auf SPORT1-Nachfrage den kuriosen Moment nach dem Rennen aus ihrer Sicht schilderte: „Ich hörte, wie sie miteinander sprachen und sich fragten, wer dieses bulgarische Mädchen sei. Mein erster Gedanke war: ‚Ah okay, das bin ich. Das ist leicht zu beantworten.‘“

Wenige Minuten zuvor gewann die 22-Jährige sensationell Bronze und verwehrte damit der deutschen Vanessa Voigt einen Podestplatz, die hinter ihr auf Rang vier landete. „Als sie fragten, war mir in diesem Moment klar, dass es eine Medaille sein würde, denn ich kannte die Ergebnisse noch nicht“, erläuterte Hristova die skurrile Kabinenszene weiter.

Olympia 2026: Nicht nur Preuß völlig überrascht

Preuß‘ Frage zeigt, wie überraschend dieser Erfolg war, wenn selbst die eigenen Kontrahentinnen nicht wussten, wer Hristova war. Mit dem Blick auf deren bisherigen Resultate verständlich, denn sie belegt aktuell Platz 73 im Gesamtweltcup und schaffte in der laufenden Saison nur ein einziges Top-30-Ergebnis im Einzel von Östersund zum Auftakt.

Das beste Ergebnis ihrer Karriere vor dem Bronze-Erfolg war ein 13. Platz, ebenfalls im Einzel, bei der WM in der Lenzerheide 2025. Das Rennformat scheint ihr also ebenso zu liegen wie Großereignisse - zumindest mittlerweile.

Noch vor vier Jahren bei Olympia in Peking sah das ganz anders aus: Die damals erst 18-Jährige belegte im Sprint den 89. und damit letzten Platz. Doch das Ergebnis habe sie für das Rennen in Antholz nur zusätzlich motiviert, wie sie auf SPORT1-Nachfrage erklärte.

Sie habe sich zudem „an der Startlinie sehr viel selbstbewusster gefühlt, weil ich viel Arbeit investiert habe in den Jahren seit den vergangenen Olympischen Spielen“.

Deutsche Trainer-Legende hat Finger im Spiel

Dies zahlt sich nun aus – was auch einer deutschen Trainer-Legende zu verdanken ist. „Ich glaube, dass Wolfgang Pichler da (in der bulgarischen Mannschaft, Anm. d. Red.). eine sehr gute Grundlage legt“, sagte der deutsche Biathlon-Sportdirektor Felix Bitterling auf Nachfrage von SPORT1.

Pichler, der als Trainer in Schweden unter anderem für Rekordweltcupsiegerin Magdalena Forsberg sowie Olympiasiegerin Hanna Öberg verantwortlich war, ist seit anderthalb Jahren als Berater für das bulgarische Team tätig. Die Athleten unter seinen Fittichen haben nach eigener Einschätzung Pichlers insgesamt „50 Medaillen oder so“ gewonnen - die Bronzene von Hristova sei dennoch ganz besonders.

„Die ist hoch einzuordnen. Ganz hoch“, versicherte der 71-Jährige, der sich während des Gesprächs vor Gratulanten kaum retten konnte, auf SPORT1-Nachfrage. Der Erfolg sei „unglaublich“, vor allem wenn man sich die Voraussetzungen anschaue. Während die großen Nationen mit großen Wachs-Teams und eigenen Trucks unterwegs sind, habe das bulgarische Team gerade einmal drei Wachser.

Auch Bitterling hielt fest, dass es „eine etwas andere Situation dort in dem Land“ sei. „Sie haben nicht so viele Athleten, das heißt, die müssen mit einer sehr kleinen Gruppe arbeiten. Offensichtlich ist die Arbeit gut“, stellte der DSV-Verantwortliche nach dem Erfolg von Hristova fest.

Hristova schafft, was Preuß und Hauser misslingt

Dass die Athletin aus Sofia Potenzial hat, sei Pichler auch bereits nach der WM in der Lenzerheide bewusst gewesen - doch es gab einen Haken: „Das Problem war einfach, sie war zu schwach zum Laufen. Aber wir haben mit der (Milena) Todorova eine richtig gute Läuferin und das war für sie (Hristova) gut. Da hat sie sich danach richten können.“

Tatsächlich zeigte sich Hristova auf der Loipe zuletzt stark verbessert, auch wenn sie im Einzel trotzdem gut zwei Minuten auf die Laufschnellste verlor. Das war dank ihrer vier fehlerfreien Schießeinlagen jedoch ausreichend für den Erfolg.

Der Bulgarin gelang damit, woran einige große Namen gescheitert waren. So kamen auch Gesamtweltcupsiegerin Preuß und die zweifache WM-Medaillengewinnerin Lisa Hauser aus Österreich mit einer weißen Weste zum letzten Stehendanschlag. Dort patzten sie dann aber zwei- beziehungsweise dreimal - Hristova blieb hingegen cool.

„Man muss sehen, für uns war es schon viel leichter, weil von uns erwartet ja keiner was“, stellte Pichler zu dieser Situation fest, zeigte sich jedoch dennoch „sehr stolz“.

Hristova trainiert oft im Biathlon-Ort Ruhpolding

Hristova, die im Alter von elf Jahren mit dem Biathlon-Sport begann und oft auch im deutschen Ruhpolding trainiert, sorgte bereits im Jugendbereich für Aufsehen, als sie zwei Medaillen bei der EM sowie vier Mal Gold im Sommerbiathlon der Junioren holte.

Ihr großes Ziel sei aber von Beginn an „eine olympische Medaille gewesen“. Dieses hat sie nun bereits im Alter von 22 Jahren erreicht – und sich damit auch in das Bewusstsein ihrer Konkurrentinnen geschossen.

Preuß war die Situation in der Umkleide im Nachhinein übrigens schon „ein bisschen unangenehm“. Hristova wird es ihr aber sicher verzeihen, zumal die deutsche Biathletin im Anschluss eine der ersten Gratulantinnen war.

Die Frage, „wer eigentlich diese Bulgarin“ sei, wird Hristova so schnell ohnehin nicht mehr zu hören bekommen.