Thea Louise Stjernesund stand mit Tränen in den Augen vor den Medienvertretern. Im Riesenslalom bei der Ski-WM 2025 in Saalbach-Hinterglemm hatte die Norwegerin eine herausragende Leistung gezeigt - und dennoch war es wieder nicht genug. Besonders bitter: Lediglich ein Hundertstel fehlte zum Bronzerang - ein Wimpernschlag.
Olympia 2026: "Hätte mir nie vergeben!" Aus Tränen entsteht ihr Märchen
Aus Tränen entsteht ihr Märchen
Dieses Erlebnis liegt nun fast exakt ein Jahr zurück. Stjernesund hat es nie vergessen, aber Stärke daraus gezogen. „Dieser Tag hat mich dazu gebracht, mir selbst zu schwören, dass ich mich das nächste Mal, wenn ich diese Chance bekomme, nicht zurückhalten werde“, erzählte Stjernesund auf SPORT1-Nachfrage.
Olympia 2026: Stjernesund macht Versprechen wahr
Ihr Versprechen an sich selbst hat sie nun ausgerechnet bei den Olympischen Spielen in Cortina eingelöst.
Im Riesenslalom sicherte sich die 29-Jährige Silber und damit ihre erste Einzelmedaille bei Großereignissen überhaupt. Angetrieben von dem Motto: „Egal, ob es gut oder schlecht geworden wäre, ich hätte mir nie vergeben, wenn ich mich zurückhalte.“
Generell stand sie zuvor erst ein einziges Mal auf dem Weltcup-Podium. „Wenn ich noch einmal Vierte werde, könnt ihr mich ins Krankenhaus einliefern“, hatte sie damals vor dem zweiten Durchgang in Copper Mountain zu ihrem Team gesagt, wie sie im anschließenden ORF-Interview verriet.
Dieser Krankenhausbesuch steht nach Olympia tatsächlich an. Auf ihrem linken Fußballen hat Stjernesund eine Ganglionzyste, eine mit Flüssigkeit gefüllte Schwellung. Am Dienstag (ab 10 Uhr im LIVETICKER) nimmt die frischgebackene Silbermedaillengewinnerin noch am Slalomwettbewerb teil - danach geht es auf den OP-Tisch.
Nach dem größten Erfolg ihrer Karriere wird sie aber auch das wohl mit einem Lächeln angehen.
Trotz „komischem“ Gefühl: Norwegerin endlich im Glück
Dabei hatte es nach dem ersten Lauf von Cortina einmal mehr so ausgesehen, als könnte es doch nur der undankbare vierte Rang werden. Mit zwei weiteren Fahrerinnen teilte sie sich ausgerechnet den so undankbaren Platz, den sie bereits zu oft belegt hatte.
Doch es kam anders: „Die grüne Lampe (nach dem zweiten Lauf, Anm. d. Red.) zu sehen, hat mich so glücklich gemacht“, schilderte eine erleichterte Stjernesund ihre Gefühlslage auf Nachfrage von SPORT1 nach dem Rennen. Dabei habe sich der zweite Lauf „überhaupt nicht gut angefühlt“, sondern „einfach komisch“.
Ob komisch oder nicht - die Stoppuhr war endlich auf ihrer Seite. Wie schon bei der WM im vergangenen Jahr wurde es eine Hundertstel-Entscheidung - dieses Mal mit dem besseren Ende für Stjernesund, die sich mit fünf Hundertsteln Vorsprung vor der Italienerin Lara Della Mea behauptete.
Noch besonderer machte die Geschichte, dass sich Stjernesund Silber mit der Schwedin Sara Hector teilte. Kaum vorstellbar, aber wahr: Die beiden Fahrerinnen erzielten sowohl im 1. als auch im 2. Lauf die gleiche Zeit - und lagen sich sowohl direkt nach dem Lauf in der Leaders Box als auch bei der Siegerehrung sowie dem Weg zur Pressekonferenz in den Armen.
„Beinahe ein Team“: Norwegen und Schweden selten vereint
Ein Bild, dass im Nordischen Skisport so wohl kaum möglich gewesen wäre, schließlich gelten die beiden skandinavischen Nationen dort als sehr große Konkurrenten. „Im Langlauf sind es die vielleicht zwei größten Nationen, aber im Alpin sind wir das nicht, deshalb können wir vielleicht auch ein bisschen mehr zusammen kämpfen“, übte sich Hector in einer Erklärung.
„Es ist nicht ‚wir gegen den Rest der Welt‘, aber weil wir so wenige sind, lässt es uns beinahe denken, dass wir ein Team sind“, äußerte sich auch Stjernesund dazu: „Es wird immer eine Rivalität geben zwischen Norwegen und Schweden, aber auf eine gesunde und spaßige Art und Weise.“
Womöglich ist Hector also sogar ein wenig froh, dass Stjernesund die bittere Erfahrung bei der WM vor einem Jahr machen musste, denn sonst wäre die gemeinsame Feierei wohl flachgefallen.
Stjernesund hielt jedenfalls fest: „Es war ein sehr harter Tag mit diesem vierten Platz, aber es war auch eine große Motivation. Das hat dazu geführt, dass ich mich zusammengerissen habe.“