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Olympia: Die späte Krönung des Goldjungen

Vom „Verbrecher“ zur Unsterblichkeit

Markus Wasmeier fuhr am 17. Februar 1994 im Super G von Lillehammer zu Gold – und direkt in die deutschen Ski-Geschichtsbücher. Über anderthalb Minuten, die die Erlösung für „Wasi“ bedeuteten – und bis heute historisch sind.
Markus Wasmeier feierte seine Goldmedaille im Super G bei Olympia 1994 mit Ehefrau Brigitte
Markus Wasmeier feierte seine Goldmedaille im Super G bei Olympia 1994 mit Ehefrau Brigitte
© IMAGO/WEREK
Markus Wasmeier fuhr am 17. Februar 1994 im Super G von Lillehammer zu Gold – und direkt in die deutschen Ski-Geschichtsbücher. Über anderthalb Minuten, die die Erlösung für „Wasi“ bedeuteten – und bis heute historisch sind.

„Ja sag mal, spinnst du?“ Diese Worte hörte Markus Wasmeier nach dem Super G am 17. Februar 1994 bei den Olympischen Spielen von Lillehammer im Zielbereich. Sie entstammten seinem Vater Günther, der über eine Absperrung kletterte, um im größten Moment der Karriere bei seinem Sohn zu sein: Markus hatte Olympia-Gold gewonnen – endlich. Bei der Umarmung der beiden brach dann alles heraus: Tränen, Freude, Erleichterung.

Und die Gewissheit, dass Markus Wasmeier sich unsterblich gemacht hatte. Bis heute ist Wasmeier der letzte Deutsche im Männer-Skizirkus, der eine alpine Medaille bei Olympischen Spielen gewann.

Der „Wasi“ war so oft gescholten worden, in den großen Momenten zu versagen. 1988 fädelte er als Mitfavorit in Calgary im ersten Tor ein, eine Peinlichkeit. 1992 in Albertville blieb mit dem vierten Platz in der Abfahrt nur die unerwünschte Holzmedaille. Als er dann zu Beginn der Spiele 1994 in der Olympia-Abfahrt nur auf Platz 36 ins Ziel kam, stürzten sich die deutschen Medien mit Hohn und Spott auf ihn. Schlagzeilen zerrissen Wasmeier, selbst das sportliche Umfeld schien den damals 30-Jährigen fallen zu lassen.

Wasmeier: Ewig gescholten - und plötzlich Olympiasieger

„Im Deutschen Haus haben meine Familie und ich nicht mal einen Platz bekommen. Ich kam mir vor wie ein Verbrecher“, erzählte er dem Bayerischen Rundfunk einst. Wer brauchte schon einen Skirennläufer im Spätherbst seiner Karriere, der in den großen Momenten strauchelte?

Wohl keiner. Bis aus ihm vier Tage später der Goldjunge vom Schliersee wurde. Mit zwei Jahren stand er das erste Mal auf den schmalen Brettern. Es schien, als hätte er 28 Jahre Anlauf genommen für diesen Super G im norwegischen Kvetfjell. Für eine Minute, zweiunddreißig Sekunden, dreiundfünfzig Hundertstel deutsche Ski-Geschichte.

Mit der Startnummer vier startete Wasmeier. Er konnte sich schon im oberen Streckenabschnitt vier Zehntel Vorsprung herausfahren, ein Patzer vor dem Zielhang kostete jedoch wieder massiv Zeit – es sollte ein dramatisches Finish werden.

Tatsächlich kam Wasmeier als Erster ins Ziel – und führte vorerst acht Hundertstel vor dem Abfahrts-Olympiasieger Tommy Moe aus den USA. Ein Jubelschrei des im typisch deutschen Zebraanzug gehüllten Wasmeier erfüllte den Zieleinlauf. Und dann begann das große Warten.

„Da war eine innere Anspannung, eine Stunde lang“, erzählte er einmal: „Ich habe mich nicht richtig freuen können.“ Bis Fahrer um Fahrer hinter seiner Bestzeit zurückblieb. Und bis schließlich sein Vater über die Absperrung stieg und ihn bildlich zum Olympiasieger erklärte.

Olympia: Der „Gold-Wasi“ rast zum Doppel-Gold

Plötzlich war wieder Platz im deutschen Haus für den „Gold-Wasi“. Er war angekommen unter den deutschen Ski-Größen. Lauberhorn-Sieger, Weltmeister 1985 - und endlich auch Olympionike. Was das freisetzte, zeigte sich nur sechs Tage später. Im Riesenslalom – was gar nicht zu seinen Paradedisziplinen zählte – triumphierte Wasmeier erneut. Diesmal holte er Gold mit nur zwei Hundertstelsekunden Vorsprung vor dem Schweizer Urs Kälin, auch weil der Österreicher Christian Mayer das Nervenflattern bekam.

Und dann? War’s vorbei. Denn Wasmeier beendete seine Karriere unmittelbar nach den Lillehammer-Spielen auf seinem Schaffenshöhepunkt. Mit zwei Goldmedaillen bei seinen Abschiedsspielen, die Karriere vollendet. Vergoldet besser gesagt.

Plötzlich war er wer und konnte damit seinen Traum realisieren. Jahre später entstand das Freilicht-Heimatmuseum Schliersee, das noch heute zwischen Mai und Oktober seine Pforten für Besucher öffnet. All das ermöglichte dem gelernten Restaurator zahlreiche Finanzspritzen. „Niemand spendet dir was, wenn du Huber oder Maier heißt, wohl aber als Olympiasieger Wasmeier“, erklärte er. Die Goldmedaillen gingen in die Geschichte ein.