Im Schweizer Abfahrtsteam herrscht kurz vor dem Start der Olympischen Winterspiele dicke Luft. Nach dem ersten Abfahrtstraining auf der Stelvio-Piste in Bormio hat es intern spürbar geknirscht.
Zoff vor Olympia-Abfahrt: "Nicht im Sinne des Sports"
Zoff im Schweizer Abfahrtsteam
Niels Hintermann fühlte sich benachteiligt und fand anschließend klare Worte. „Was diese Herren am Dienstagnachmittag entschieden haben, ist nicht okay, es ist nicht im Sinne des Sports“, wird er von Eurosport zitiert.
Auslöser war der fixe Startplatz für Alexis Monney. Während dieser neben Marco Odermatt und Franjo von Allmen gesetzt ist, musste Hintermann in eine interne Qualifikation.
Olympia 2026: Schweizer Abfahrer übt Kritik an Trainer-Entscheidung
„Ich habe zwar überhaupt nichts dagegen, dass ich diese Qualifikation bestreiten muss, schließlich habe ich im laufenden Weltcup-Winter keinen Podestplatz herausgefahren“, sagte er, schob aber hinterher: „Aber Alexis Monney kann aus dieser Saison auch keinen Top-3-Rang vorweisen, dennoch hat man ihn gesetzt.“
Besonders störte sich Hintermann an der Änderung der bisherigen Abläufe. Seit seiner ersten Teilnahme an einem großen internationalen Event bei der WM 2017 in St. Moritz sei es üblich gewesen, dass alle Fahrer ohne Podestplatz in die Qualifikation mussten. „Doch jetzt fängt man leider plötzlich etwas Neues an“, kritisierte er.
Auch die Saisonergebnisse lieferten Diskussionsstoff. Monney holte einen fünften Rang sowie mehrere Top-Ten-Platzierungen. Hintermann war unter anderem Sechster in Kitzbühel und Siebter in Gröden geworden.
Hintermann entschuldigt sich: „Rechtfertigt meine Reaktion nicht“
Am Mittwochabend entschuldigte sich Hintermann dann für seine Aussagen. „Im Ziel ist mir der Moment entglitten. Die Emotionen waren echt, aber meine Reaktion war nicht okay. Das tut mir aufrichtig leid“, schrieb der 30-Jährige auf Instagram und fügte an: „Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich in einer Qualifikation um einen Platz kämpfen werde – einfach in einer anderen Konstellation. Das hat mich aus der Bahn geworfen, rechtfertigt meine Reaktion aber nicht.“
Vollkommen unberechtigt war seine Kritik allerdings nicht. Denn selbst Monney war von der Entscheidung überrascht. „Ich hatte mich gedanklich bereits auf die Quali vorbereitet, ich habe mich auf eine brutal schwere Woche eingestellt. Aber ohne Quali-Druck kann ich natürlich sehr viel Energie sparen“, erklärte er.
Gleichzeitig zeigte er Empathie für seinen Teamkollegen: „Ich kann den Ärger von Hintermann sehr gut nachvollziehen. An seiner Stelle wäre ich wohl auch genervt.“ Dass er in dieser Angelegenheit selbst aktiv gewesen ist, bestritt er: „Ich habe bei den Trainern nie Druck gemacht, dass sie mich setzen müssen. Aber selbstverständlich sage ich jetzt meinen Trainern auch nicht, dass ich die Quali trotzdem fahren möchte.“
Rätsel über Argumente für Monney
Unklar bleibt, ob Monneys Sieg 2024 in Bormio bei der Entscheidung eine Rolle gespielt hatte. Cheftrainer Tom Staufer sprach lediglich von einem „Gesamtbild“, das den Ausschlag zugunsten von Monney gegeben habe.
Der frühere Gesamtweltcupsieger Carlo Janka glaubt nicht daran, dass das Ergebnis von vor gut einem Jahr auf der Olympia-Strecke für die jetzige Entscheidung relevant gewesen ist: „Die Bedingungen in Bormio werden sehr wahrscheinlich anders sein als bei Monneys Sieg im Dezember 2024. Das Licht dürfte im Februar besser sein, die Piste weniger eisig. Darum sehe ich aufgrund der letzten Resultate keinen Grund, Alexis im Vergleich mit Niels und Rogi zu bevorzugen.“
Sportlich stand Hintermann nach dem ersten Training unter Druck. Er hatte mehr als zwei Sekunden auf die Bestzeit von Ryan Cochran-Siegle verloren, während Stefan Rogentin schneller gewesen war. Monney erreichte den vierten Platz, verpasste aber ein Tor.