Sie nannten ihn „Il Campionissimo“, den Champion der Champions. Fünfmal gewann Fausto Coppi den Giro d’Italia, zweimal die Tour de France, zahlreiche Siege bei den Klassikern kamen hinzu.
Er wurde nur 40: Das tragische Ende eines legendären Radsport-Giganten
Das tragische Ende eines Giganten
Er war die dominante Figur seines Sports nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Volksheld in seiner Heimat Italien – wenn auch nicht immer ein unumstrittener. Umso schockierter war die radsportverrückte Nation, als das Leben der Legende heute vor 66 Jahren tragisch viel zu früh endete.
Fausto Coppi: Aus einfachen Verhältnissen zur Radsport-Legende
Angelo Fausto Coppi wurde am 15. September 1919 in der kleinen Gemeinde Castellania im Piemont geboren. Er führte ein einfaches Leben, verließ mit 13 die Schule, um in einer Metzgerei zu arbeiten.
Seine früh entdeckte Leidenschaft fürs Radfahren lebte er zunächst mit einem rostigen Vehikel aus dem Familienkeller aus, das zu allem Überfluss keine Bremsen hatte. Als sein Onkel ihm das Geld für ein besseres Modell spendete, nahm eine große Karriere ihren Lauf.
Mit 15 Jahren gewann Coppi sein erstes Rennen, wofür er sich als Prämie 20 Lire und ein Salami-Sandwich verdiente. Fünf Jahre später läutete sein erster Giro-Sieg im Jahr 1940 eine Serie von bis dahin beispiellosen Errungenschaften ein.
Bei Giro und Tour de France: Der Dominator seiner Zeit
Nach einer Karriere-Unterbrechung, weil Coppi als Soldat im Zweiten Weltkrieg diente (und 1943 in Tunesien in britische Kriegsgefangenschaft geriet), begann 1946 Coppis große Zeit.
In den Jahren 1949 und 1952 gewann Coppi sowohl den Giro als auch die Tour de France – als Erster überhaupt, der die beiden berühmtesten Rundfahrten im selben Jahr für sich entscheiden konnte. Zwei weitere Giro-Siege (1957, 1953), ein WM-Gewinn (1953), drei Triumphe bei Mailand – San Remo und diverse weitere Klassiker-Erfolge kamen hinzu.
Coppi hatte einen ähnlichen Ruf wie später Eddy Merckx. „Immer wenn Coppi sich vom Peloton gelöst hat, hat das Peloton ihn nie wieder gesehen“, schrieb der französische Radsport-Journalist Pierre Chany. Sein italienischer Kollege Gianni Brera nannte Coppi einen „höheren Mechanismus, eine Maschine aus Fleisch und Beinen“. Der französische Konkurrent Jean Robic beschrieb Coppi als „Marsmensch auf einem Fahrrad“.
Zur irdischen Wahrheit gehört auch, dass Coppis Erfolg auch mit der Einnahme damals noch legaler Dopingmittel wie Amphetaminen zu tun hatte. Er war einer der ersten, die den Sport mit größerem Fokus auf Faktoren wie Ernährung professionalisierten – aus damaliger Sicht gehörten die leistungssteigernden Ergänzungsmittel dazu.
Um das historische Gewicht von Coppis Erfolgsbilanz einzuordnen, ist auch zu beachten, dass er im Lauf seiner Karriere nur dreimal an der Tour teilnahm. Wegen des Zweiten Weltkriegs fand sie lange nicht statt – und auch danach fehlte Coppi immer wieder.
1947 waren die Fahrer aus dem ehemaligen Feindesland noch nicht willkommen. 1948 war Coppi nach einem internen Konflikt mit dem italienischen Verband suspendiert, 1950 boykottierte er die Tour, weil er die Bühne damals nicht mit seinem Landsmann Gino Bartali teilen wollte. Die verbissene Rivalität der beiden italienischen Aushängeschilder war eine entscheidende Zutat des Mythos Coppi.
Coppi vs. Bartali: Eine legendäre Rivalität
Der fünf Jahre ältere Bartali aus der Nähe von Florenz war der zweite italienische Ausnahmefahrer seiner Zeit. Der Konkurrenzkampf der beiden begann bei Coppis erstem Giro-Sieg 1940, als Bartali eigentlich sein Teamkapitän war – der Jungstar den arrivierteren Kollegen und Landsmann aber überflügelte.
Die Duelle zwischen Coppi und Bartali, zweimaliger Tour- und dreimaliger Giro-Sieger, galten als Beginn einer goldenen, mythisch umrankten Radsport-Ära. Die zeitweise von persönlichen Animositäten begleitete Rivalität wurde in Italien zu einer Saga von nationaler Bedeutung.
Die unterschiedlichen Charaktere der beiden trugen ihr Übriges dazu bei, dass sich das Land in Coppiani und Bartoliani spaltete. Der religiöse und konservative Bartali hatte eher im ländlich geprägten Süden seine Fans, der atheistische, modernere und mondänere Coppi im industriellen Norden.
„Bartali ist der Mann derer, die an Tradition glauben“, umschrieb der Journalist, Autor und Filmemacher Curzio Malaparte den Gegensatz: „Er ist eine metaphysische Figur, geschützt von den Heiligen. Coppi hat niemanden im Himmel, der ihn beschützt. […] Coppi glaubt nur an seinen Körper, seinen Motor.“
Zusätzlich aufgeladen wurde die Rivalität im Nachhinein auch durch die nach Bartalis Karriere bekannt gewordene Rolle als Helfer im antifaschistischen Widerstand und Retter zahlreicher Leben von Deportation bedrohter Juden – ein weiterer Kontrast zu dem für das Regime von Diktator Benito Mussolini in den Krieg gezogenen Coppi.
Außereheliches Verhältnis erhitzte das konservative Italien
In den letzten Jahren seines Lebens war Coppi in seiner Heimat aus gänzlich anderen Gründen umstritten: Im Jahr 1954 flog eine außereheliche Affäre Coppis mit der jungen Giulia Occhini auf.
Im katholisch-sittenstrengen Italien der Nachkriegszeit war das Verhältnis ein großer Aufreger, Coppi und seine „weiße Frau“ sahen sich großen Anfeindungen ausgesetzt.
Selbst Papst Pius XI schaltete sich ein und forderte Coppi auf, zu seiner Ehefrau zurückzukehren. Scheidung war in Italien damals nicht nur verpönt, sondern auch illegal.
Coppi starb nach Afrika-Trip an Malaria
Im Dezember des Jahres 1959 vollzog sich dann das tragische Verhängnis, das Coppis Leben beenden sollte: Coppi und andere Rad-Größen seiner Zeit wurden vom Staatschef des heutigen Burkina Faso eingeladen, in seinem Land an einem Radrennen mit anschließendem Jagdausflug teilzunehmen.
Coppi infizierte sich bei dem Trip durch Moskitostiche mit Malaria und erkrankte schwer, ohne dass das Ausmaß direkt erkannt wurde. Am 2. Januar 1960 starb er, das Verhältnis mit Occhini beschäftigt das Land zu diesem Zeitpunkt noch immer: Occhini musste der Kirche öffentlich versprechen, Coppi im Fall seiner Genesung zu verlassen - sonst wären ihm die rituellen Sterbesakramente vorenthalten worden.
Die damalige Aufregung um Coppi ist längst verklungen, speziell auch durch die tragischen Umstände seines Todes ist er längst in den Rang einer nationalen Ikone erhoben worden.
Seit 2019, dem Jahr, in dem Coppi 100 geworden wäre, spiegelt sich das auch in seinem Heimatort wider: Die Gemeinde, in der Coppi auch begraben liegt, heißt seit damals Castellania Coppi.