„So richtige Voll-Amateure!“
Tour de France 2022: Lennard Kämna - der legitime Erbe von Tour-Legende Jens Voigt
Kämna: Erbe einer Tour-Legende
Lennard Kämna ging nach der 14. Etappe hart mich sich selbst und seinem Team ins Gericht. In einer 23-köpfigen Ausreißergruppe war das Team Bora-hansgrohe gleich mit drei Fahrern vertreten. Neben Kämna fuhren auch die beiden Österreicher Patrick Konrad und Felix Großschartner vorne mit.
Mit dem ersten Tagessieg für das Team wurde es jedoch wieder nichts, was den Deutschen zu seinem Wutausbruch animierte. „Schön Siebter, Achter, Neunter geworden. So richtige Voll-Amateure“, fluchte er im Ziel in Mende in die Mikrofone. (Die Teamwertung der Tour de France)
Dabei war ihm sogar entgangen, dass Teamkollege Konrad immerhin Fünfter geworden ist - ein Umstand, der aber wahrscheinlich nicht wirklich zur Gemütsverbesserung beigetragen hätte.
Tour 2022: Kämna scheitert dramatisch auf der 7. Etappe
Zu tief saß die Enttäuschung bei dem 25-Jährigen, dass er erneut den Tagessieg verpasst hatte. Dass es der U23-Weltmeister von 2017 kann, hat er schon bewiesen. Bei der Tour 2020 holte er seinen ersten und bislang einzigen Etappensieg auf der großen Schleife. Beim diesjährigen Giro d‘Italia holte er auch noch einen Etappensieg.
Dass der Mann aus Wedel die nötigen Qualitäten hat, um auf Tagessiege zu gehen, zeigt auch der Umstand, dass ihn sein Team in einem Jahr den Giro und die Tour fahren lässt. Normalerweise ist es eher ungewöhnlich, dass ein Fahrer zwei große Rundfahrten in einem Jahr fährt.
Auch bei der aktuellen Tour ist er auf einen Tagessieg aus. Dreimal versuchte er sich bereits in einer Ausreißergruppe. Jedes Mal scheiterte er - teils dramatisch. Auf der 7. Etappe, die mit der Bergankunft auf der Planche des Belles Filles endete, war er in einer elfköpfigen Ausreißergruppe.
An der Flamme rouge - 1000 Meter vor dem Ziel - hatte er als Solist noch einen Vorsprung von 35 Sekunden. Doch 100 Meter vor dem Ziel flogen die drei Topfavoriten Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard und Primoz Roglic noch an ihm vorbei. Am Ende wurde es Rang vier. Nicht mal mit der roten Nummer für den kämpferischsten Fahrer wurde er belohnt.
Der „Bolz-Minister“ probiert es weiter
Doch bei aller Enttäuschung: Kämna gibt sich weiter kämpferisch. Trotz der Rückschläge betont er: „Es wird nicht einfacher, aber wir werden es weiter probieren, so wie jedes Jahr“, und zeigt damit den Kampfgeist, mit dem vor ihm Jens Voigt immer wieder aufs Neue zu seinen Parforceritten ansetzte.
Der gebürtige Rostocker Voigt war während seiner aktiven Zeit von 1997 bis 2014 einer der angriffslustigsten Fahrer und feierte als Ausreißer insgesamt zwei Tagessiege bei der Tour.
Wie Voigt, hat auch Kämna bei den Teamkollegen mächtig Eindruck hinterlassen. Nils Politt, der seinerseits auf der 15. Etappe die rote Nummer ergatterte, sagte in der ARD über Kämna: „Wir nennen ihn nur Herr Bolz-Minister.“
Tour de France: Selbst Tadej Pogacar ist beeindruckt
Und selbst die größten Namen im Feld sind von dem deutschen Meister im Einzelzeitfahren, der seine Stärken im Kampf gegen die Uhr und in den Bergen hat, beeindruckt. „Ich bewundere diesen Typen. Er beweist jedes Jahr, wie stark er ist“, adelte ihn Pogacar nach der 10. Etappe, als Kämna das Gelbes Trikot gerade einmal um elf Sekunden verpasste. (Die Gesamtwertung der Tour de France)
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Schöne Worte, die Kämna allerdings nicht wirklich interessieren werden. Erst, wenn seine Bemühungen mit einem Etappensieg endlich belohnt werden, wird sich auch wieder ein Lächeln ins Gesicht von Kämna mogeln. In den Pyrenäen stehen seine Chancen nicht schlecht.
Als Voll-Amateur würde er sich dann wohl auch nicht mehr bezeichnen.