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Schwimm-Beben: Der deutsche Verband versinkt im Chaos

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Schwimm-Beben: Der deutsche Verband versinkt im Chaos

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Schwimm-Beben sorgt für Chaos

Schwimm-Beben sorgt für Chaos

Der Präsident wirft hin, Geldnot und ein noch nicht aufgearbeiteter Skandal bringen den deutschen Verband an den Rand der Handlungsunfähigkeit.
Schwimmstar Florian Wellbrock hat sein zweites Gold bei der WM in Budapest gewonnen.
SID
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von SID

Kein Präsident, kein Geld, keine Bundestrainer und ein Skandal-Schatten - etwas mehr als eineinhalb Jahre vor Olympia 2024 gibt der deutsche Schwimm-Sport ein trübes Bild ab.

Nach einer chaotischen Mitgliederversammlung am Wochenende ist der Deutsche Schwimm-Verbands (DSV) noch tiefer in die Krise gerutscht.

DSV-Präsident Marco Troll hat hingeworfen

Bei der Versammlung am Samstag in Kassel warf Marco Troll nach nur zwei Jahren an der Spitze das Handtuch und klagte über fehlende Finanzmittel und fehlendes Vertrauen.

Die bisherigen Vizepräsidenten Wolfgang Rupieper und Kai Morgenroth übernahmen nach langen Diskussionen als Doppelspitze, damit der Verband überhaupt handlungsfähig bleibt.

„Das ist hier kein Neuanfang“, betonte Morgenroth, Schatzmeister des Hamburger Schwimmverbandes, „wir müssen nicht alles neu aufbauen, sondern vieles einfach zu Ende bringen.“

DSV mit erfolgloser Suche nach Bundestrainern

Der Haushaltsplan für den chronisch klammen Verband wurde abgeschmettert, bis Ende Januar sollen Morgenroth und Rupieper einen neuen Etat für das kommende Jahr aufstellen.

Der Freiburger Polizeibeamte Troll hatte wegen der Finanzprobleme die Mitgliedsbeiträge erhöhen wollen, scheiterte jedoch bei insgesamt drei Abstimmungen mit diesem Vorhaben - und zog dann die Konsequenzen: „Kein Geld, kein Vertrauen, unter diesen Voraussetzungen sehe ich keine Möglichkeit weiterzumachen.“

Das fehlende Geld ist der wichtigste Grund für diverse personelle Vakanzen. So sollte längst ein neuer Cheftrainer für die Schwimmer installiert werden. „Ich habe mit international hochkarätigen Kandidaten gesprochen, letztendlich ist es immer am Gehalt gescheitert“, sagte Leistungssportdirektor Christian Hansmann dem SID, „wir werden es jetzt intern lösen.“

Bis zu den Olympia soll die sportliche Leitung auf mehrere Trainer verteilt werden - auch Bernd Berkhahn, Heimtrainer des Olympiasiegers Florian Wellbrock und offiziell Bundestrainer „lange Strecke“, wird weiter „eingebunden“. Hansmann fürchtet, dass von der Ablehnung der Beitragserhöhung „auch der Leistungssport betroffen“ und die „Planung für das nächste Jahr unsicher“ sind.

Im Wasserball und Wasserspringen sind die Bundestrainerposten ebenfalls vakant, im Synchronschwimmen wird mangels Geld mit einem Honorarmodell gearbeitet.

DSV will Missbrauchsvorwurf aufarbeiten

Dem Wassersprung-Bundestrainer Lutz Buschkow war im Oktober vom DSV fristlos gekündigt worden, weil er nach den Vorwürfen des ehemaligen Europameisters Jan Hempel vom jahrelangen sexuellen Missbrauch durch einen Trainer gewusst haben soll. Buschkow weist die Vorwürfe zurück.

Der Fall Hempel, der in der ARD-Dokumentation „Missbraucht: Sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport“ öffentlich geworden war, und andere Fälle sollen extern aufgearbeitet werden, in einem Prozess, „wie es ihn im Sport noch nie gegeben hat“, kündigte Rupieper, Jurist und ehemaliger Richter, an. Man sei in der finalen Phase bei der Besetzung der Kommission, die noch in diesem Jahr ins Leben gerufen werden soll.

Auch die schon länger geplante Strukturreform steht noch aus - mit der Umwandlung der Verbandsspitze in einen hauptamtlichen Vorstand und einen gewählten Aufsichtsrat.

Doch auch dafür braucht es Geld - und mutmaßlich eine Beitragserhöhung, die Troll jetzt nicht durchsetzen konnte. Ironie der Geschichte: Vor vier Jahren hatte Troll - in seiner damaligen Funktion als Präsident des badischen Verbands - die Erhöhung bei seiner Vorgängerin Gabi Dörries als einer der Wortführer noch abgelehnt.