Als van Almsick den Gipfel der Respektlosigkeit erlebte

Als van Almsick den Gipfel der Respektlosigkeit erlebte

Vor 26 Jahren erlebte die von persönlichen Problemen geplagte Franziska van Almsick bei Olympia in Sydney ihren sportlichen Tiefpunkt - üble Häme war die Folge.

Kometenhaft ist als Beschreibung für den Aufstieg von Franziska van Almsick noch untertrieben. Bereits im Alter von 14 Jahren wurde sie zum Star. Die deutsche Schwimm-Ikone gewann bei den Olympischen Spielen 1992 zweimal Silber und zweimal Bronze und entwickelte einen Bekanntheitsgrad, der vergleichbar mit dem eines Popstars war.

Es folgten fünf Goldmedaillen bei der EM 1993 und ein Weltmeistertitel bei der WM 1994. Die gebürtige Berlinerin entwickelte sich zum ersten gesamtdeutschen Sportstar nach der deutschen Wiedervereinigung und konnte sich vor Medienanfragen kaum mehr retten. Van Almsick erlebte allerdings auch die Kehrseite des Ruhms – besonders nach einem Tiefpunkt ihrer Laufbahn, der sich am Freitag zum 26. Mal jährte.

Franziska van Almsick blieb bei Olympia 2000 glücklos

Bei den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 blieb van Almsick ohne eine Einzelmedaille – in besonderem Maße schmerzte, dass sie in ihrer Paradedisziplin 200 Meter Freistil nicht mal das Finale erreichte.

Van Almsick, 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta noch Silber-Gewinnerin und 1994 Weltmeisterin über die Distanz, verpatzte am 18. September ihr Halbfinale. Sie startete zu schnell, nach der Hälfte der Strecke ging ihr die Puste aus – sie wurde von Platz 1 durchgereicht, war in der Gesamtabrechnung nur Elfte.

Franziska van Almsick schwer enttäuscht nach dem Halbfinal-Aus bei Olympia in Sydney
Franziska van Almsick schwer enttäuscht nach dem Halbfinal-Aus bei Olympia in SydneyFranziska van Almsick schwer enttäuscht nach dem Halbfinal-Aus bei Olympia in Sydney© IMAGO/HochZwei

Die damals 22-Jährige verließ den Ort des Geschehens wortlos – und zeigte sich auch mit einem Tag Abstand ratlos: „Ich fühle mich heute nicht in der Lage, Interviews zu geben. Bitte haben Sie Verständnis dafür“, teilte sie in einem schriftlichen Statement mit. Sie habe „keine Erklärung“.

DEINE MEINUNG

Der kleine Trost, der für van Almsick an diesem Tag noch folgte: eine Bronzemedaille in der 4x-200-Meter-Staffel mit Antje Buschschulte, Sara Harstick und Kerstin Kielgaß. Den Frust van Almsicks vertrieb sie nur bedingt.

Essstörung machte Schwimm-Legende zu schaffen

Wie erst später bekannt wurde, hatte van Almsick in den Jahren vor Olympia mit folgenschweren persönlichen Problemen zu kämpfen: „Es wusste ja niemand, dass ich mich gerade aus einer Essstörung herausgearbeitet hatte“, erinnerte sie im vergangenen Jahr.

Diese sei im Jahr 1996 aufgrund des unmenschlichen Drucks, der Dauerbeobachtung und eins fremdbestimmten Lebens entstanden. „Ich war in einem Hamsterrad, in dem mir permanent gesagt wurde, was ich zu tun und zu lassen habe. Das Einzige, was ich am Ende selbst entscheiden konnte, war, ob ich esse oder nicht esse. Und ich habe einfach aufgehört zu essen“, erinnerte sie sich.

Im Jahr 1998 entschied sie sich für eine Therapie: „Ich wusste: Ich brauche jemanden, der mir wieder beibringt, wie man anständig isst“, argumentierte sie.

Böse Schlagzeilen und ein furioses Comeback

Die Öffentlichkeit wusste nichts von van Almsicks Kampf und ihre in Sydney noch sichtbaren Gewichtsprobleme – und machte sich ihren eigenen Reim, auf teils indiskutable Weise.

Die oft hämische Berichterstattung über van Almsick gipfelte in der Schlagzeile der Berliner Boulevardzeitung B.Z.: „Franzi van Speck. Als Molch holt man kein Gold.“ Van Almsick war tief getroffen, wie sie später berichtete: „Ich war wirklich, wirklich verletzt.“

Die vieldiskutierte Zeile missfiel nicht nur ihr – eine Welle der Entrüstung kostete den verantwortlichen Chefredakteur den Job. Es war der 2025 verstorbene Franz-Josef Wagner, national bekannt als ebenso kontroverser Bild-Kolumnist („Post von Wagner“).

Für van Almsick, deren Karriere nach Sydney am Ende schien, war das letzte Wort noch nicht gesprochen: Zwei Jahre danach schlug sie bemerkenswert zurück. Bei der Heim-EM in Berlin war der Local Hero kaum zu stoppen und gewann fünf Goldmedaillen. Es folgte die Auszeichnung zur Sportlerin des Jahres.

Zwei Jahre später beendete sie nach den Olympischen Spielen von Athen ihre Karriere. Obwohl ihr großer Traum einer olympischen Goldmedaille unerfüllt blieb, hatte die heute 48-Jährige nichts zu bereuen.